Aus Madrid berichtet Rafael Buschmann
Zeljko Buvac bekreuzigte sich. Einmal, zweimal, dreimal. Der Co-Trainer von BVB-Coach Jürgen Klopp drehte sich in der 88. Minute mit seinem Rücken zum Spielfeld und bat höhere Mächte um Beistand. Klopp selbst gestikulierte gleichzeitig so wild in Richtung seiner Spieler, dass ihn der zur Einwechslung bereitstehende Felipe Santana einmal fest drücken musste. Der Brasilianer wollte beruhigen, "obwohl in meinem Kopf alle möglichen Gedanken waren", wie er nach Spielschluss erklärte.
Es war die Phase, als aus dem Traum Champions-League-Finale doch noch ein Alptraum zu werden drohte. Sergio Ramos, der bis dato vor allem damit aufgefallen war, BVB-Stürmer Robert Lewandowski als menschlichen Sandsack zu benutzen, hatte einen Ball aus dem Gewühl heraus an Torwart Roman Weidenfeller ins Netz gedroschen, Real Madrid fehlte nur noch ein Treffer, um die 1:4-Niederlage aus dem Hinspiel zu drehen.
Es war auch die Phase, in der BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke seinen Sitzplatz, den er direkt neben dem spanischen König Juan Carlos hatte, verließ und sich auf der Toilette einsperrte: "Das erste Mal in meinem Leben musste ich wegen Herzproblemen aufgeben. Ich bin die letzten 20 Minuten auf die Toilette gegangen und konnte nicht mehr hinsehen", sagte Watzke nach dem Match beim TV-Sender Sky. Doch dann ging alles gut.
"Fiiiiiiinaaaaaaale, oooho!"
Als Schiedsrichter Howard Webb nach knapp 96 Minuten brutal-intensiven Halbfinalfußballs das Spiel abpfiff, war es beim 2:0 für Real geblieben - und auf Dortmunder Seite wandelten sich all die Anspannung, die Sorge, die Lähmung der letzten Spielminuten in ein einziges Jubelbad. Mats Hummels fiel auf dem Spielfeld auf die Knie, schlug mit seiner Faust auf den Boden. Weidenfeller, der ein Weltklassespiel gezeigt hatte, lief im Zickzack über den Platz, ohne einen erkennbaren Plan, wo sein Sprint aufhören soll. Die Ersatzspieler stürmten das Feld, die mitgereisten Dortmunder Anhänger, die wieder zu Tausenden die Mannschaft begleitete hatten, sangen ein sehr lautes: "Fiiiiiiinaaaaaaale, oooho!"
"Ich kann das alles noch gar nicht glauben. Ich bin einer der glücklichsten Menschen Europas", sagte Borussias Innenverteidiger Neven Subotic. Beinahe alle BVB-Spieler verließen das Estadio Bernabéu bekleidet mit "Wembley calling"-Shirts. "Das Finale ist ein Traum, von dem ich mein Leben lang geträumt habe. Jetzt wollen wir dort auch mit unserem Fußball erfolgreich sein", sagte Mats Hummels mit Blick auf das Endspiel am 25. Mai in London.
Sahin soll Spontanfeier organisieren
Doch nur die wenigsten Spieler wollten sich an diesem Abend in Madrid mit dem Finale, dem möglichen Gegner oder den Siegchancen beschäftigen. Stattdessen wurden bereits in den Katakomben des Stadions Pläne für einen "Tanz in den Mai" der ganz besonderen Sorte ausgetüftelt. "Wollen wir mal nicht päpstlicher sein als der Papst. Wir haben einen Tag mehr als die Bayern, den wollen wir nutzen", sagte Klopp, der bereits an die mögliche Final-Generalprobe, das Bundesligaspiel des BVB gegen Bayern München am Samstag dachte: "Ich weiß nicht, was die Jungs machen, aber ich geh jetzt noch ein Bier trinken. Kann sein, dass wir von den Bayern richtig Haue bekommen, aber das wird die glücklichste Niederlage der Geschichte. Wenn ich den Jungs jetzt nicht erlaube, rauszugehen, dann bin ich doch ein Vollhorst", sagte Klopp.
Torwart Weidenfeller, angesprochen auf Klopps Worte, antwortete etwas unwirsch: "Eben war der Trainer noch strenger in der Kabine, hat gesagt: 'Keiner geht aus dem Hotel!'" Dass trotzdem gefeiert wurde, ist anzunehmen. Nuri Sahin, der ein Jahr bei Real Madrid verbracht hat, bekam den offiziellen Auftrag, eine kleine, spontane Feier auf die Beine zu stellen.
"Ich habe jetzt erst mal nicht vor, schlafen zu gehen", sagte Kevin Großkreutz. Wenn die Mannschaft, von der Klopp sagt, dass sie nur "All-inclusive"-Spiele abliefern kann, also Emotionen, Angriffsfußball und Drama, genau so feiert wie sie kickt, ist es eine lange Nacht in Madrid geworden.
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