Bayer-Pleite gegen PSG Mal wieder eine Demütigung

Bayer Leverkusen kann die Champions League schon nach dem Achtelfinal-Hinspiel abhaken. Gegen Paris St. Germain erlebte der Bundesligist zu Hause ein Debakel. Regelmäßig kassiert das Team im Europapokal eine Klatsche. Die Begründung von Sportdirektor Völler klingt etwas zu billig.

Aus Leverkusen berichtet


Rudi Völler hatte schon kurz nach Spielschluss eine Erklärung für das Debakel parat. "Wir stoßen in so einem Achtelfinale an unsere Grenzen. Das ist eine Qualitätsfrage, da können wir nicht mithalten", sagte der Sportdirektor von Bayer Leverkusen nach der 0:4-Klatsche seines Teams im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League gegen Paris St. Germain. Wieder einmal hatte Bayer eine dieser Demütigungen erlitten, die dem Club in regelmäßigen Abständen zugefügt werden.

Auf den ersten Blick klang das schlüssig, was Völler da sagte. Vor allem jedoch war diese Theorie bequem. Denn wenn er Recht hätte, wären alle weiteren Nachforschungen zu den Ursachen überflüssig. Aber Völlers Theorie war nicht überzeugend.

Man musste nur den 17-jährigen Julian Brandt gesehen haben, der in der Halbzeit für den konfusen Heung-Min Son in die Partie gekommen war. Der Teenager war in der Winterpause vom VfL Wolfsburg nach Leverkusen gewechselt, sein Erfahrungsschatz als Profi bestand aus acht Bundesligaminuten. Gegen Paris war er trotz des niveauvollen Gegners der mit Abstand beste Leverkusener. Man hatte das Gefühl, elf Spieler dieser Sorte hätten vielleicht wirklich mithalten können gegen diese prominent besetzte Mannschaft aus Frankreich. Und das lag bestimmt nicht daran, dass Brandt als einziger Spieler über die nötige Qualität verfügt.

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Leverkusen in der Einzelkritik: Bayers Schlaftabletten
Das Talent agierte einfach nicht so ängstlich wie seine teils deutlich erfahreneren Kollegen. Er ließ sich nicht von der Lähmung der anderen anstecken, hatte Spaß an der Herausforderung und Lust auf Fußball. Der Rest des Teams wirkte hingegen angestrengt, freudlos, gelähmt. Nach drei Minuten stand es nach zwei Fehlern von Simon Rolfes bereits 0:1 (Blaise Matuidi). Danach waren die Leverkusener lange damit beschäftigt, wieder ins Spiel zu finden. Aber noch vor der Halbzeit erzielte Zlatan Ibrahimovic das 0:2 (39.) und 0:3 (42.).

Das war zwar hart, aber keineswegs unverdient, angesichts der Furcht, die das Leverkusener Spiel prägte. Offenbar ist einiges kaputt gegangen in den vergangenen Wochen und Monaten, in denen die Werkself sechs von acht Pflichtspielen zum Teil kläglich verloren hat. "Ich hatte nicht das Gefühl, dass da untereinander ein Spirit herrscht", sagte der zur zweiten Halbzeit eingewechselte Stefan Reinartz und kam dem Wesen der Krise damit vermutlich näher als Völler.

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Bayer vs. Paris: Zlatan macht den Unterschied
Natürlich enthielt auch die Erklärung des Sportdirektors einen wahren Kern. Aber es gibt Mannschaften, die wachsen gegen überlegene Gegner über sich hinaus. Leverkusen ist das auch schon gelungen, zum Beispiel beim Sieg in Dortmund. Aber in internationalen Partien passiert regelmäßig genau das Gegenteil: Das Team bricht völlig zusammen. Das 0:5 gegen Manchester im Herbst und 1:7 im März 2012 gegen Barcelona belegen dies. Dass PSG am Dienstagabend nicht noch höher gewann, lag vor allem daran, dass die Franzosen irgendwann begannen, das Tempo zu drosseln und sich mit einem weiteren Treffer zufrieden gaben (Yohan Cabaye, 88.).

Vermutlich werden Reinartz' Mitspieler nicht gerade erfreut sein, dass der Kollege nun den Eindruck erweckt, es gebe interne Probleme. Aber vielleicht tun solche Reibungspunkte diesem Team, dem seit Jahren vorgeworfen wird, es gerne bequem zu haben, auch gut.

Trainer Sami Hyypiä wirkte nach dem Spiel betroffen. Seine Pressekonferenz dauerte fast 25 Minuten, er redete viel und lang, beschrieb den Plan, den er ausgearbeitet hatte ("aggressiv verteidigen", "schnelle Gegenangriffe"), benannte Gründe fürs Misslingen ("Die haben schnell gespielt, so schnell, dass wir nicht in die Zweikämpfe gekommen sind."), musste am Ende aber einräumen, dass er "auch keine große Erklärung" habe.

Die Mannschaft befinde sich eben "in einer schwierigen Periode", als Spieler habe er das auch schon erlebt. "Aber ich bin immer wieder hoch gekommen. Jetzt hoffe ich, dass ich etwas finde, um den Jungs auch wieder hoch zu helfen", sagte er, ohne genau zu wissen wie. "Ich glaube, ich muss für morgen ganz viele Psychologen hier her einladen", sagte Hyypiä, aber das war ein Scherz.

Der Finne steht vor seiner bisher größten Herausforderung als Trainer. Und natürlich werden jetzt Experten fragen: Wie soll so ein kühler und eher distanzierter Stoiker dieser leblos erscheinenden Fußballmannschaft die Freude am Spiel zurückgeben? Bräuchte man jetzt nicht eher einen Aufrüttler, einen Motivator, einen Stimmungsexperten? Völler hat solche Fragen mit seiner These vom übermächtigen Gegner auf seine Weise beantwortet.

insgesamt 76 Beiträge
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Seite 1
ichwillspitfire 19.02.2014
1. beschämend
Es ist schon beschämend, wie Leverkusen die Bundesliga regelmäßig international repräsentiert. Selten habe ich so schlechte Spiele in der CL gesehen, wie die, die uns Leverkusen da regelmäßig zur besten Sendezeit live liefert.
spon-3zb-e5b0 19.02.2014
2. optional
Leverkusen halt, auch wenn der Rudi die "Scheisse" bestimmt nicht mehr hören kann, aber das ist halt das Karma der Werkself.
kahabe 19.02.2014
3. Ich gehe
Zitat von ichwillspitfireEs ist schon beschämend, wie Leverkusen die Bundesliga regelmäßig international repräsentiert. Selten habe ich so schlechte Spiele in der CL gesehen, wie die, die uns Leverkusen da regelmäßig zur besten Sendezeit live liefert.
mal davon aus, das CL erst nächste Woche stattfindet, Deutschland betreffend; als Westfale...
sebastian_f 19.02.2014
4.
Auch gegen Dortmund hat man nur gewonnen, weil die halbe BVB-Mannschaft verletzt fehlte und der Schiedsrichter fast keine Notbremsen von Bayer 04 pfiff. Rolfes hätte damals schon nach 30 Minuten nicht mehr auf dem Platz stehen dürfen.
stevie76 19.02.2014
5.
der dfb sollte über eine art lex Leverkusen nachdenken. man könnte Leverkusen bei erreichen eines cl-platzes eine prämie zahlen, aber sie international nicht antreten lassen, ein anderer rückt quasi nach. gab es eigentlich wieder streit bei den lev.spielern ums Trikot vom Zlatan?
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