Bundestrainer Klinsmann geht, Löw übernimmt

Joachim Löw ist neuer Bundestrainer. Der bisherige Assistenzcoach wird damit Nachfolger von Jürgen Klinsmann, der ihn als ideale Lösung bezeichnete. Als Grund für seinen Rücktritt nannte Klinsmann den Wunsch nach Normalität. Er sei ausgebrannt.


Frankfurt am Main - "Für mich war Löw nie ein Assistenztrainer", betonte Klinsmann auf einer Pressekonferenz in der DFB-Zentrale, "er war immer ein fester Partner". Er habe seinen eigenen Aufgabenbereich gehabt, den er selbstständig geleitet habe - von Training bis hin zu Videoanalysen habe er ohnehin alles alleine geführt. "Ich selbst hatte eher die Funktion eines Supervisors, der schaute, dass eins ins andere greift. "Die eigentliche Arbeit hat er verrichtet", so Klinsmann.

Löw unterschrieb einen Zweijahresvertrag bis nach der Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz. "Das Ziel heißt schlicht und klar, wir wollen Europameister 2008 werden", sagte der Geschäftsführende DFB-Präsident Theo Zwanziger.

Löw, der der zehnte Chefcoach in der Geschichte des DFB-Teams ist, gab das gleiche Ziel aus. "Ich sage ganz klar, das Ziel von Oliver Bierhoff, Andreas Köpke, des gesamten DFB- Präsidiums und natürlich auch mir ist es, den EM-Sieg zu holen", sagte Löw.

Klinsmann, der gestern Abend seinen Rücktritt erklärt hatte, sagte auf der Pressekonferenz, dass es sein großer Wunsch gewesen sei, "in die Normalität" zurückzukehren. Er habe sehr viel Kraft gelassen während seiner zweijährigen Arbeit als Bundestrainer. Er fühle sich im Moment absolut nicht im Stande, diese Arbeit mit der gleichen Energie und Power weiter zu führen. "Ich habe das Gefühl, ausgebrannt zu sein, und werde mir erst einmal ein halbes Jahr Urlaub gönnen und in keinster Weise etwas anderes annehmen."

DFB-Präsident Theo Zwanziger hat versichert, dass der Verband den vom scheidenden Bundestrainer eingeschlagenen Weg konsequent fortsetzen wird. "Das Präsidium will einmütig eine Fortsetzung der Arbeit Klinsmann-Löw, jetzt mit Joachim Löw", sagte Zwanziger.

Klinsmann zeigte sich darüber erleichtert. Er sei unglaublich froh, dass der DFB seine Philosophie weiterführen wolle. "Der ganze Stab hat sich bekannt zu dieser Philosophie, die wir entwickelt haben", erklärte Klinsmann. Der scheidende Bundestrainer bezeichnete es deshalb auch als "einzig sinnvolle und logische Schlussfolgerung", Löw zu bitten, dieses Amt zu übernehmen.

Die Mannschaft sei charakterlich so top, sie habe eine so tolle Weltmeisterschaft gespielt und sei reif genug, den nächsten Schritt zu gehen. In dem Team stecke noch sehr viel mehr. Klinsmann erreichte mit der DFB-Auswahl in 34 Spielen 21 Siege, sieben Unentschieden und sechs Niederlagen. Nach dem EM-Aus des deutschen Teams hatte er die Mannschaft am 29. Juli 2004 vom zurückgetretenen Rudi Völler übernommen.

"Ich bin sehr glücklich, dass Jogi diese Aufgabe annimmt", sagte Klinsmann. Er sei tausendprozentig überzeugt davon, dass Löw dies mit allerhöchster Qualität machen werde. Auch DFB-Sportdirektor Matthias Sammer begrüßte die Entscheidung der DFB-Verantwortlichen pro Löw. "Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Joachim Löw in seiner neuen Rolle und möchte mit ihm gemeinsam etwas im Interesse des deutschen Fußballs bewegen", sagte Sammer.

Eigene Ambitionen auf die Nachfolge von Klinsmann bestritt Sammer. "Entgegen allen Spekulationen war es nie meine Absicht, nach der WM als Bundestrainer zu arbeiten", so der 38-Jährige. Vielmehr sei es von Anfang an sein erklärtes Ziel gewesen, in seiner Position als Sportdirektor neue Impulse in der Nachwuchsförderung zu setzen.

Wer Löws Nachfolge als Assistenzcoach antritt, ist noch nicht entschieden. "Das wird meine erste Amtshandlung sein, einen Assistenten zu finden", sagte der 46-jährige Low. Er werde sich zunächst mit Teammanager Bierhoff über mögliche Kandidaten beraten. Junioren-Nationaltrainer Dieter Eilts solle zunächst seinen Job als U21-Chefcoach behalten.

Auch den Trainer vom FSV Mainz, Jürgen Klopp, schloss Löw als künftigen Assistenten aus: Er schätze Klopp als sehr qualifizierten, sachkundigen und sympathischen Trainer. Aber der Kollege sei in Mainz unter Vertrag und deshalb kein Thema beim DFB. Er werde sich in den nächsten Wochen auf die Suche machen, sagte der neue Bundestrainer.

Vor seinem DFB-Engagement hatte Löw den VfB Stuttgart, den Karlsruher SC sowie verschiedene Vereine in der Türkei und Österreich trainiert. Mit Stuttgart gewann er 1997 den DFB-Pokal und zog im folgenden Jahr ins Europapokalfinale der Pokalsieger ein, verlor dort aber das Endspiel gegen den FC Chelsea. In der Bundesliga brachte es Löw als Spieler auf 52 Einsätze und sieben Tore.

goe/pav/dpa/AP

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