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Celtic führt Stehplätze ein: "Riesenchance für die Insel"

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Celtic-Fans: Ab ins Paradies

Seit der Katastrophe von Hillsborough gibt es in Großbritanniens Fußballstadien keine Stehplätze mehr. Viele Fans blicken jetzt voller Hoffnung nach Glasgow - zum FC Celtic.

Das Stadion des FC Celtic, der Celtic-Park, hat zwei Spitznamen. Parkhead, nach dem Stadtteil im Osten Glasgows, in dem es steht, und Paradies, so nennen es die Fans des Klubs. Mehr als 60.000 Menschen finden im Celtic-Park Platz, die Stimmung ist berüchtigt. Von Italiens Verteidiger-Legende Paolo Maldini ist die Aussage überliefert, dass jeder Fußballer einmal im Celtic-Park gespielt haben müsse, ein vergleichbares Erlebnis biete kein anderes Stadion.

Ab dem kommenden Jahr werden die Zustände im Celtic-Park tatsächlich paradiesisch sein, passend zum Spitznamen, zumindest aus Sicht jener Fans, die der Meinung sind, dass Fußball ohne Stehplätze nur die Hälfte Wert ist. Dass es zur Fußball-Kultur gehört, ein Spiel stehend zu verfolgen.

2600 Stehplätze will der FC Celtic zur Saison 2016/2017 einrichten, sie sollen in der Nordost-Ecke des Stadions entstehen. Dort wo die Green Brigade ihren Platz hat, eine der wenigen bekannten Ultra-Gruppen im britischen Fußball. Die Stehplätze werden nur einen Bruchteil der Kapazität im Celtic-Park ausmachen, doch das Besondere ist nicht die Zahl der Plätze, sondern die Tatsache, dass überhaupt wieder gestanden werden soll in einem Stadion in England oder Schottland. Die Einrichtung der Steh-Sektion in Glasgow ist beinahe eine Revolution oder zumindest "eine Riesenchance für die Insel", wie Daniela Wurbs von Football Supporters Europe sagt, einem internationalen Fan-Verband. Von der Nordost-Ecke des Celtic-Parks könne "eine Strahlkraft für ganz Großbritannien" ausgehen.

Riesenchance, Strahlkraft. Diese Begriffe zeigen schon, dass es um mehr geht als nur um die Frage, ob man Fußball lieber im Sitzen oder im Stehen guckt.

Stimmung in den Stadien ging verloren

Stehplätze sind in England und Schottland ein emotionales Thema, die Debatte darum wird nicht immer rational geführt. Das liegt am wohl größten Trauma des britischen Fußballs: der Stadion-Katastrophe von Hillsborough am 15. April 1989, bei der 96 Fans des FC Liverpool ums Leben kamen. Erdrückt auf einer überfüllten Stehtribüne. Die Regierung von Margaret Thatcher machte reine Sitzplatzstadien per Gesetz zur Pflicht. Sicherer, einfacher zu kontrollieren, das waren die Argumente. Die Fans würden sich schon ans Sitzen gewöhnen.

Durch die so genannten All-Seater-Stadien in Kombination mit dramatisch steigenden Eintrittspreisen ging allerdings jene Stimmung verloren, die gerne als typisch britisch verklärt wird. Wer heute ein Spiel der Premier League besucht, sollte keine zu hohen Erwartungen an die Atmosphäre haben.

Deshalb wünschen sich viele Fans eine Rückkehr der Stehplätze. Nicht die Stehplätze seien Schuld gewesen an der Tragödie von Hillsborough, argumentieren sie, sondern das Versagen der Sicherheitskräfte und die damalige Angewohnheit, Fans als potenzielle Hooligans zu sehen und auch so zu behandeln. In einer Umfrage der "Mail on Sunday" von 2013 zeigten sich alle Klubs der englischen Premier League Stehplätzen gegenüber aufgeschlossen. Alle Klubs außer dem FC Liverpool, der bis heute um die Aufarbeitung der Hillsborough-Katastrophe kämpft. Die Angehörigen der Opfer warnen vor der Wiedereinführung von Stehplätzen, man habe schließlich gesehen, was passieren könne. Was soll man Menschen entgegen, die auf einer Stehtribüne Freunde und Verwandte verloren haben?

"Sicherheit nicht möglich? Lächerlich"

Peter Daykin kennt die Brisanz der Debatte. Er sagt: "Im Jahr 2015 gibt es Nanotechnik und Weltraumstationen. Aber es soll nicht möglich sein, bei einem Fußballspiel sicher zu stehen? Das ist doch lächerlich." Daykin gehört dem englischen Fan-Verband Football Supporters Federation an, die sich seit Jahren für die Rückkehr von Stehplätzen einsetzt. Die Nachricht aus Schottland, vom FC Celtic, macht ihn zuversichtlich. Wenn es dort funktioniere, bei einem großen Klub mit bunt gemischtem Publikum, dann seien Stehplätze auch in England möglich. Dafür müssten allerdings die Gesetze geändert werden, anders als in Schottland.

Dort waren Sitzplatzstadien nicht vom Gesetz vorgeschrieben, sondern lediglich von der Liga. Vor vier Jahren lockerte sie die Regeln und überließ den örtlichen Behörden die Entscheidung, ob ein Verein Stehplätze einrichten darf. Der FC Celtic kassierte von der Glasgower Stadtverwaltung zwei Absagen, im dritten Versuch war der Klub erfolgreich. "Beim Fußball stehst du automatisch auf, wenn der Ball in den Strafraum kommt oder es Ecke gibt", sagt Paul Goodwin von der Scottish Football Supporter Association.

Seiner Meinung nach ist es nur logisch, dass der Automatismus künftig wieder erlaubt ist, abgesichert durch Stehplatz-Technik, wie sie auch in deutschen Stadien eingesetzt wird. Die Plätze sind nummeriert und lassen sich bei Bedarf in Sitze umwandeln. Mit jenen Stehtribünen, wie sie zur Zeit von Hillsborough in Großbritanniens Stadien üblich waren, hat das sogenannte Safe Standing nichts zu tun.

Es habe nie zur Debatte gestanden, zu den maroden Rängen von früher zurückzukehren, versichert der FC Celtic. Aber das heißt ja nicht, dass man ganz auf Stehplätze verzichten muss.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Endlich
fridolinfunke 14.06.2015
Der einzig richtige Weg, um den Fußball wieder ein bisschen auf den richtigen Pfad zu bringen. Ich hoffe für die englischen Fans, dass es dort zu der notwendigen Gesetzesänderung kommt.
2.
big t 14.06.2015
Es sterben Menschen überall, Stehplätze sind das einzig wahre, und zwar echte Stehplätze. Was würde ich einem Opfer sagen? Das Selbe. Leben besteht nunmal aus Risiko. Ich gehe trotzdem aus dem Haus.
3. Ultra-Kultur ist unbritisch
heiwie 14.06.2015
Na schön. Da errichtet man also ausgerechnet für eine Ultra-Gruppierung einen Stehplatzbereich. Dabei gehört die Ultra-Fankultur genauso wenig zu Glasgow wie eine WM nach Katar. Wenn dieses Beispiel Schule macht, dann werden wir in den Stadien auf der Insel bald überall diese Leierkasten-Atmosphäre haben, wie wir sie schon aus Deutschland kennen. Hier haben die Fans im Laufe der Zeit die ursprünglich aus Italien stammende Ultra-Fankultur unkritisch übernommen. Das führte dazu, dass heute in jedem deutschen Stadion die gleiche Stimmung herrscht, langweilig und uninspiriert. Man braucht sich nur das Beispiel St. Pauli anzuschauen. Früher einzigartig, heute austauschbar. Bleibt zu hoffen, dass die britischen Fans ihre Identität nicht ebenso aufgeben, zugunsten eines zweifelhaften, leicht faschistoiden Ultra-Einheitsbreies.
4. Ach was
BeratungsconsultingWirkes 14.06.2015
Fußball ist im Ohrensessel immer noch am schönsten. Freuen wir uns auf das WM-Ereignis in Katar: Gekühlte Stadien mit gepolsterten, beheizten Sitzplätzen und kleinen Klapptischen für Lektüre, Laptop und Milchmischgetränk. Da geht man gern ins Stadion - sofern die Ordner streng darauf achten, daß keiner wegen einer vermeintlich spannenden Situation vom Sitzplatz aufspringt, aber da könnten Anschnallgurte vorbeugend wirken. Wenn Blatter wieder antreten solle, was bis auf einige wenige Ausnahmen die gesamte Fußballwelt wünscht, wird das Standard werden bis runter in die Regionalligen, freuen wir uns darauf!
5.
gegenpressing 15.06.2015
Zitat von heiwieNa schön. Da errichtet man also ausgerechnet für eine Ultra-Gruppierung einen Stehplatzbereich. Dabei gehört die Ultra-Fankultur genauso wenig zu Glasgow wie eine WM nach Katar. Wenn dieses Beispiel Schule macht, dann werden wir in den Stadien auf der Insel bald überall diese Leierkasten-Atmosphäre haben, wie wir sie schon aus Deutschland kennen. Hier haben die Fans im Laufe der Zeit die ursprünglich aus Italien stammende Ultra-Fankultur unkritisch übernommen. Das führte dazu, dass heute in jedem deutschen Stadion die gleiche Stimmung herrscht, langweilig und uninspiriert. Man braucht sich nur das Beispiel St. Pauli anzuschauen. Früher einzigartig, heute austauschbar. Bleibt zu hoffen, dass die britischen Fans ihre Identität nicht ebenso aufgeben, zugunsten eines zweifelhaften, leicht faschistoiden Ultra-Einheitsbreies.
Der Wunsch nach Stehplätzen geht ja wohl auf der Insel queer durch alle Fangruppen, auch wenn sie sich selbst nicht Ultras nennen. Aber Hauptsache mal wieder was geschrieben, gell?
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