Von Christian Paul
Eigentlich reicht die Statistik, eine simple Zahlenfolge. Seit der Einführung der Champions League im Jahr 1992 stand der FC Bayern bisher dreimal im Finale. 1999 vergoss man bittere Tränen nach der legendären Endspiel-Niederlage gegen Manchester United. 2001 war der Jubel grenzenlos, als die Münchner gegen den FC Valencia triumphierten. Neun Jahre später zeigte ihnen Inter Mailand die Grenzen auf. Und 2012? Nimmt die Fußballgeschichte ihren gewohnten Lauf, ist die Antwort klar.
Für die meisten zumindest. Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge warnte noch am Abend des Halbfinal-Triumphs gegen Real Madrid ("kein Selbstläufer"), Elfmeterheld Manuel Neuer wollte noch gar nicht ans Endspiel denken. Aber es ist nicht von der Hand zu weisen: Der FC Bayern München ist im Finale am 19. Mai gegen den FC Chelsea (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) der klare Favorit. Der Titelgewinn, der noch bei der Auslosung der Viertel- und Halbfinalkonstellationen ganz weit weg schien, ist plötzlich ausgesprochen realistisch.
Es ist fast logisch, dass Präsident Uli Hoeneß angesichts des zweiten Final-Einzugs innerhalb von zwei Jahren zu großen Worten anhob: "Es ist eindeutig, dass der FC Bayern zu den Größten dieses Wettbewerbs gehört, dazu zähle ich vier bis fünf Mannschaften." Warum seine Einschätzung derzeit nicht deplaziert wirkt, haben die Duelle mit Real Madrid gezeigt.
Bayern ist gerüstet für den FC Chelsea, den Tabellensechsten der Premier League. Die Engländer haben Titelverteidiger FC Barcelona in zwei denkwürdigen Spielen in die Knie gezwungen, die katalanischen Feingeister durch bloßes Zerstören gestoppt. Das ist, bei aller Diskussion um den Unterhaltungswert, eine herausragende Leistung. Eine solche müssen die "Blues" im Endspiel allerdings wiederholen - sonst wird es wieder nichts mit dem Titel.
Prominente Ausfälle auf beiden Seiten
Beide Mannschaften werden in München nicht mit ihrer Bestbesetzung antreten können. Chelsea muss auf die gesperrten John Terry, Ramires, Raul Meireles und Branislav Ivanovic verzichten. Eine gewaltige Hypothek, wenn man allein an die beiden Duelle mit Barça zurückdenkt. Mit Abwehrchef Terry fällt der Kapitän aus, Ramires gelang mit einem brillanten Lupfer das zwischenzeitliche 1:2.
Die Münchner müssen im Endspiel ohne die gesperrten Holger Badstuber, David Alaba und Luiz Gustavo auskommen. Eine "Katastrophe" sei das, räumte Hoeneß am Mittwochabend ein. Insgesamt waren sieben Bayern-Profis vor dem Spiel in Madrid vorbelastet gewesen.
Die Europäische Fußball-Union (Uefa) denkt trotzdem nicht über die Einführung einer Streichregelung für Gelbe Karten in der Champions League oder Europa League nach. "Das Thema wird noch nicht diskutiert", sagte ein Uefa-Sprecher der Nachrichtenagentur dpa. Bei Europameisterschaften hat die Uefa bereits die Regelung eingeführt, dass alle Verwarnungen vor dem Halbfinale gestrichen werden.
Den Bayern ist jedoch eher zuzutrauen, mit den Ausfällen zurecht zu kommen. Spätestens seit dem Mittwochabend sind die Profis berauscht von der Vorstellung, den großen Traum vom Gewinn des Heimfinales verwirklichen zu können. Für Zweifel ist endgültig kein Platz mehr. "Jetzt haben wir noch ein Spiel zu Hause, das wollen wir auch gewinnen", sagte Bastian Schweinsteiger.
Noch nie hat ein Club das Champions-League-Finale im eigenen Stadion gewonnen. Schweinsteiger und seine Kollegen wissen: Sie können Historisches schaffen.
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