Von Sara Peschke
Überflieger-Kinder leiden oft unter dem gleichen Problem. Weil ihnen - scheinbar spielerisch - immer alles gelingt, akzeptiert das Umfeld ihre Höchstleistungen irgendwann als selbstverständlich. Lob? Wozu! Ein fataler Fehler. Hermann Hummels weiß das. Der Vater von Nationalverteidiger Mats Hummels will für seinen Sohn deshalb genau das sein: ein gerechter Vater.
Dabei musste die Beziehung der beiden über mehrere Jahre eine Belastungsprobe überstehen. Vater Hummels war 17 Jahre lang Nachwuchstrainer beim FC Bayern München, Sohn Hummels wechselte 2008 von Bayern zu Borussia Dortmund. Hermann Hummels hat Mats trotzdem für seine Leistungen gelobt. "Blut ist immer ein bisschen dicker als Wasser", sagt der Vater.
Dem Sohn hat das offenbar gutgetan, er ist einer der besten deutschen Abwehrspieler, mit dem BVB wurde er zweimal in Folge Meister. Wenn er am Samstag zum Spitzenspiel beim FC Bayern aufläuft, wird sein Vater seit langem mal wieder auf der Tribüne des Münchner Stadions sitzen. Er wird niemanden laut anfeuern oder über Tore jubeln, im Stillen aber wird er Dortmund die Daumen drücken. Wegen der Nummer 15.
Und weil Hermann Hummels enttäuscht ist von den Bayern. Fast zwei Jahrzehnte war er in München erst Jugendtrainer, später Jugendkoordinator. Im März trennte sich der Verein von Hummels, mit der Begründung, dass man mit den Ergebnissen seiner Arbeit nicht mehr zufrieden sei. Bayerns Amateure waren in der Saison zuvor in die Regionalliga abgestiegen. Beim Gerichtsstreit um die Abfindung äußerte Hummels die Vermutung, dass auch der Sohn eine Rolle bei der Entlassung gespielt habe. Die Bayern hatten ihn Anfang 2011 zurückholen wollen, mehrfach war der Dortmunder zu Gesprächen in München gewesen. Aber der junge Hummels entschied sich gegen den FC Bayern, und der alte war ein Jahr später nicht mehr erwünscht. Die Münchner bestreiten einen Zusammenhang.
Starke Identifikation und Treue unter Bayern-Spielern
"Beide Seiten haben sich nicht mit Ruhm bekleckert", sagt Hummels, der nun eine eigene Spielerberater-Agentur betreibt. Der 53-Jährige klingt verbittert. Wenn man die Bilanz seiner Jugendarbeit beim FC Bayern betrachtet, kann man ihn verstehen. Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Toni Kroos, David Alaba, Holger Badstuber, um nur einige zu nennen: Sie alle sind bei dem Verein groß geworden, der sie im Kindes- und Jugendalter ausbildete. "Mei, darauf bin ich stolz", sagt Hummels. Stimmung und Stimme verändern sich schlagartig. "Und diese Jungs identifizieren sich alle mit dem FC Bayern, die sind richtig treu. Thomas Müller bewegst du nicht mal eben dazu, aus München wegzuziehen."
Die Bayern hätten es geschafft, durch einen Kern von Profis, die von der eigenen Jugend nach oben "durchgebracht" worden seien, eine einzigartige Kontinuität zu schaffen. "Es gibt vergleichsweise wenige Wechselgerüchte. Diese Ruhe, denke ich, tut allen gut", sagt Hummels. Es ist durchaus ein kleiner Seitenhieb gegen Borussia Dortmund, die zuletzt nicht nur mit den Gerüchten um den Wechsel von Stürmer Robert Lewandowski zu kämpfen hatte.
Kein Problem, dass der Sohn zum Konkurrenzverein wechselte
Der BVB habe mittlerweile zwar mit Mario Götze oder, über Umwege, Marco Reus auch einige eigene Spieler auf Champions-League-Niveau gehoben, doch für Hummels ist das nicht mit dem FC Bayern vergleichbar. "Als einer der ganz wenigen Vereine hat Bayern ohne finanzielle Sorgen auf den Nachwuchs gesetzt", sagt er. Die meisten anderen Clubs, unter ihnen Dortmund, Stuttgart, Freiburg oder Mönchengladbach, hätten lange nach der wirtschaftlichen Formkurve gehandelt: "Fehlte das Geld, wurde auf die Jugend gesetzt."
"Das Wichtigste für den jungen Spieler ist das Vertrauen", sagt Hummels. Sein Sohn habe Vertrauen in Dortmund gefunden, sich dort eine eigene Identität aufgebaut. Der Vater, gleichzeitig auch Manager des Spielers Hummels, hatte ihn damals, als sie zu Hause alle Optionen durchdiskutierten, in seinem Schritt zum BVB bekräftigt. Der Selbständigkeit wegen. "Wir können jungen Menschen viel mehr zumuten, als wir glauben. Wer früh in die Verantwortung genommen wird, wird dann auch in großen Endspielen die richtige Entscheidung treffen", sagt Hummels.
Er sah im Wechsel seines Sohnes zum Konkurrenzverein nie ein Problem, auch nicht darin, dass er ihn weiter in sportlichen Fragen beriet. "Wir haben eine ganz normale Vater-Sohn-Beziehung und ich kenne mich zudem in Mats' Beruf aus. Natürlich redet man da am Telefon oder bei den seltenen Besuchen", sagt Hummels. Und bis 2011 hätten ohnehin meistens die Bayern gegen Dortmund gewonnen, erst danach sei es kompliziert geworden.
Hermann Hummels ist sich sicher, dass sein Sohn am Samstag die richtigen Entscheidungen treffen wird. Sollte das Kind den Vater nach dem Spiel um dessen Einschätzung bitten, wird er ehrlich antworten. Einen Streit am Küchentisch gibt es bei den Hummels aber nur noch selten.
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