Trainerlegende Bilardo "Im Fußball erfährt man alles, die Spieler wissen das"

Er gewann mit Argentinien den WM-Titel 1986 gegen Deutschland, auch vier Jahre später führte Carlos Bilardo sein Team ins Finale. Hier spricht der Trainer exklusiv über sein Schleifer-Image, Franz Beckenbauer und einen Vergleich zwischen Maradona und Messi.

Ein Interview von , Buenos Aires


Zur Person
    Dr. Carlos Bilardo, 76, stammt aus Buenos Aires. Neben der Fußballkarriere studierte er Medizin und wurde nach insgesamt zwölf Profijahren schließlich Trainer. Der Taktiker gewann mit Argentinien den WM-Titel 1986, 1990 schaffte er es erneut ins Finale, das gegen Deutschland jedoch verloren wurde. Später arbeitete Bilardo als Kommentator und Technischer Direktor, noch heute hat er im argentinischen Radio eine eigene Sendung: "La hora di Bilardo" (Bilardos Stunde).
SPIEGEL ONLINE: Herr Doktor Bilardo, Argentinien ist im Finale der Copa América gegen Chile gescheitert. Sie waren vor Ort, was sagen Sie zur Leistung der argentinischen Mannschaft?

Bilardo: Es ging schleppend los, am Ende war es gut.

SPIEGEL ONLINE: Aber Argentinien gewinnt keine Titel mehr, seitdem Sie weg sind. Der letzte große Triumph abseits von Olympischen Spielen war der Sieg bei der Copa 1993.

Bilardo: Sie haben recht, Argentinien hat seit 20 Jahren nicht mehr zugeschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Woran könnte das liegen?

Bilardo: Ich kann nur für mich sprechen. Und ich hatte es nicht gern, dass alle mitgeredet haben. Von außen ist alles immer leicht anzusehen und zu kritisieren, von drinnen ist es schwieriger. Ich muss es wissen, ich habe die Mannschaft von 1984 bis zur WM 1994 betreut.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss man die Bedeutung einer Copa aus Trainersicht einschätzen?

Bilardo: Sie ist wichtig, weil die Spieler sich zeigen müssen und weil ich als Trainer sehr viel über die Mannschaft erfahre. Wenn man so viel Zeit miteinander verbringt, weiß man, wie die Spieler denken.

SPIEGEL ONLINE: Lassen Sie uns über die argentinische Mannschaft 1990 sprechen, kann man sie mit der von 2014 vergleichen?

Bilardo: Für einen Trainer war es damals deutlich anstrengender.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Bilardo: Eigentlich haben alle meine Spieler damals im Ausland gespielt, Nery Pumpido, Néstor Clausen, Oscar Ruggeri, Diego Maradona, nur Jorge Burruchaga war hier in Argentinien. Ich musste die Jungs begleiten, drei Tage war ich hier, drei Tage dort, die ganze Zeit unterwegs. Von der heutigen Mannschaft haben die meisten Spieler schon in der U17 und U20 gespielt. Wir kennen sie sehr gut.

SPIEGEL ONLINE: Kann man Messi und Maradona vergleichen?

Bilardo: Nein, auf keinen Fall! Es ist wie im Motorsport, früher gewannen die Autos ein Rennen mit 150 Kilometern pro Stunde, heute braucht man mindestens 220. Ob Pelé, Maradona, Messi: Jeder war der Beste in seiner Zeit. Aber es ist wie im Fernsehen, früher sah man Schwarz-Weiß, jetzt in Farbe. Es ist nicht zu vergleichen. Aber alle diese Spieler sind auch unvergleichlich.

SPIEGEL ONLINE: Wie erinnern Sie sich an Ihre Zeit als Nationaltrainer?

Bilardo: Mein erstes Spiel war das gegen Deutschland im September 1984 in Düsseldorf, und passenderweise war es auch das erste Spiel von Franz (Beckenbauer; die Red.) als Teamchef. So fing es an, mit einem 3:1-Sieg für uns.

SPIEGEL ONLINE: Beckenbauer, immer wieder Beckenbauer. Sie standen sich später in zwei WM-Endspielen gegenüber.

Bilardo: Und wir sind seit dem ersten Finale befreundet.

SPIEGEL ONLINE: Muss man eigentlich immer gewinnen?

Bilardo: Nicht um jeden Preis. Für einen Sieg muss alles stimmen. Wie bei einem Orchester.

SPIEGEL ONLINE: Beckenbauer galt als Trainer, der den Spielern Freiheiten ließ. Sie waren als harter Hund berüchtigt, als Kontrollfreak.

Bilardo: Fußballprofis sind es gewohnt, kontrolliert zu werden, sie erkennen auch selbst die Grenzen ihrer Freiheit. Denn es gilt immer noch: Im Fußball erfährt man immer alles. Die Spieler wissen das. Ich wusste immer, wo meine Spieler waren. Manche waren ledig, manche verheiratet, hatten Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Ist es wahr, dass Sie die Spieler nachts geweckt haben?

Bilardo: Ja. Aber nur um zu wissen, wie es ihnen ging.



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.