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Carlo Ancelotti: Eher Pragmatiker als Visionär

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Bayern-Kandidat Ancelotti: Eine Frage der Philosophie

Carlo Ancelotti wird der Nachfolger von Josep Guardiola beim FC Bayern. Der Italiener kann beispiellose Erfolge vorweisen. Aber passt seine Philosophie nach München? Hat er überhaupt eine?

Coverciano ist ein angenehmer Ort. Die Großstadt Florenz geht hier in die Hügel der Toskana über. Geschützt von Mauern und Hecken liegt unter Zypressen das Trainings- und Ausbildungszentrum des Italienischen Fußballverbands FIGC. Hier wurde Carlo Ancelotti zum Trainer ausgebildet. Seine Abschlussarbeit trug den Titel "Il futuro di calcio: Più dinamicità" ("Die Zukunft des Fußballs: Mehr Dynamik").

Lässt sich anhand dieses Titels die Spielphilosophie des Mannes erahnen, der dreimal die Champions League gewonnen hat? So einfach ist es nicht. Anders als Visionär Josep Guardiola, anders als Jürgen Klopp, der wegen seines viel zitierten Begriffs "Vollgasveranstaltungen" mit schnellem Umschaltfußball identifiziert wird, steht Ancelotti weniger für eine bestimmte Spielidee. Seine Ausbildung im Herzen der italienischen Trainerschulung zeigt aber, in welcher Tradition sich die Karriere des heute 56-Jährigen entfaltet hat.

Als Spieler gewann Ancelotti zweimal mit AC Mailand den Europapokal der Landesmeister. Zu den Trainern in seiner aktiven Karriere zählten Arrigo Sacchi, Fabio Capello, Cesare Maldini, Sven-Göran Eriksson und Nils Liedholm. Bei solchen Vorbildern lag es nicht fern, selbst die Trainerlaufbahn einzuschlagen. Trotz erster Erfolge mit Reggiana und Parma schien es aber noch 2002 ungewiss, ob Ancelotti den Durchbruch als Coach schaffen würde. Juventus gab seine Entlassung 2001 in der Halbzeitpause des letzten Ligaspiels bekannt. Bei seiner nächsten Station Milan beschwerte sich Silvio Berlusconi über den vermeintlich zu defensiven Spielstil der Mannschaft.

Tatsächlich lagen die Stärken von Ancelottis Mailänder Mannschaft zunächst nicht gerade in der Offensive. Das Champions-League-Endspiel 2003 gegen Juventus gilt als eines der ereignislosesten der Geschichte und ging nicht ohne Grund mit 0:0 nach 120 Minuten ins Elfmeterschießen. Doch schon damals deutete sich eine taktische Vorliebe Ancelottis an. Er, der selbst als Spieler eher ein Achter als ein Spielmacher gewesen war, priorisierte stets Präsenz und Dominanz im Mittelfeldzentrum vor der Besetzung der offensiven Außenbahnen.

Noch mehr Regisseure in die Mannschaft

So kam es, dass Andrea Pirlo, der zuvor wie viele junge talentierte italienische Spieler seiner Generation nicht an erfahrenen Stars vorbeigekommen war, von Ancelotti nicht als Zehner eingesetzt wurde, sondern als tiefliegender Spielmacher vor der Abwehr. Pirlo konnte dadurch hinter Rui Costa spielen, später hinter Kaká. Ancelotti erhielt die Option, zwei Regisseure gleichzeitig auf dem Platz zu haben, und Pirlos Karriere konnte endlich beginnen.

Zugegeben: Ursprünglich stammte diese Idee nicht von Ancelotti, sondern von Carlo Mazzone, Trainer von Brescia, wohin Pirlo verliehen worden war, um Spielpraxis zu bekommen. Ancelotti selbst brachte sie dann bei einem großen Klub zur Vollendung. "Carletto" ist ein Pragmatiker, kein Visionär. Doch damit sind fast alle seine Klubs gut gefahren. Mit Milan zog er dreimal ins Finale der Champions League ein, mit Chelsea holte er das Double, mit Real Madrid La "Décima", den zehnten Europapokalsieg der Meister.

Zu seinen großen Stärken wird gezählt, mit Stars jeden Charakters gut auszukommen. Als Spieler war Ancelotti bei Milan in einer der großen Mannschaften der Fußballhistorie aktiv, gemeinsam mit Marco van Basten, Frank Rijkaard, Ruud Gullit, Franco Baresi, Alessandro Costacurta und Paolo Maldini. Vielleicht wirkt es deshalb so mühelos sicher, wie er als Trainer mit Weltstars wie Cristiano Ronaldo, Zlatan Ibrahimovic, David Beckham, Kaká oder Ronaldinho umgeht, ohne jemals seine Macht ihnen gegenüber demonstrieren zu müssen.

Der Trainer und seine Spielidee sind nicht größer als der Klub und die Spieler, diese Einstellung dürfte manchem in München gefallen, dem die alles überstrahlende Rolle Josep Guardiolas widerstrebte. Kritiker werfen Ancelotti vor, er könne zwar jedes Spitzenteam auf seinem Level halten, lasse aber keine Mannschaft über sich hinauswachsen. Und vor allem schaffe er keine nachhaltige Spielidentität, sondern verwalte sie nur.

Wenn die Aufgabe bei den Bayern so verstanden wird, die Erfolge der Guardiola- und Heynckes-Ära noch ein paar Jahre zu konservieren, so könnte Ancelotti dennoch der goldrichtige Mann an der Säbener Straße sein. Vielleicht ist das alles dann weniger eine Frage der Philosophie Ancelottis. Sondern eine Frage der Philosophie des FC Bayern: Will man das deutsche Barcelona sein oder das deutsche Real Madrid?

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insgesamt 25 Beiträge
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1. Barcelona oder Madrid
markus.pfeiffer@gmx.com 20.12.2015
Der letzte Satz bringt es auf den Punkt. Bayern steuert damit in eine Phase, in der man eher das deutsche Real Madrid sein wird (Konservierung des Status). In die Rolle des deutschen FC Barcelona passt der BVB mit seinem Trainer sowieso viel besser; neue, progessive Impulse für den Fußball darf man in den nächsten Jahren dann eher aus Dortmund erwarten... so lange, bis der BVB den Bayer mal wieder 1-2 Meisterschaften wegschnappt und man in München Ancelotti gegen einen jungen Dynamiker ala Tuchel austauscht.
2. Mal ein guter Artikel,
Fangio 20.12.2015
der Ancelotti richtig einordnet. Im übrigen hat er schon als Spieler deutlich mehr gerissen als Pep. Dazu noch ein Gentleman, auf Guardialas divenhaftes Auftreten kann man als neutraler Bayern-Beobachter ebenfalls gut verzichten.
3. Na dann hoffen wir mal,
mundusvultdecipi 20.12.2015
..dass die Philosophie nicht passt.Dann wird die BL auch wieder spannend!
4. Manchmal..
atzenkalle 20.12.2015
Habe ich das Gefühl alleine dazustehen mit meinem Bedauern über den Abgang von Pep Guardiola. Er hat es geschafft die Münchener noch einmal auf ein (taktisch) höheres Niveau zu hieven. Was eigentlich kaum möglich erschien. Gut in der Königsklasse hat er nur zweimal das Halbfinale erreicht. Da hat natürlich jeder mehr erwartet und es zählt auch nicht als Begründung das man ohne Flügelspieler gegen Barcelona antreten musste. Dazu geht hier ein Trainer der einfach charismatisch und ja irgendwie interessant ist. Nicht umsonst war er in den drei Jahren medial so präsent. Sicherlich hat auch er seine Defizite wie seine eigenbrötlerische Art und das Gefühl das er sich über den Verein hebt. Aber wer ist schon ohne Fehl und Tadel? Ich für meinen Teil hätte mit gewünscht Guardiola noch ein wenig länger bei seiner Arbeit zu bestaunen.
5. Andere
jigglediggle32 20.12.2015
Zitat von mundusvultdecipi..dass die Philosophie nicht passt.Dann wird die BL auch wieder spannend!
Vereine sollten mal einen besseren Job machen, dann wäre Feierabend mit der erbärmlichen, ständigen Jammerei über Spannung, Konkurrenz etc.
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