Aus Barcelona berichtet Sara Peschke
Entspannt konnten Dante und Luiz Gustavo im Bistro am Münchner Flughafen noch ein Getränk kaufen, fast unbehelligt schlenderten David Alaba und Jérôme Boateng zum Gate. Claudio Pizarro stellte sich sogar demonstrativ lächelnd vor den Check-in und wartete auf Autogrammwünsche. Doch eigentlich wollten alle Kameras nur einen sehen: Uli Hoeneß. Strammen Schrittes bahnte er sich einen Weg durch die Objektive, hielt zwischendurch für einen Plausch oder ein Foto mit Fans.
Fast scheint es, als würde die Mannschaft des FC Bayern diese leichte Verschiebung der Aufmerksamkeit genießen, die durch die Steueraffäre um Hoeneß entstanden ist. Im Schatten dieses Trubels können sie sich mehr auf sich, mehr auf das Sportliche konzentrieren. Und das ist an diesen Tagen rund um das Rückspiel des Champions-League-Halbfinales in Barcelona am Mittwoch (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: ZDF und Sky) nicht unerheblich.
Vor allem Jupp Heynckes kommt es ganz gelegen, plötzlich nicht mehr erstes Objekt der Medienbegierde zu sein. Kommentarlos huscht der Bayern-Trainer - ohnehin kein Freund der ganz großen Worte - durch die Abflughalle, zwischen seinen großgewachsenen, Anzug tragenden Spielern geht er beinahe unter.
Umso erstaunlicher die Wandlung auf der Pressekonferenz im Mannschaftshotel. Von den lokalen Journalisten wird Heynckes auf Spanisch angesprochen, "Señor Heynckes" antwortet fließend in der fremden Sprache. Er scheint plötzlich viel mehr sagen zu können und zu wollen, als man es von dem 67-Jährigen gewohnt ist.
Heynckes mag die Spanier - und sie mögen ihn
"Dem Trainer gefällt es in Spanien gut, die Sonne, das Klima. Man merkt ihm seine Erfahrung hier an, als wir ein Problem dem Aufzug hatten, hat er das sofort geregelt", sagt Bastian Schweinsteiger. Zudem verfügt der spanische Heynckes offenbar über ein ordentliches Selbstbewusstsein: "Ich habe sieben Jahre in Spanien gelebt, ich kenne die Mentalität - und die Spanier kennen mich. Man hört es hier in Barcelona zwar nicht gern, aber mit Real Madrid habe ich die Champions League gewonnen", sagt er. Zudem habe er mit Athletic Bilbao herausragende Erfolge gefeiert und sei mit Teneriffa - und man merkt, wie ihm diese Aussage Genuss bereitet - zwei Jahre lang gegen den FC Barcelona ungeschlagen geblieben.
Die Spanier scheinen Heynckes zu mögen, seine unbeholfen charmante Art, mit der er Barcelona als wunderschöne Stadt mit großem kulturellen Wert beschreibt, als eine Stadt, in die er immer gern komme. "Ich hoffe, dass das nach morgen auch noch so ist", sagt er.
Angesprochen auf das Spiel am Mittwochabend kehrt jedoch der bayrische Heynckes schnell zurück. "Man darf sich vom Hinspielergebnis nicht täuschen lassen", sagt er. Auch halte er nichts davon, nach nur einer Partie von veränderten Machtverhältnissen im Fußball zu sprechen. "Der FC Barcelona hat in der Hinrunde der Liga einen wunderbaren Fußball gespielt", er spiele ihn noch immer, sagt Heynckes - und klingt dabei nicht, als bemühe er lediglich Höflichkeitsfloskeln. Vielmehr müsse er mit seiner Mannschaft nun beweisen, dass die Leistung aus dem Hinspiel in München keine "Eintagsfliege" gewesen sei, und dazu bedürfe es höchster Konzentration.
Ob er sich vorstellen könne, im Anschluss an sein Engagement in München noch einmal ein Amt in Spanien zu bekleiden, will ein spanischer Journalist wissen, schließlich kursierten derzeit viele Gerüchte über mögliche Engagements bei Real Madrid und Bilbao. Für die Antwort schlüpft er noch einmal in die Rolle des spanischen Heynckes: "Es ist doch völlig normal, dass nach unseren Leistungen in den vergangenen ein, zwei Jahren spekuliert wird. Aber all die Angebote anzunehmen: Das wäre doch ein bisschen viel mit 68 Jahren."
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