Leverkusens Achtelfinal-Aus Es reicht für Platz neun

Bayer Leverkusen hat es nicht unter die besten acht Mannschaften Europas geschafft. Wieder nicht. Doch dieses Mal wehrte sich das Team bis zuletzt. Dann versagten die Nerven.

Fehlschütze Kießling, tröstende Mitspieler: "Wir gewinnen und verlieren zusammen"
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Fehlschütze Kießling, tröstende Mitspieler: "Wir gewinnen und verlieren zusammen"

Aus Madrid berichtet


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Wie an allen Ecken des zugigen Estadio Vicente Calderòn wehte auch in der Interviewzone ein eisiger Frühlingswind, aber das unangenehme Klima war natürlich nicht der Hauptgrund dafür, dass Stefan Kießling seine Mütze tief ins Gesicht gezogen hatte.

Der Stürmer von Bayer Leverkusen hatte 120 zerfahrene und nur sehr selten gut anzusehende Fußballminuten mit einem kraftvollen Schuss in den schwarzen Nachthimmel beendet und damit einen wilden Jubelschrei von 50.000 Spaniern ausgelöst. Im Elfmeterschießen war Bayer Leverkusen im Achtelfinale der Champions bei Atlético Madrid ausgeschieden, und Kießling, der erst spät eingewechselt worden war, bleibt als tragische Figur des Abends in Erinnerung.

Sprechen mochte er nicht, der Schock war auch eine halbe Stunde nach dem Spiel noch nicht aus seinem Gesicht gewichen. "Wir sind alle zu ihm hingegangen und haben gesagt: 'Du, Kollege, wir gewinnen zusammen und verlieren zusammen'", erzählte Bernd Leno, "wir kommen da alle wieder raus, Kieß auch."

Aber so einfach ist das in diesem Fall nicht. Kießling ist 31 Jahre alt, er spielt seit achteinhalb Jahren für Bayer Leverkusen, noch nie war er so nah dran, in den Kreis der besten acht Mannschaften Europas vorzustoßen. So aber kann sich das Team vielleicht als Neunter fühlen, als beste Mannschaft vom gescheiterten Rest.

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Leverkusens Aus in Madrid: Eine Mannschaft zeigt Nerven
Niemand weiß, ob so eine Chance wiede kommt, zumal Kießling gerade seinen Stammplatz im Sturmzentrum an Josip Drmic verloren hat. Insofern war der Schuss in die Nacht ein schmerzhafter Höhepunkt schwieriger Tage für den Stürmer.

Denn die Ausgangslage vor dem Elfmeterschießen war tatsächlich hervorragend. Mit Leno haben die Leverkusener einen Torhüter, zu dessen Spezialitäten das Abwehren von Elfmetern gehört, während Madrids Nummer eins Miguel Angel Moyà schon nach 23 Minuten verletzt das Feld verlassen hatte. Ersatzmann Jan Oblak musste einspringen.

Und tatsächlich hielt Leno einen Elfmeter von Koke, Raul Garcia verfehlte das Tor, günstiger kann so ein Elfmeterschießen eigentlich kaum laufen.

Doch bei Bayer versagten nicht nur Kießling die Nerven.

Auch Ömer Toprak und Hakan Calhanoglu scheiterten an der Herausforderung vom Elfmeterpunkt. "Für mich als junger Spieler ist es sehr schwer, das abzuschalten, weil ich auch noch diesen Elfmeter verschossen habe", sagte Calhanoglu, der ählich niedergeschlagen wirkte wie Kießling.

Es wird wohl eine Weile dauern, bis die erfreulichen Erkenntnisse dieses Achtelfinals im Vordergrund stehen werden. "Das Positive ist, dass wir so einer Mannschaft unser Spiel aufzwingen können, das haben wir vor allem im Hinspiel gemacht", sagte beispielsweise Simon Rolfes, und Sportchef Rudi Völler hob hervor: "Das Ausscheiden ist nicht das gleiche wie in den letzten Jahren, als es Klassenunterschiede gab. Das gute Zeichen ist, dass wir auf dem Niveau mithalten können."

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Leverkusen in der Einzelkritik: Elfmeter? Können wir nicht!
2012 und 2014 hatten die Leverkusener ihre Achtelfinals mit einer seltsamen Unterwürfigkeit gegen Barcelona und Paris St. Germain bestritten, nun haben sie tatsächlich ganz gut mit dem Vorjahresfinalisten mitgehalten. Zwischen dieser Erkenntnis und dem immer wieder hervorbrechenden Gedanken an die verpasste Chance wiegte die nächtliche Debatte hin und her.

Wobei dieses eher ungewöhnliche Fußballspiel kaum Schlüsse auf die allgemeine internationale Wettbewerbsfähigkeit der Leverkusener zulässt. Dazu ist Atléticos Stil zu speziell. Das Team von Trainer Diego Simeone berauscht sich vor allem im heimischen Stadion am Zweikampfspiel. Es gibt kaum planvolle Angriffe, stattdessen wollen sie verteidigen und hoffen eher auf durch Willenskraft erzwungene als auf erspielte Tore.

"Der Ball war viel in der Luft, es gab viel Kampf um zweite Bälle", sagte Rolfes, der "zu wenig körperliche Präsenz" seines Teams beklagte. Roger Schmidt sah das anders, der Trainer fand es "außergewöhnlich, wie wir in diesen Situationen in der Lage waren, der Kompromisslosigkeit Stand zu halten." Wie dem auch sei, klar ist, dass diese Partie "fußballerisch nicht auf hohem Niveau", stattgefunden hatte, wie Schmidt erläuterte.

Das einzige Tor vor dem Elfmeterschießen war da symptomatisch. Ömer Toprak fälschte einen Schuss von Mario Suàrez unhaltbar für Leno ab (27. Minute). Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Leverkusener noch ab und zu Räume für ihre Spielzüge, nachdem das Hinspielresultat ausgeglichen war, waren die Spanier dann in ihrem Element. Sie zerstörten, bissen, zerrten, und das hitzige Publikum bejubelte jede Grätsche, jeden erkämpften Einwurf.

Am Ende waren sie trotzdem reif für das Ausscheiden, doch wieder einmal fehlte den Leverkusenern ein letztes Stück Mut, ein Hauch Entschlossenheit, um diese wunderbare Chance zu nutzen.

Vermutlich hat Kießling das gewusst, als er tief versunken in düstere Gedanken in der Nacht verschwand.

Zusammengefasst: Nach einem 1:0-Sieg im Hinspiel hat Bayer Leverkusen das Achtelfinal-Rückspiel gegen Atlético Madrid im Elfmeterschießen verloren. Der Verein ist aber stolz darauf, im Gegensatz zu 2012 gegen Barcelona und 2014 gegen PSG mitgehalten zu haben.

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insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
vhn 18.03.2015
1. Hut ab...
... wie sich die deutschen Mannschaften bis dato in der CL aus der Affäre gezogen haben. Da muss sich keiner schämen. Wobei die Vorjahresfinalisten dieses Jahr in keiner überragenden Form zu sein scheinen. Bei Dortmund wird es heute wahrscheinlich auch reine Nervensache sein...
Monsieurlapadite 18.03.2015
2. Synonym für Versager
Ja, das ist Leverkusen. Wieder mal nicht das abgerufen was sie können. Nur gut dass Atletico keien mannschaft ist die Fussball spielen kann, die kommen ja auch mehr über Pressing und Konter, so verlor man nur 1:0. Und irgendwann entschied Schmidt auf Elfmeterschiessen zu gehen. Da hätte man meinen können sie hätten sich darauf vorbereitet, doch danach sah es nciht aus. Selten so viele schlechtgeschossene Elfer gesehen. Nur die Holländer im HF bei der EM 2000 waren vermutlich noch schlechter.
Spanier.cs 18.03.2015
3.
Leverkusen hat gestern meiner Meinung nach bewiesen, dass sie eben NICHT mithalten können. Aus einem psychologischen Vorteil wurde ein Kampf gegen die Uhr. Anstatt offensiv aufzuspielen, die Zweikämpfe genauso intensiv und beherzt wie im Hinspiel anzugehen und das Spiel zu dominieren, spielte man unkonzentrierte Pässe vor allem im Mittelfeld. Mit Jan Oblak war ein verunsicherter Torwart im Tor, den man hätte gut bezwingen können, Leno hat jedenfalls deutlich mehr Fähigkeiten. Die drei verschossenen Elfmeter führen dazu, dass Vizekusens ausscheiden absolut gerechtfertigt war... Zumal eines konstatiert werden muss: Atlético ist lange nicht so stark wie letzte Saison. Die Abgänge von Felipe Luis und Diego Costa sowie Courtois wiegen schwer. Atlético wird außer in spielen gegen Porto oder Juve ausscheiden im Viertelfinale. Schade für Bayer...er hätte doch Papadopulus schießen lassen sollen
appendnix 18.03.2015
4. Richter zum Angeklagten:
Ich habe eine gute und schlechte Nachricht für sie. Die Schlechte: Sie sind zum Tod durch erschießen verurteilt. Die Gute: Leverkusen schießt! Von 5 Elfmetern 3 versemmeln, das kriegen nur Profis hin - das muss eingeübt geworden sein.
Sabi 18.03.2015
5. Versagen
Versagen hat einen Namen : Leverkusen !
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