Aus Madrid berichtet Rafael Buschmann
Als Robert Lewandowski das Estadio Bernabéu verlassen wollte, blieb er mit seinem linken Fuß an einem Geländegitter hängen. Borussia Dortmunds Angreifer geriet ins Stolpern und fiel beinahe hin. Ein außergewöhnlicher Augenblick, denn ausgerechnet ein unbewegliches Hindernis schaffte, was in den 96 Minuten zuvor keiner der Real-Verteidiger geschafft hatte: den Polen ins Wanken zu bringen.
Lewandowski, der viel umworbene Stürmer, der sich mit dem FC Bayern München bereits über einen Wechsel einig ist, war einer der Garanten für den historischen Finaleinzug des BVB. Im Hinspiel hatte er alle vier Tore gegen Madrid geschossen, und auch im Rückspiel war er gefährlich, sein Lattenschuss in der 49. Minute war hörbarer Beweis dafür. Aber ihm fehlten, auch aufgrund des immensen Kraftverlustes durch die vielen Zweikämpfe mit der Real-Abwehr, vorm gegnerischen Tor viel zu häufig Konzentration und Präzision, um erneut zum Helden zu werden.
Diese Rolle übernahmen diesmal andere. Einer davon stand am anderen Ende des Spielfelds. Mats Hummels, Dortmunds Innenverteidiger, der durch seinen unglücklichen Pass im Hinspiel das Madrider Gegentor ermöglichte, war in der Vorwoche noch das Regengesicht der Borussia. Während ganz Dortmund den 4:1-Sieg feierte, entschuldigte sich Hummels für sein Missgeschick. Er ahnte, dass sich das Gegentor im Rückspiel noch rächen könnte. Dass der deutsche Nationalspieler in Madrid eine fehlerlose Partie zeigte, kaum einen Zweikampf verlor und dazu noch etliche grandiose Pässe schlug, wirkte wie ein großer Radiergummi für die Erinnerungen an den Patzer in Dortmund.
"Ich hatte heute so viel Adrenalin im Körper"
Neben Hummels standen zwei andere Akteure im Blickpunkt: Torwart Roman Weidenfeller und Außenverteidiger Lukasz Piszczek. Beide gelten seit gestern Abend als die personifizierten Alpträume von Cristiano Ronaldo. Zunächst scheiterte der Portugiese zweimal völlig freistehend vor Weidenfeller, den Trainer Klopp zuletzt mit Recht "den besten Torhüter der Welt, der nie für eine Nationalmannschaft gespielt hat", genannt hatte.
Lewandowski: der Held des Hinspiels. Hummels, Piszczek, Weidenfeller: die Garanten für ein Weiterkommen in Madrid. Es ist nicht nur die Geschichte von vier Spielern, die der Mannschaft ein Gesicht geben. Es ist auch die Geschichte eines Spielsystems, das unaufhaltsam seinem Höhepunkt entgegenstrebt. Das Dortmunder Spiel, schnell umschalten, Pressing und Gegenpressing, mit allen Mannschaftsteilen attackieren und verteidigen, das ist das derzeitige Geheimnis des BVB-Erfolgs.
Kein normales Team
Der für diese Meriten eigentlich zu kleine Kader, die zahlreichen Verletzungen dieser Saison, die andauernde Unruhe um Spielerwechsel - die BVB-Protagonisten auf dem Platz lassen sich davon nicht aus der Ruhe bringen. "Wir sind kein normales Team. Wir sind Freunde, die ein großes, ganz großes Ziel haben", sagte Marcel Schmelzer.
Diese Geschlossenheit, dieses Über-den-eigenen-Eitelkeiten-Stehen, das Selbstvertrauen resultiert auch daraus, dass diese Mannschaft, die im vergangenen Jahr nach dem sieglosen Ausscheiden aus der Königsklasse europaweit mit Häme überschüttet wurde, allen Kritikern gezeigt hat, "dass es einen Borussia-Fußball gibt und dieser funktioniert", wie Ilkay Gündogan, der sich zunehmend zum Hirn des BVB-Spiels entwickelt, formulierte. "Diese Mannschaft ist gewachsen. Man muss dabei auch die Abfolgen betrachten: zunächst Meister, dann Double-Sieger, jetzt ein neuer Meilenstein. Das hätte uns vor fünf Jahren keiner zugetraut."
Es wirkt so, als würde den BVB vor dem Finale lediglich noch eine Frage umtreiben: Wer aus dem Team wird in London zum Helden?
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