Remis in Lyon Hoffenheims Hintertürchen

Es grenzt an ein Fußballwunder, würde Hoffenheim nach diesem Spiel in Lyon noch das Achtelfinale erreichen. Die Franzosen waren deutlich besser, vergaben aber reihenweise Chancen. Die TSG hatte viel Luft und Mut, immerhin.

TSG-Trainer Nagelsmann, Schulz
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TSG-Trainer Nagelsmann, Schulz

Aus Lyon berichtet


Oliver Baumann ließ all seinen Frust heraus. Gerade eben war das zweite Tor für Lyon gefallen, die Franzosen drehten jubelnd ab. Und Hoffenheims Torwart rammte mit aller Kraft die rechte Faust in den nassen Rasen: 0:2 nach nicht einmal einer halben Stunde. Und das in einem Spiel, von dem vorher im eigenen Lager alle gesagt hatten, dass man es gewinnen müsse, um noch eine Chance aufs Weiterkommen in der Champions League zu haben. Baumann war zu diesem Zeitpunkt weiß Gott nicht der Einzige, der den Traum bereits platzen sah.

Es sollte anders kommen, zumindest ein bisschen.
Denn als die fünf Minuten Nachspielzeit vorbei waren, pfiff die Südkurve der Lyoneser voller Wut eine Mannschaft aus, die im zweiten Durchgang selbst beste Gelegenheiten verschlampt hatte oder am überragenden Torhüter Baumann gescheitert war.

Und die so mit ansehen musste, wie zehn Hoffenheimer nach dem Platzverweis für Kasim Adams erst den Anschlusstreffer erzielten und dann in der zweiten Minute der Nachspielzeit ausglichen. "Wenn Lyon nicht so blind vor dem Tor gewesen wäre, hätten die uns abgeschossen", sagte Verteidiger Nico Schulz und fasste den Eindruck der Zuschauer damit treffend zusammen. Auch Trainer Julian Nagelsmann sagte: "Es lag maßgeblich am Gegner, dass wir zurückgekommen sind, weil er seine Chancen nicht genutzt hat."

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Regen, Rückstand, Rot: Und dann kam Hoffenheim

Drei Punkte liegt Hoffenheim immer noch hinter Lyon. Wenn aus den beiden Spielen gegen Donezk und in Manchester City mindestens vier Punkte geholt werden und Lyon entsprechend patzt, ist noch etwas drin. "Es bleibt ein Hintertürchen auf, besser, als wenn es zu wäre", sagte Trainer Nagelsmann. "Es wäre Blödsinn, was noch möglich ist, nicht zu probieren. Dass da zwei Siege nötig sind, liegt auf der Hand."

Dabei hatte eigentlich weder die Torfolge noch der Spielverlauf dafür gesprochen, dass Hoffenheim an diesem Tag nicht verlieren würde. Lyon war fast immer einen Schritt schneller, während die TSG schwach verteidigte und im Aufbauspiel viele Fehler machte.

Besonders Verteidiger Adams, der die meisten Zweikämpfe verlor und früh mit Gelb-Rot vom Platz gestellt wurde (51. Minute), hatte Probleme. Nagelsmann bestand bei der Presskonferenz darauf, das anders gesehen zu haben. "Ich finde nicht, dass er überfordert gewirkt hat", stellte er sich vor seinen jungen Spieler. Ähnlich entschlossen hatte Nagelsmann zuvor Entscheidungen an der Seitenlinie getroffen. Es gibt wohl nicht viele Trainer, die nach nicht einmal einer Stunde einen vierten Stürmer für einen defensiven Mittelfeldspieler bringen. Schon gar nicht, wenn sie dazu noch in einem Auswärtsspiel und in Unterzahl sind. Doch Nagelsmann wechselte Nelson Reiss für Florian Grillitsch ein und brachte später mit Adam Szalai einen weiteren Stürmer.

Die Fans in Lyon pfiffen ihre Mannschaft aus

Die Alles-oder-nichts-Taktik ging auf, weil eine Mannschaft, die insgesamt deutlich schwächer als die spielstarken Franzosen war, wieder an sich glaubte und konditionell in einem derart guten Zustand ist, dass sie noch in der Nachspielzeit Laufduelle gewinnen konnte. Dass man zu zehnt ein Spiel gedreht hatte, fand ihr Trainer allerdings gar nicht so schräg: "Da haben viele den Gedanken, dass man mehr laufen muss, weil einer fehlt."

Derweil scheint die Stimmung bei Olympique Lyon reichlich fragil zu sein. Bis zur Mitte der zweiten Halbzeit hatten die Fans für einen ordentlichen Lautstärkepegel gesorgt. Doch als Spieler wie Nabil Fekir, Houssem Aouar oder immer wieder Angreifer Memphis Depay beste Chancen teils aufreizend lässig vergaben, kippte die Stimmung: Bei der Auswechslung von Depay gab es ein gellendes Pfeifkonzert für den Niederländer, der vor einigen Tagen nach einer Auswechslung Trainer Bruno Génésio kritisiert hatte. "Depays Spiel war skandalös", fand dann auch Ex-Nationalspieler Christoph Dugarry als Kommentator eines Fernsehsenders. "Er ist lässig, er spielt nur für sich." Mit 15 Punkten auf Paris St. Germain ist die Liga für Lyon nur noch zweitrangig, ein Weiterkommen in der Champions League das vorrangige Ziel.

Bis zur 92. Minute schien es, als habe "OL" sein Ziel schon Anfang November erreicht. So aber geht der Kampf um Platz zwei von nun an als Fernduell weiter.

Olympique Lyon - TSG Hoffenheim 2:2 (2:0)
1:0 Fekir (19.)
2:0 NDombele (28.)
2:1 Kramaric (65.)
2:2 Kaderábek (90.+2)
Lyon: Lopes - Rafael, Marcelo, Morel, Denayer, Mendy - Ndombele (88. Cheikh), Tousart, Aouar - Depay (87. Traoré), Fekir (74. Dembele)
Hoffenheim: Baumann - Adams, Vogt, Bicakcic - Kaderabek, Demirbay (79. Nordtveit), Grillitsch (57. Nelson), Kramaric, Schulz - Belfodil, Joelinton (67. Szalai)
Schiedsrichter: Danny Makkelie (Niederlande)
Gelbe Karten: Denayer / Grillitsch, Bicakcic, Vogt, Joelinton
Gelb-Rote Karten: - / Adams
Zuschauer: 55.000



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