Von Christian Paul
Hamburg - David Bernstein hat sich ein schelmisches, bubenhaftes Lächeln bewahrt. Selbst dann, wenn sich der 65 Jahre alte Präsident des englischen Fußballverbands FA kritischen Fragen stellen muss. Und davon gab es am Donnerstagmittag im Wembley-Stadion in London einige. Auf einer Pressekonferenz musste Bernstein erklären, wie es dazu kommen konnte, dass die englische Nationalmannschaft vier Monate vor der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine (8. Juni bis 1. Juli) plötzlich ohne Trainer dasteht.
Allem Lächeln zum Trotz: Der Rücktritt von Nationaltrainer Fabio Capello, der bei der Pressekonferenz nicht anwesend war, bringt den Verband in große Schwierigkeiten.
Bernstein versuchte es bei seinen Statements neben einem freundlichen Gesichtsausdruck mit allem, was ein Funktionär so zu bieten hat: Phrasen, beispielsweise: "Es ist immer bedauerlich, wenn der Trainer geht", sagte er. "Professionell" sei das Gespräch mit Capello ("Ein ehrbarer Mann") nach dessen umstrittenen Interviews gewesen.
Capello hatte gegen das Urteil der FA, John Terry wegen Rassismusvorwürfen als Kapitän abzusetzen, mehrfach protestiert. "Ich bin überhaupt nicht einverstanden mit der Entscheidung der FA. Das habe ich dem Präsidenten auch gesagt." Terry, Abwehrchef beim Premier-League-Club FC Chelsea, soll am 23. Oktober 2011 seinen Gegenspieler Anton Ferdinand von den Queens Park Rangers bei einem Ligaspiel rassistisch beleidigt haben. Die Verhandlung gegen Terry, die die Staatsanwaltschaft aufgrund von Videobildern eingeleitet hat, soll am 9. Juli, und damit nach der EM, stattfinden.
Bernstein nannte die Tage nach der FA-Entscheidung am 3. Februar "unzufriedenstellend". Nach einem klärenden Gespräch habe dann Capello selbst seinen Rücktritt angeboten. "Er war es, der fühlte, gehen zu müssen." Bei dieser Version blieb er bis zum Schluss und dementierte gleich reihenweise, den Italiener zum Rückzug gedrängt zu haben. Berichte, nach denen Capello in Ungnade gefallen sei, seien falsch.
"Das macht mich völlig fertig"
Interimscoach für die Partie gegen die Niederlande am 29. Februar wird Capellos ehemaliger Co-Trainer und frühere Nationalspieler Stuart Pierce. "Wir sind mit ihm in guten Händen", so Bernstein. In der Zwischenzeit wolle man sich schnellstmöglich um einen Nachfolger kümmern. Das ist auch nötig, denn die Personalie Capello hat längst landesweit für Aufregung gesorgt. Nach Stürmerstar Wayne Rooney ("Das macht mich völlig fertig"), äußerte sich sogar Premierminister David Cameron. "Es tut mir leid, Fabio gehen zu sehen. Ich denke, er war ein guter Coach und ein guter Mann", sagte Cameron.
Der Boulevard feierte unterdessen das Aus des Nationaltrainers. "Capellos Ära kann man beschreiben als Zeit voller Konfusion, Teilnahmslosigkeit, mangelnder Kommunikation und Mittelmäßigkeit", kommentierte der "Daily Mirror". "Capello hat sich weder bemüht, die englische Sprache noch etwas über England zu lernen."
Als Favorit auf Capellos Nachfolge gilt bisher der noch 18 Monate bei Tottenham Hotspur unter Vertrag stehende Harry Redknapp. "Wir haben noch genügend Zeit", sagte Bernstein zur Trainersuche. Ein Engländer auf dem Posten des Nationalcoaches sei wünschenswert, aber keine Bedingung.
"Wir stehen, wo wir stehen"
"Wir sind in einer besseren Situation, als sie vielleicht wirken mag", sagte Bernstein irgendwann und überraschte die Journalisten, indem er seinen Kollegen Adrian Bevington während der 30-minütigen Pressekonferenz ausführen ließ, wie erfolgreich das langfristig angelegte Jugendprogramm des Verbands arbeite und wie viel wichtiger die richtigen Strukturen seien als ein Trainer. "Spanien hat bis 2008 keinen großen Erfolg gehabt", hob Bevington zu einem gewagten Vergleich mit dem Europa- und Weltmeister an.
England, seit dem Gewinn der WM 1966 titellos, bereite sich bereits seit geraumer Zeit hochprofessionell auf die EM in Polen und der Ukraine vor. Qualifiziert hatte sich das Team unter der Leitung von Capello souverän. Vier Monaten vor dem Turnier steht das selbsternannte "Mutterland des Fußballs" nun ohne Teamkapitän und ohne Trainer da. Oder wie Bernstein sagt: "Wir stehen, wo wir stehen."
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