Edin Dzeko vor Champions-League-Halbfinale Roms Alleskönner

In Wolfsburg nannte ihn sein Trainer einst den "kommenden Weltfußballer". Doch erst mit 32 hat es Edin Dzeko ins Halbfinale der Champions League geschafft. Es ist der Höhepunkt einer merkwürdigen Karriere.

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Von Eike Hagen Hoppmann


Der Trainingsplatz des VfL Wolfsburg wurde deutschlandweit bekannt, als Felix Magath dort einen "Hügel der Leiden" erschuf, auf dem der Trainer seine Profis mit Treppenläufen quälte. Zu deutlich weniger Ruhm hat es das Kopfballpendel auf dem Trainingsgelände gebracht. Dabei sorgte es mit dafür, dass aus Edin Dzeko einer der vielseitigsten und besten Stürmer der Welt wurde.

Erstaunlicherweise ist beim 1,93 Meter großen Dzeko ausgerechnet der Kopfball lange die große Schwäche gewesen. "Ich bin erst mit 15 oder 16 auf einen Schlag zwanzig Zentimeter gewachsen", sagte Dzeko. "Davor war ich immer der Kleinste in der Mannschaft und musste deshalb beweglich und technisch gut sein." Dann kam die Zeit beim VfL samt Extraschichten am Kopfballpendel. Es war die letzte fehlende Zutat, um aus Dzeko einen Alleskönner zu formen. Seitdem vollstreckt er, bereitet vor, trifft mit links, rechts - und mit dem Kopf.

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Roma-Star Edin Dzeko: Mit 32 Jahren zurück im Rampenlicht

Diese Klasse hat auch der FC Barcelona zu spüren bekommen. Im Viertelfinale der Champions League gelang dem 32 Jahre alten Stürmer von der AS Roma beim 1:4 im Hinspiel das Auswärtstor. Im Rückspiel traf Dzeko erst zur 1:0-Führung, holte dann den Elfmeter zum 2:0 heraus und hatte damit maßgeblichen Anteil daran, dass die Roma nach einem 3:0 noch ins Halbfinale einzog. Dort kommt es im Hinspiel am Abend (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Sky) zum Duell mit dem FC Liverpool.

Dzeko ist momentan wieder in der überragenden Form von vor neun Jahren, als er mit Wolfsburg die Deutsche Meisterschaft holte. 14 Tore erzielte er in dieser Saison in der Serie A. Dazu kommen sechs Treffer und vier Vorlagen in der Champions League. Mit dem Einzug ins Finale der Königsklasse könnte Dzeko eine Karriere krönen, die er so wohl selbst nicht erwartet hätte.

Aus Teplice in die Champions League

Es gibt Spieler, die schon als Jugendliche keine Zweifel bestehen lassen, dass aus ihnen später ein Star wird. Dzeko gehört nicht in diese Kategorie. Als der Bosnier im Sommer 2007 mit 21 Jahren vom tschechischen Erstligisten FK Teplice nach Wolfsburg kam, galt er nicht gerade als internationales Top-Talent.

Die vier Millionen Euro, die der VfL investierte, ließen zwar aufhorchen, denn so viel Geld wurde damals selten für Spieler aus der tschechischen Liga gezahlt. Andererseits hatte Wolfsburg damals oftmals viel Geld für wenig Qualität bezahlt. Etliche Profi-Verpflichtungen hatten keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Dzeko aber wurde zu einem der besten Transfers der Vereinsgeschichte.

Mit 21 Treffern in der Rückrunde führte er den VfL Wolfsburg 2009 zur ersten und bisher einzigen Meisterschaft. Das 5:1 gegen den FC Bayern ging in die Geschichte der Bundesliga ein, damals demütigten Dzeko und sein Sturmpartner, der Brasilianer Grafite, die Münchner mit jeweils zwei Treffern. Es war der wohl größte Moment des VfL.

Viele Wolfsburger konnten die Form der Meistersaison nie wieder erreichen. Dzeko wurde noch besser. Mit 22 Toren gewann er in der Folgesaison die Torjägerkanone. Innerhalb von drei Jahren hatte er sich vom Nobody zu einem der begehrtesten Angreifer Europas entwickelt.

"Edin Dzeko ist der kommende Weltfußballer", prophezeite Lorenz-Günter Köstner, der 2010 für den freigestellten Armin Veh zum Cheftrainer des VfL aufgerückt war. Als damals teuerster Transfer der Bundesliga-Geschichte wechselte er im Januar 2011 für rund 35 Millionen Euro zu Manchester City. Und fand sich dort statt bei der Wahl zum Weltfußballer oft auf der Ersatzbank wieder.

Der Mann für die wichtigen Tore

Dzekos Zeit in England war geradezu paradox. Er war zwar selten unantastbarer Stammspieler, traf aber regelmäßig. Insbesondere dann, wenn es wichtig war: In der dramatischen Schlussphase um die Meisterschaft 2012 erzielte Dzeko gegen die Queens Park Rangers in der zweiten Minute der Nachspielzeit den 2:2-Ausgleichstreffer und sorgte mit dafür, dass City nach einem weiteren Treffer noch Meister wurde. Und doch bleibt am Ende der Eindruck, dass er sich in Manchester nie richtig durchgesetzt hat.

2015 wurde Dzeko regelrecht nach Rom verramscht, Leihgebühr und Ablöse sollen zusammen nur 15 Millionen Euro betragen haben. Ein Schnäppchen. Denn bei der Roma blühte er wieder auf. 29 Treffer erzielte Dzeko in der vergangenen Saison, nie zuvor waren ihm in einer Spielzeit mehr gelungen.

Vielleicht ist Dzeko nur dort gut, wo die Situation des Vereins mit seiner eigenen übereinstimmt. Als er nach Wolfsburg kam, wollte der VfL den Durchbruch schaffen. Als er nach Rom kam, wollte die AS zurück ins internationale Rampenlicht. Beides gelang - Dzeko und seinem Klub.

Dass es ein Spieler mit Dzekos Klasse erst gegen Ende der Karriere in ein Champions-League-Halbfinale geschafft hat, ist so schwer nachzuvollziehen wie sein Karriereverlauf insgesamt. Klar ist: Für eine Chance aufs Finale braucht die Roma gegen Liverpool Treffer und Vorlagen von Dzeko. Ob mit dem Fuß oder Kopf dürfte egal sein. Edin Dzeko kann ohnehin alles.

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