Von Rafael Buschmann, Dortmund
Die Südtribüne bebte. Ausgelassen hüpften, schrien und sangen mehr als 20.000 Fans des BVB. Sie bejubelten allerdings nicht den Spielschluss oder eines der drei Tore, die die Borussia beim 3:1 (2:0)-Sieg über den Hamburger SV erzielte. Die Südtribüne feierte, weil es einen Eckball gab - ausgeführt von Mario Götze, dem Helden des Auftaktspiels der neuen Saison.
Denn das, was der 19-Jährige in den vorherigen 54. Minuten zeigte, ließ alle Fußball-Weisen dieses Landes einen Lobesgesang anstimmen, den man schon jahrelang in dieser Intensität nicht mehr gehört haben dürfte. Die einen bescheinigten Götze "eine große Karriere" (Mitspieler Ilkay Gündogan) und ein "begnadetes Goldfüßchen" (Gegenspieler Heiko Westermann), andere sahen in ihm hingegen "ein Supertalent" (Doppel-Torschütze Kevin Großkreutz). Franz Beckenbauer sagte SPIEGEL ONLINE: "Ich sehe Götze auf einem Level mit Mesut Özil."
Löw: "Dortmund noch besser als in der vergangenen Saison"
Doch ihm alleine den Sieg über den HSV zuzurechnen, wäre viel zu einfach. Und nicht gerecht. Denn der junge Nationalspieler ragte zwar heraus, allerdings aus einer Mannschaft, bei der es keinen schlechten Spieler gab. Keinen Totalausfall, niemanden, der nicht seinen Beitrag zum Sieg beigesteuert hätte. Ob es nun ein Robert Lewandowski war, der Ersatz-Sturmtank für den verletzten Lucas Barrios, der mit einem überragenden Hackentrick das 2:0 durch Götze vorbereitete. Oder die Mittelfeldspieler Gündogan, Sven Bender und Großkreutz, die alle über zwölf Kilometer liefen und von denen Letzterer sogar zwei Tore selbst erzielte. Oder Shinji Kagawa, dessen Dribblings und Schüssen nur ein klein wenig Präzision fehlte, dann hätte der Bundesliga-Auftakt auch gut mit einem 6:1 enden können.
"Bei Dortmund hat man das Gefühl, sie seien in dieser Saison noch besser als in der vergangenen", sagte Nationaltrainer Jogi Löw, und man kann nur erahnen, wie es im ebenfalls im Stadion anwesenden Uli Hoeneß während dieser Worte aussehen musste. Der Präsident des FC Bayern München, des selbst- und fremdernannten Dauer-Favoriten auf die Deutsche Meisterschaft, verließ kurz vor 23 Uhr mit hochrotem Kopf und einem schweißdurchtränkten Hemd den Dortmunder Fußballtempel. Der Anführer der Münchner Abteilung "Attacke" wird seinem Freund und Bayern-Trainer Jupp Heynckes nur wenige BVB-Schwächen von seinem Dortmund-Trip überliefern. Allerdings wird er dem Trainer davon berichten, dass die Borussen an diesem Tag nicht wirklich gefordert wurden und keinen echten Gegner hatten. Keinen, der ihre Schwächen hätte offenlegen können.
Die Form, in der sich der HSV präsentierte, war nämlich mehr als erschreckend. Das nach 13 Abgängen und acht Zugängen neuformierte Team wirkte von der ersten Minute an völlig verunsichert, fabrizierte bereits nach acht Sekunden den ersten Fehlpass. Zu keiner Zeit stimmten die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen, Dortmund konnte mit schnellen vertikalen Pässen einen Dauerdruck und etliche Überzahlsituationen erzeugen.
Insbesondere die rechte Abwehrseite der Hamburger lud die Dortmunder immer wieder zu einfachen Torabschlüssen ein. Das Zusammenspiel zwischen dem Chelsea-Transfer Michael Mancienne und Rechtsverteidiger Dennis Diekmeier, der die schwächsten Zweikampfwerte der HSV-Viererkette aufweist, glich eher einem sich gegenseitig Vor-die-Wand-fahren-Lassen.
Titelverteidigung in Dortmund kein Thema
Es schien so, als habe niemand den beiden gesagt, dass die Mittelfeldspieler Dortmunds wie kleine Pfeile funktionieren, die immer wieder in den gegnerischen Strafraum geschossen werden. Kevin Großkreutz beispielsweise hätte bei seinem Tor zum 1:0 zwischen der Ballannahme und dem Torabschluss noch locker zur Südtribüne winken können, bevor der erste HSV-Akteur in seiner Nähe auftauchte.
"Wir sind immer nur dem Ball hinterhergelaufen", sagte der eingewechselte Marcell Jansen. Seine Hereinnahme zur Halbzeit gab dem HSV noch ein wenig Auftrieb. Der vorher für ihn spielende Eljero Elia demonstrierte nämlich mal wieder eindrucksvoll, dass er mit Abstand der Bundesliga-Spieler mit dem größten Fehlverhältnis zwischen Potential und gezeigter Leistung ist. Seine wirkungslosen Dribblings und Fehlpässe ließen selbst Mitspieler wie Mladen Petric genervt abwinken.
"Wir wissen dieses Spiel sehr gut einzuordnen", sagte BVB-Manager Michael Zorc. Und der Borussen-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke betonte: "Wir drehen hier nicht nach einem Spiel durch, sondern behandeln diesen Sieg mit unserer bislang praktizierten westfälischen Ruhe." Fragen nach einer möglichen Titelverteidigung beantworteten die BVB-Funktionäre mit einem durch die Zähne gebellten: "Das ist derzeit kein Thema."
Wird es aber werden, sobald die Borussia das erste Mal auf einen Gegner trifft, der sie nicht so frei kombinieren lässt. Der Lauf- und Zweikampfduelle annimmt und der nicht nur reagiert, sondern auch selbst Initiative ergreift. Wenn Götze und Co. dann ebenfalls zu einem solchen Galaauftritt in der Lage sind, wird die Lobesliste wohl noch länger, Hoeneß noch röter und die Fragen nach der Titelverteidigung noch direkter werden.
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