Aus Amsterdam berichtet Rafael Buschmann
Marcel Schmelzer sprintete los. Knapp 20 Meter legte der 24-Jährige im höchsten Tempo zurück, ehe er dem Amsterdamer Verteidiger Ricardo van Rhijn den Ball abjagte. Eigentlich eine wenig erwähnenswerte Szene, gab es davon doch etliche im Spiel - wäre sie nicht in der 86. Minute passiert. Beim Stand von 4:0 gegen den niederländischen Meister Ajax Amsterdam. Der Aufwand, den der linke Außenverteidiger trotz einer mehr als komfortablen Führung betrieb, war sinnbildlich für den Einsatz seiner gesamten Mannschaft. Und zwar nicht nur beim jüngsten 4:1-Erfolg gegen Amsterdam, sondern in der gesamten Gruppenphase.
"Wir investieren viel und werden nun dafür endlich auch belohnt", sagt Mats Hummels. Der Innenverteidiger von Borussia Dortmund ist einer, der Misserfolge lange mit sich herumträgt und sie schwer abhaken kann. Das klägliche Europa-Aus Borussia Dortmunds in der Vorsaison, an dem auch Hummels mit teils katastrophalen Fehlern beteiligt war, hing dem 23-Jährigen noch Monate nach. "Aber jetzt haben wir ja allen gezeigt, dass unser Fußball auch international funktioniert", sagte Hummels.
Doch dieser BVB-Fußball, der im vergangenen Jahr noch häufig den Zusatz "Vollgas-" oder "ICE-" vorgesetzt bekam, ist dabei keineswegs zu vergleichen mit dem Auftreten in dieser Saison. Während Dortmund in den beiden vergangenen Jahren noch extrem davon profitierte, dass das schnelle Umschaltspiel, das immense Pressing und die unvorhersehbaren Dribblings des heutigen Mittelfeldspielers von Manchester United, Shinji Kagawa, die Gegner überraschten, manchmal sogar übertölpelten, wirkt der heutige BVB-Fußball deutlich reifer, erwachsener.
Dortmund hat Lehren gezogen
Zwar musste der Doublesieger der vergangenen Saison auch in dieser europäischen Spielzeit harte Rückschläge erleiden, kassierte gegen Manchester City und Real Madrid mit dem Schlusspfiff die Ausgleichstreffer. Trotzdem wirkt diese junge Mannschaft wesentlich gefestigter als im Vorjahr.
"Wie weit wir in unserer Entwicklung derzeit stehen, will ich nicht beurteilen. Das würde nämlich bedeuten, dass ich weiß, wann der Entwicklungsprozess ein Ende hat. Wir haben aber nicht vor, unsere Entwicklung zu beenden", sagt Jürgen Klopp. Dass seine Spieler wie der gegen Amsterdam wieder einmal überragende Mario Götze oder der strategisch immer klarer spielende Ilkay Gündogan in dieser Saison riesige Leistungssprünge geschafft haben, nimmt der Trainer aber sehr wohl zur Kenntnis.
Große Stabilität im Spiel des BVB
Hinzu kommt, dass es Klopp nach erheblichen Schwierigkeiten zu Saisonbeginn erneut geschafft hat, eine große Stabilität ins Spiel des BVB zu bringen. Das Mittelfeld steht derzeit wohl sogar noch kompakter als in der vergangenen Spielzeit. Und auch Zugang Marco Reus scheint das Pressingmodell à la Klopp mittlerweile vollkommen verinnerlicht zu haben. Bis auf Manchester City hat sich keine der drei Top-Mannschaften in der Gruppe D ein Torchancen-Gros gegen Dortmund erspielen können.
"Besteht der BVB die Gruppenphase, ist er ein Kandidat auf den Sieg in der Champions League", hatte Real Madrid-Trainer José Mourinho bereits vor einigen Wochen gesagt. Auch Manchester United-Startrainer Alex Fergusen zählt den Deutschen Meister bereits zum Favoritenkreis. Dass der BVB in seiner Entwicklung tatsächlich bereits so weit sein sollte, fällt mindestens genauso schwer zu glauben wie das Bestehen der "Todesgruppe" D kurz nach der Champions-League-Auslosung.
Denn trotz aller Jubelstürme über die fabelhaften europäischen Leistungen in der Königsklasse sollte angemerkt werden, dass der BVB-Kader auf zentralen Positionen wie dem Sturm oder den Außenverteidigern sehr dünn besetzt ist. Das kraftraubende Dortmunder Spiel wird aber gegebenenfalls noch die eine oder andere Verletzung nach sich ziehen. Clubs wie Bayern München, Real Madrid oder Manchester United sind deutlich breiter, qualitativ hochwertiger besetzt.
"Uns hat letztes Jahr aber auch niemand eine Saison mit 81 Punkten voraussagen können. Wenn wir weiter unseren Fußball spielen, die anderen weiter schön die Favoriten sind, dann ist für uns alles möglich", sagt Lewandowski, "wir können alles gewinnen."
Ajax Amsterdam - Borussia Dortmund 1:4 (0:3)
0:1 Reus (8.)
0:2 Götze (36.)
0:3 Lewandowski (41.)
0:4 Lewandowski (67.)
1:4 Hoesen (86.)
Amsterdam: Vermeer - van Rhijn, Alderweireld, Moisander, Blind - Poulsen (46. Schöne) - Enoh (63. Hoesen), Eriksen - Lukoki, de Jong, Boerrigter (73. Fischer) Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer - Sven Bender (63. Perisic), Gündogan - Götze (70. Blaszczykowski), Reus (79. Schieber), Großkreutz - Lewandowski
Schiedsrichter: Proenca (Portugal)
Zuschauer: 50.000
Gelbe Karten: Enoh, Moisander - Götze
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