Grünen-Politiker Özdemir über Fußball "Alle Spiele am Samstag, das wäre schon klasse"

Das Amt als Parteichef der Grünen ist Cem Özdemir los, jetzt engagiert er sich auch im Fußball. Hier erzählt er, warum er das tut - und warum er daheim mit seinem Sohn über Sky diskutieren muss.

VfB-Stuttgart-Fan Cem Özdemir
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VfB-Stuttgart-Fan Cem Özdemir

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SPIEGEL ONLINE: Herr Özdemir, geben Sie es zu: Sie engagieren sich jetzt vor allem deswegen im Fußball, um Einfluss auszuüben, den VfB Stuttgart irgendwie noch vor dem sicheren Abstieg zu retten.

Cem Özdemir: Schön wär's, wenn ich das positiv beeinflussen könnte! Aber ich bin leidgeprüft als VfB-Fan. Ich hab letztens zufällig Bruno Labbadia gesehen, da habe ich schon überlegt, ob ich ihn anspreche, der hat uns ja auch mal vor dem Abstieg bewahrt. Das Potenzial des Vereins gibt schon was ganz anderes her. Ich verstehe auch nicht wirklich, was da los ist. Vielleicht ist die mangelnde Kontinuität das Problem. Als ich aufgewachsen bin, lohnte es sich noch, sich die Namen der VfB-Trainer zu merken. Heute kann man da schon leicht durcheinander kommen (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Sie engagieren sich neuerdings als Beirat in dem bundesweiten Fanverein FC PlayFair. Warum?

Özdemir: Bei aller Akzeptanz dafür, dass Profifußball keine Wohltätigkeitsveranstaltung ist und Geld eine wichtige Rolle spielt: Es muss trotzdem auch noch Spaß machen, ins Stadion zu gehen. Entscheidend ist, dass man mit Kindern ins Stadion gehen kann, dass es bezahlbar bleibt. Bis vor einigen Jahren gab es eine klare Aufteilung: Samstags 15.30 Uhr war eine heilige Zeit, da waren alle im Stadion oder schauten Fußball. Und sonntags stand man dann selbst auf dem Platz oder feuerte die eigenen Kinder an. Inzwischen muss man sich als Fußballfan regelrecht aufteilen, wenn man beim Profifußball am Ball bleiben möchte. Diese Entwicklung gefällt mir nicht. Fußball ist so vieles, aber bestimmt kein reines Investorenprojekt oder Spekulationsobjekt.

SPIEGEL ONLINE: Damit haben Sie sogar den DFB-Präsidenten auf Ihrer Seite.

Özdemir: Auch der DFB hat am Ende nichts davon, wenn der Profifußball den Amateurfußball zugunsten höherer Gewinne kannibalisiert. Insofern ist es schon ein großer Erfolg, dass die Montagsspiele wieder abgeschafft werden sollen. Und jetzt muss man auch gucken, dass der Sonntag den Amateuren nicht vollständig geklaut wird.

SPIEGEL ONLINE: Die Verwerfungen im heutigen Fußball sind bekannt, nicht erst seit den Football Leaks. Kann die Politik sich da einmischen? Sollte sie das überhaupt?

Özdemir: Politik soll sich beileibe nicht in alles einmischen. Die Vereine sind autonom, und das ist auch okay so. Aber wenn das finanzielle Fairplay außer Kraft gesetzt ist, kann sich ein finanziell schwächerer Verein auf die Hinterfüße stellen so viel er will, Talente ausbilden, Fankultur pflegen, das nützt ihm am Ende nichts. Von daher ist es schon wichtig, dass wir einen Rahmen setzen, innerhalb dessen es mit rechten Dingen zugeht. Und seien wir ehrlich: Sport, Gesellschaft und Politik lassen sich nicht immer sauber voneinander trennen.

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Der Fußball spiegelt ja oft wider, was die Gesellschaft sowieso bewegt. Schauen Sie nach Argentinien, auf die Vorfälle um das Finale der Copa Libertadores. Die Ausschreitungen dort sind nicht erklärbar ohne die politischen Verhältnisse in Argentinien. Dabei bin ich so ein großer Freund des argentinischen Fußballs, ich habe Diego Maradona noch in Napoli spielen sehen, ich bin damals als Jugendlicher extra seinetwegen nach Italien gereist.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt unter vielen Fans ein Unbehagen wegen des heutigen Fußballs, aber am Ende wird doch der dritte Decoder gekauft - oder das Trikot für über 100 Euro.

Özdemir: Stimmt. Wir beklagen uns über die Kommerzialisierung und wir machen sie alle mit. Da ist man als Fan in sich oft widersprüchlich. Auch bei uns in der Familie geht es darum: Abonnieren wir jetzt noch Sky oder nicht? Ich bin ein großer Freund des öffentlich-rechtlichen Modells, aber eigentlich gehört als Gegenleistung auch dazu, dass man die wichtigsten Sportereignisse sehen kann. Ich versuche, diese Haltung auch auf meinen Sohn zu übertragen, aber das ist schwierig, wenn man vieles gar nicht mehr im Free TV sieht, wie zum Beispiel die Champions League. Das wurmt mich.

SPIEGEL ONLINE: Bei den Länderspielen des DFB waren zuletzt viele Plätze im Stadion frei. Also hat die Übersättigung den Fußball doch erreicht, oder hat es mehr mit dem WM-Aus zu tun?

Özdemir: Ich glaube, das zweite. Da hilft kein Herumreden: Wir müssen schon eine Menge tun, damit der Spruch von Gary Lineker wieder gilt, dass am Ende immer Deutschland gewinnt. Da haben wir im Lauf des Jahres viel Renommee verspielt. Die letzten Spiele haben mich allerdings dann doch zuversichtlich gestimmt, dass der Umbruch gelingt.

SPIEGEL ONLINE: Der Renommee-Verlust hat ja nicht nur sportliche Auswirkungen. Viele haben sich auch durch den Fall Özil von der Mannschaft abgewendet. Geht es Ihnen ähnlich?

Özdemir: In dieser Angelegenheit wurden schwere Fehler von fast allen Beteiligten gemacht. Zunächst einmal das Foto mit Erdogan als solches. Da hat sich Özil, der ja ein großes Vorbild für zahlreiche Kinder und Jugendliche, gerade mit Migrationshintergrund, ist, für den Wahlkampf eines autoritären Herrschers einspannen lassen. Ich hab aber auch immer gesagt: Wer über Özil redet, darf auch zu Matthäus und Putin nicht schweigen. Das hat mich geärgert, dass die Regenbogenpresse sich auf Özil eingeschossen hat, aber von Matthäus und Putin bei der WM kaum etwas zu lesen war.

SPIEGEL ONLINE: Was hätte der DFB machen sollen in dieser Situation?

Özdemir: Der große Fehler war, dass der DFB das Thema nicht vor der WM abgeräumt bekommen hat. Dadurch hat sich das auf die Mannschaft übertragen, das hat natürlich bei der WM eine Rolle gespielt. Der nächste Fehler wurde dann nach dem Scheitern gemacht. Wenn man verliert, verliert man immer zusammen. Der entstandene Eindruck, einer allein sei dafür verantwortlich, hat nachhaltig geschadet. Auch dem Amateurfußball übrigens, wir stehen schließlich im Wettbewerb mit dem türkischen Verband, dem kroatischen Verband und anderen, die natürlich wollen, dass die jungen begabten Spieler aus den Einwandererfamilien, die bei uns aufwachsen, bei ihnen spielen und nicht für Deutschland. Das ist durch den Fall Özil nicht leichter geworden, im Gegenteil.

SPIEGEL ONLINE: Das mit dem gemeinsamen Verlieren kennen Sie sicher aus der Partei.

Özdemir: In der Politik ist es meistens leider auch so, dass alle dann zusammenstehen, wenn man gewinnt.

SPIEGEL ONLINE: Hat das Engagement des DFB in Sachen Integration in den vergangenen Jahren gelitten?

Özdemir: Wir müssen in jedem Fall wieder zurück dahin, dass auch viele Migranten wieder mit Freude auf unsere Mannschaft gucken. Und es muss von der untersten Liga bis nach ganz oben gelten: Rassismus hat im Fußball keinen Platz. Da müssen der DFB und jeder von uns Fans sehr genau überlegen, was er tun kann.

SPIEGEL ONLINE: Als Vorbild taugt die Fußballwelt aber doch nur bedingt. Die Bayern fahren ins Trainingslager nach Katar und waren auch schon in Saudi-Arabien. Der DFB kooperiert mit China.

Özdemir: Die Fußballfunktionäre können natürlich mit Fug und Recht auf die Politik weisen und sagen: Die Bundesregierung hat bis vor Kurzem auch Waffen an Saudi-Arabien geliefert. Ich erwarte nicht, dass die Fußballer besser sein müssen als die Politiker. Aber genauso wie ich doppelzüngige Politik kritisiere, verlange ich von Fußballern, sich jederzeit genau zu überlegen, wofür sie sich hergeben.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie sich den idealen Fußball backen könnten, wie würde er aussehen?

Özdemir: Alle Spiele am Samstag fände ich natürlich klasse. Für die Fankultur muss man auch was tun. Und dazu gehören auch faire Ticketpreise und dass nicht jedes Stadion nur mit Sitzplätzen ausgestattet ist. Wenn ich zum VfB ins Stadion gehe, begeistert mich die Cannstatter Kurve. Die Kreativität der Leute dort, ihre Leidenschaft, ihre Begeisterung - das ist es, was den Fußball ausmacht. Das sollten wir uns erhalten.

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Seite 1
vera gehlkiel 08.12.2018
1.
Cem Özdemir bindet sich wenigstens den richtigen Schal um, nämlich den seiner akut ins Nichts stürzenden fussballerischen Heimat- und Herzensliebe. Davor kann man Respekt haben, anders als neulich beim Fake-Fan Lindner, der auf einmal für die gegenwärtige deutsche Top-Mannschaft ist. So ähnlich wie viele Kinder, die gerade erst mit dem Fussballgucken anfangen und, weil sie eben Kinder sind, noch wenig Potential haben, narzisstische Kränkungen auszuhalten. Männlich, aber ohne insuffiziente Attitüde, Heimatverbunden mit (Achtung Achtung...!) Migrationshintergrund...und dabei sogar auch noch die richtige Jacke an, weil man sowas eben sinnvoller Weise tatsächlich im Stadion trägt. Stuttgart ist ein echter Traditionsverein, für mich mit das Beste, was von dort unten fussballerisch je hochgewandert gekommen ist nach Gesamtdeutschland, passt somit alles. Sympathischstes Özdemir-Bild mindestens seit dem Balkon mit Hanfpflanze, würde ich zusammenfassen. Bist nen Guten, Cem!
kai.friedrich 08.12.2018
2. Vielfalt
Herr Özdemir setzt sich für die Vielfalt im Fußball ein, vielleicht sollte er sich mal für die Vielfalt der Übertragungen verschiedener Sportarten bei den öffentlich - rechtlichen einsetzen! Monokultur im Sport, Fußball bis zum erbrechen...armes Deutschland!
richey_edwards 08.12.2018
3. Typisch für die grüne Seele
Dieses "Früher war alles besser" - der Fußball Samstags, das Essen bio, das Klima kalt. Sympathisch aber auch ein bisschen phlegmatisch. Grüne vertragen Veränderung nur in homöopathischen Dosen. Bei der heutigen Geschwindigkeit kommen sie nicht mehr mit. Ich bin Sky dankbar und froh dass praktisch die ganze Woche Fußball kommt. Ich kann auch nicht ins Stadion zu meinem Verein weil ich in einer anderen Stadt wohne. Und auch die "Kommerzialisierung" stört mich nicht. Ich kaufe mir ein Trikot oder lasse es wenn mir der Preis nicht passt. Wo ist das Problem? Die Nostalgie der Grünen verstellt dem Fortschritt den Weg.
briancornway 08.12.2018
4. Danke für ...
Zitat von richey_edwardsDieses "Früher war alles besser" - der Fußball Samstags, das Essen bio, das Klima kalt. Sympathisch aber auch ein bisschen phlegmatisch. Grüne vertragen Veränderung nur in homöopathischen Dosen. Bei der heutigen Geschwindigkeit kommen sie nicht mehr mit. Ich bin Sky dankbar und froh dass praktisch die ganze Woche Fußball kommt. Ich kann auch nicht ins Stadion zu meinem Verein weil ich in einer anderen Stadt wohne. Und auch die "Kommerzialisierung" stört mich nicht. Ich kaufe mir ein Trikot oder lasse es wenn mir der Preis nicht passt. Wo ist das Problem? Die Nostalgie der Grünen verstellt dem Fortschritt den Weg.
Daas hat Sky aber nicht so eingerichtet, damit wir dankbar sind, sondern damit sie fast täglich ein Produkt zu verkaufen haben. Vielleicht wird demnächst auch ein 100m-Finale über 8 Einlläufe gestreckt, um 8x Vorberichte und Analysen verkaufen zu können. Lückenlose Versorgung - okay, aber Spannung ist was Anderes, ich freue mich jede Saison auf die letzten beiden (synchronen) Spieltage.
brutus972 08.12.2018
5. 40 Stunden Fussball die Woche - Geht's noch?!
Habe Sky abgemeldet, höre live nur noch Bundesliga Radio, Samstag und Sonntag um 15:30 & schaue Sportschau. Ist eigentlich schade, doch muss man irgendwo Limits setzten, sowohl beim Preis für die Millionäre in kurzen Hosen, als auch bei den wöchentlichen Stunden! Da können die noch 10 weitere Ligen installieren.
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