Von Sebastian Winter und Rafael Buschmann, München
Niemand jubelte. Weder die Zuschauer noch die Spieler des FC Bayern München, die gerade ins Champions-League-Viertelfinale eingezogen waren. Es war zunächst die pure Erleichterung, dass dieser Tanz auf der Rasierklinge so glimpflich zu Ende gegangen war. Dass die Bayern im Achtelfinale den FC Arsenal trotz der 0:2-Niederlage im eigenen Stadion bezwungen hatten. Der 3:1-Hinspielerfolg in London und das eine Auswärtstor mehr hatten sie gerade noch einmal gerettet.
Es dauerte aber nicht lange, da legte sich Alarmstimmung über die Erleichterung. Für so etwas ist Uli Hoeneß zuständig. Der Bayern-Präsident kam mit zusammengepressten Lippen aus der Spielerkabine, er war verärgert wie lange nicht mehr: "Das war der letzte Warnschuss nach dem schwachen Spiel in Hoffenheim und dem glücklichen Sieg gegen Düsseldorf. Wir sind mit Ach und Krach weitergekommen. Wir spielen seit drei Wochen schönen Dreck. Wenn wir gut spielen, können wir jeden schlagen. Wenn wir so wie heute spielen, gewinnen wir gegen keinen."
Die Bayern spielten vor allem in der ersten Halbzeit schlecht, sie bewegten sich kaum, boten sich zu wenig an, stießen nicht in leere Räume vor, die Vorwärtsbewegung funktionierte zu langsam. Immer wieder versuchten sie, in diesem trägen System hohe Bälle nach vorne zu schlagen. Oder sie wählten den hilflosen Rückpass zu Torwart Manuel Neuer.
"Soll für uns ein Lehrbeispiel sein"
"Uns hat die Struktur gefehlt", sagte der Bayern-Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge. Eine Kreativfigur wie der verletzte Franck Ribéry fehlte ebenso wie der gesperrte Bastian Schweinsteiger als Taktgeber im Mittelfeld. "Arsenal war lauffreudiger, aggressiver, wir haben nie Kontrolle über das Spiel bekommen. Es soll für uns ein Lehrbeispiel sein", sagte Bayern-Trainer Jupp Heynckes.
Vier Chancen ließ ihr Abwehrverbund gegen Arsenal zu, zwei davon nutzten Olivier Giroud (3. Minute) und Laurent Koscielny (85.) zum Sieg. Beim ersten Gegentreffer war Bayern-Linksverteidiger David Alaba nach einem Stellungsfehler auch noch ausgerutscht, das Kopfballtor von Laurent Koscielny wäre ebenfalls vermeidbar gewesen.
Selbstzufriedenheit ist eingekehrt
Die Zuordnung stimmte nicht, was man auch daran merkte, dass Innenverteidiger Dante immer wieder ein- und dieselbe Handbewegung in Richtung seiner Kollegen machte. Sie sollte zeigen, dass die Abwehr enger zusammenstehen muss. "Die Abstände haben nicht immer gestimmt in unserem Spiel", sagte Bayern-Torwart Manuel Neuer.
Solche individuellen Fehler haben zurzeit große negative Auswirkungen im Bayern-Spiel. "Souveränität war in den vergangenen Tagen nicht unbedingt zu sehen. Wir haben vier Gegentore in zwei Spielen kassiert, so viel wie in den sechs Wochen zuvor", sagte Thomas Müller.
Aber entscheidender als dies war Müllers Nachsatz, der tiefe Blicke in das Seelenleben der vormals so dominanten Bayern liefert: "Wenn man zu Hause 2:0 verliert, dann wirft das einige Fragen auf in unserer heilen Welt. Daher ist es gar nicht so schlecht, dass so ein Negativerlebnis kommt, man aber trotzdem weiter ist. Nun kann sich jeder über sich selbst Gedanken machen."
Bleibt die Frage, wie tief die Risse der Bayern-Welt aktuell wirklich sind. Es ist etwas Selbstzufriedenheit eingekehrt beim Fast-Meister, Pokal-Halbfinalisten und Champions-League-Viertelfinalisten, und das Sättigungsgefühl kommt in einer gefährlichen Phase. Denn in der Liga fehlt den enteilten Bayern die Reibung, die sie für den Wettbewerb in Europa bräuchten. "In der Champions League hängen die Trauben hoch, das hat man heute gesehen. Da muss man mit Demut rangehen", sagte Rummenigge.
Üben können sie bereits am Samstag in Leverkusen. Gegen jene Mannschaft, die ihr im vergangenen Oktober die bislang einzige Liganiederlage dieser Saison zufügte.
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