Von Peter Ahrens
Berlin - Sieg im Spitzenspiel, Tabellenführung ausgebaut, die Titelverteidigung vor Augen - Borussia Dortmund und Trainer Jürgen Klopp scheinen nach diesem Mittwochabend das Maß aller Dinge im deutschen Fußball zu sein. Zweifel, dass der BVB seinen Sechs-Punkte-Vorsprung in den kommenden vier Partien noch verspielen wird, verbieten sich beinahe angesichts der famosen Rückrunde des Teams.
Das 1:0 gegen den FC Bayern war der vierte Sieg nacheinander in der Liga gegen die Münchner. Daraus den Rückschluss zu ziehen, dass die Borussia zurzeit die bessere Mannschaft der zwei Liga-Giganten stellt, liegt nahe. Doch für ein derart klares Votum lieferte die Spitzenpartie zu wenig Anhaltspunkte. Ein Elfmeter für die Bayern, der nicht verschossen worden wäre - und alle anschließenden Beurteilungen wären womöglich anders ausgefallen.
In jedem Fall aber ist der BVB derzeit das nervenstärkere Team, konzentrierter, besser auf den Punkt vorbereitet, eher in der Lage, mit der Drucksituation umzugehen. Faktoren, die letztlich auf die Arbeit des Trainers zurückfallen. Faktoren, die sonst dem FC Bayern zugeschrieben werden.
Auch im Triumph angemessen bescheiden
BVB-Trainer Jürgen Klopp hat erneut eine Meisterleistung vollbracht - inklusive seiner Performance nach dem Spiel, wo er mal wieder gekonnt die Emotionsklaviatur rauf- und runterspielte. Mit Sätzen wie "Wir sind alle ein bisschen verknallt in diesen Verein" sichert er sich in Dortmund Sympathien auf Lebenszeit.
Dass dazu auch gehört, im Gefühl des Triumphes noch angemessen bescheiden aufzutreten und auf die schwierigen nächsten Gegner Schalke 04 und Borussia Mönchengladbach zu verweisen, ist bei Klopp mittlerweile selbstverständliches Handwerk. In Sachen öffentlicher Auftritt macht dem 44-Jährigen im deutschen Fußball keiner etwas vor.
Es ist im Vorfeld zu diesem "Spiel des Jahres" ein ungeheurer Wirbel veranstaltet worden, vom "deutschen Clásico" war schon in heftigster Übertreibung die Rede - Borussia Dortmund als quasi der deutsche FC Barcelona und Bayern München als Real Madrid der Bundesliga. Das Spiel selbst war bis auf die dramatische Schlussphase dann aber eher durchschnittlich. Beide Teams können deutlich mehr, als sie am Mittwoch abzurufen imstande waren.
Vom internationalen Abschneiden genervt
Ohnehin stört das Bild vom "Clásico", dass der BVB international noch lange nicht am Ende seiner Möglichkeiten angekommen ist. Der Meister hat unter Klopp zuletzt zwei sehr schwache Europacup-Saisons absolviert. Jeweils war schon nach den Vorrunden Schluss - was der Borussia zwar viele Kräfte im Meisterkampf gespart, sie aber auch Renommee gekostet hat.
Zum argumentativen Grundinventar jedes München-Fans gehört der Hinweis, dass die Bayern international immer noch der einzige deutsche Club sind, der nachhaltig wettbewerbsfähig ist. Klopp hat das frühe Ausscheiden in der Champions League gegen europäische Mittelklässler wie Olympique Marseille und Olympiakos Piräus mehr genervt, als das nach außen spürbar war.
Er weiß genau: In Europa mit den Großen mitzuhalten, Manchester United herausfordern zu können oder den AC Mailand - erst das wird ihn zu einem großen Trainer und den BVB zu einem Top-Club von internationalem Format machen.
Ein Verein, der in Europa ernst genommen wird. Ein Verein, der nicht bangen muss, dass seine Stars abwandern, wenn die Premier League oder die Primera División in Spanien locken - wie das bei Nuri Sahin nach der Vorsaison passierte, wie es bei Shinji Kagawa nach dieser Spielzeit droht. Ein Verein, der das Selbstverständnis mitbringt, die besten deutschen Spieler in den eigenen Reihen zu haben.
So einen Verein gibt es in Deutschland bislang tatsächlich erst einmal.
Das wird Klopps nächste Aufgabe sein: Borussia Dortmund zu einem Verein zu machen, der dieselben Ansprüche erhebt wie der FC Bayern. Und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass der BVB nicht genauso wird wie der FC Bayern.
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