Champions-League-Außenseiter Lokomotive Hauptgewinn in Topf eins

Im Auslosungstopf eins stecken die Champions-League-Favoriten Real Madrid oder Bayern München - und Lokomotive Moskau. Der russische Meister profitiert vom Uefa-Modus, und ist nun Wunschgegner vieler Klubs.

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Als Juri Sjomin sein Traineramt bei Lokomotive Moskau antrat, war die Welt noch eine andere. Moskau war die Hauptstadt der Sowjetunion, Michail Gorbatschow erst seit einem Jahr der starke Mann im Kreml, russische Truppen kämpften in Afghanistan einen aussichtslosen, schmutzigen Krieg. Es war das Jahr 1986, die Welt hat sich seitdem vollkommen gedreht. Nur: Juri Sjomin ist wie damals Trainer bei Lok Moskau.

Der 71-Jährige hat zwischendurch viele andere Sachen gemacht, er war russischer Nationaltrainer, Coach von Dynamo Kiew, er hat in Aserbaidschan trainiert, aber Lok Moskau hat ihn nicht losgelassen. Seit 2016 ist er wieder bei dem Verein, bei dem er in den Siebzigerjahren schon Spieler war. Er hat Lok Moskau zum Meister gemacht, das Team steht erstmals seit 14 Jahren wieder in der Champions League und wartet bei der Auslosung am Abend (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) auf seine drei Gruppengegner.

Wenn heute die Lose für die Königsklasse gezogen werden, sieht Topf eins mit den vermeintlichen Favoriten-Teams so aus: Real Madrid, Atletico Madrid, FC Barcelona, Bayern München, Manchester City, Paris Saint-Germain, Juventus Turin - und eben Lokomotive Moskau mit Trainer Sjomin. Die Uefa hat die Meister der sechs nach ihrem Berechnungssystem stärksten Ligen in den ersten Gruppentopf gepackt, und da die russische Liga als sechste dazugehört, rutscht Lok Moskau in die Reihe der europäischen Topvereine.

Ehemaliger Schalker ist der Sportdirektor

Zu verdanken hat der Verein dies seinem Trainer-Routinier, aber auch einem Deutschen. Sportdirektor Erik Stoffelshaus, der sich früher bei Schalke 04 um den Nachwuchs kümmerte und danach in Kanada seine Erfahrungen im Fußballmanagement machte, ist seit 2016 in Moskau und hat seine alten Gelsenkirchen-Connections spielen lassen. Erst verpflichtete er den ehemaligen Schalker Stürmer Jefferson Farfán, der mittlerweile in Abu Dhabi gelandet war und seinem fußballerischen Ruhestand entgegenkickte. Der Peruaner war mit 32 Jahren "nicht mehr die heißeste Aktie", wie Stoffelshaus es nennt, will sagen, auch ohne große Transfersumme zu haben. Farfán schoss Lok mit zehn Toren zur Meisterschaft.

Trainer Sjomin (links) und Farfán
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Trainer Sjomin (links) und Farfán

Wer einmal mit diesem Prinzip Erfolg hatte, probiert es noch einmal: Stoffelshaus hat jetzt auch Schalkes ehemalige Führungsfigur Benedikt Höwedes nach Moskau geholt, mehr Lokomotive als der Weltmeister von 2014 ist schwer denkbar. Höwedes ist auch schon 30, bei Juventus in Turin hat es für ihn nach seinem Abgang aus Gelsenkirchen aus unterschiedlichen Gründen nicht geklappt. Jetzt ist er immerhin mit Juventus im selben Auslosungstopf.

Es ist ein ziemlich bunter Kader, den Sjomin und Stoffelshaus da zusammengestellt haben. Vorne stürmt neben Farfán noch der Portugiese Eder, der sich durch sein Siegtor im EM-Finale 2016 ewigen Ruhm erworben hat. Hinten verteidigt der Kroate Vedran Corluka, nach 103 Länderspielen und mit dem Vizeweltmeistertitel im Gepäck jetzt aus der Nationalmannschaft zurückgetreten. Corluka ist 32, Eder 31, Mittelfeldregisseur Igor Denissow 33, man kann Lok Moskau nicht unbedingt Jugendwahn vorwerfen.

Mit dieser Truppe der erfahrenen Männer geht Lok Moskau das Abenteuer Champions League an, mit ZSKA ist noch ein zweiter Moskauer Klub im Wettbewerb vertreten. ZSKA hat den weitaus prominenteren Namen, aber die sportliche Nummer eins im WM-Land Russland in diesem Jahr war Lok. Der Start in die neue Saison der Premier Liga ist jedoch eher ernüchternd ausgefallen: Nach fünf Spieltagen steht man mit zwei Siegen, zwei Unentschieden und einer Niederlage auf Platz fünf. Spitzenreiter Zenit Sankt Petersburg ist mit seiner bislang makellosen Bilanz schon sieben Punkte enteilt.

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Fotostrecke: Dampf auf der Lokomotive

Trainer Sjomin wird das nicht großartig aus der Ruhe bringen. Nach seinem Amtsantritt 1986 saß er 19 lange Jahre auf der Lok-Trainerbank. Er hat erlebt, wie sein Team die Meisterschaft geholt hat, er hat in der Champions League mit ihm gegen den FC Barcelona und Real Madrid gespielt, er hat fünf Pokalsiege mit Lok gefeiert, stand zwei Mal im Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger, den gab es schließlich auch einmal. Er war sogar mal ein Jahr lang Präsident des Vereins. Bis auf Greenkeeper hat Sjomin im Klub mehr oder weniger alles schon gemacht, er kennt jeden Stein auf dem Vereinsgelände.

Wenn man in Europa so herumgefragt hat, wen sich die Champions-League-Klubs als Gruppengegner wünschen, fiel immer wieder: Lok Moskau. Besser als Barcelona, Real oder den FC Bayern zugelost zu bekommen. Von der Qualität her gehört Lok Moskau sicher nicht in den ersten Topf. Aber zu leicht nehmen sollte man die Höwedes', Farfáns und Sjomins auch nicht. Die alten Herren haben noch etwas vor.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
miwastill 30.08.2018
1. Könnte mich nicht weniger interessieren...
da ich es nicht einsehe über den Rundfunkbeitrag hinaus für Fußballübertragungen zu zahlen. Den kostenpflichtigen Sendern wäre es sowieso lieber, wenn man für jedes einzelne Spiel zahlen müsste. Sollte man nicht unterstützen. Das Geld kann man sinnvoller einsetzen.
Nonvaio01 30.08.2018
2. Richtig so
Mir gefaellt das besser, sollte so weiter gehen, topf 2 alle die zweiter waren....etc
aurichter 30.08.2018
3. Hola
Da dürfen sich die Bundesligisten nicht beklagen. FCB - BVB - S04 mit guten, aber m.E. sehr machbaren AF in Sicht Gruppen erwischt. Hoffenheim aus Topf 4 war zu erwarten, dass da schwere Gegner warten. Dann schauen wir mal, was Nagelmann da in der Abschiedssaison mit dem Team abliefert. Überraschung ist auch in der Gruppe möglich.
aurichter 30.08.2018
4. @ miwastill*heute, 16:47 Uhr #1
Und Wer will das wissen? Da hätten Sie den Kommentar auch woanders platzieren können, hier ist Sport Forum :-(
aurichter 30.08.2018
5. PS (muss sein)
Jefferson Farfane trifft auf Schalke auch noch ehemalige Kollegen, hat doch auch was oder ;-)
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