Bayerns glücklicher Sieg in Sevilla "So gewinnst du nicht die Champions League"

Nach dem knappen Erfolg in Sevilla üben die Spieler des FC Bayern Selbstkritik. Im Viertelfinal-Hinspiel waren zwei unfreiwillige Wechsel des Rekordmeisters entscheidend. Das Team muss sich steigern.

Javí Martinez
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Javí Martinez

Aus Sevilla berichtet Florian Kinast


Der Mannschaftsbus wartete vor dem Stadion mit laufendem Motor, da wurde Mats Hummels noch einmal deutlich. Der Innenverteidiger hatte erst von einem verdienten Sieg und von einer guten Ausgangsposition für das Rückspiel in einer Woche gesprochen. Doch dann war es an der Zeit für Selbstkritik.

"Wir sind in der Lage, bis zum großen Triumph mitzuspielen, aber nur wenn wir in den verbleibenden vier Spielen bis an unser Leistungsmaximum gehen. Das Spiel heute war gut und okay. Aber mit gut und okay gewinnst du eben nicht die Champions League."

Ehrliche Worte und ein treffendes Fazit nach einem sonderbaren Abend in Sevilla - nach einem kuriosen Spiel, bei dem die Bayern nicht nur von Fehlern des Gegners profitierten, sondern auch von Verletzungen ihrer eigenen Spieler.

Das 2:1 im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League versetzte den FC Bayern jedenfalls in eine schwankende Gemütslage, zwischen Freude über das famose Resultat und Ernüchterung über die eigene Darbietung gerade in der ersten Halbzeit.

Der FC Sevilla - laufintensiv, kampfstark, kompromisslos

Das Positive: Der Mannschaft von Jupp Heynckes glückte, was anderen großen Teams bei ihren Gastauftritten im Estadio Ramón Sanchez Pizjuán nicht gelang: Ein Auswärtssieg. Ob der FC Liverpool in der Gruppenphase (3:3), Manchester United im Achtelfinale (0:0) oder der FC Barcelona, der in der Liga am vergangenen Samstag erst in den letzten Minuten noch ein 2:2 erkämpfte - der FC Sevilla brachte schon viele Top-Mannschaften zur Verzweiflung.

In diesem eigenen Ambiente mit der einschüchternden Atmosphäre und dem ohrenbetäubenden Lärm, kombiniert mit dieser aggressiven und vor allem unkonventionell spielenden Mannschaft. Ein giftiges Kollektiv, laufintensiv, kampfstark, kompromisslos. Eine Spielweise, die weniger an Champions League erinnerte als mehr an oft beschworene Abstiegskampftugenden. Aber auf hohem Niveau.

Der Rekordmeister brauchte lange, um ins Spiel zu finden. Genauer gesagt bis zur 31. Minute. Dort gerieten die Gäste nach dem Tor von Pablo Sarabia in Rückstand. Phasenweise war es ein spielerisch arg unansehnliches Gewürge, bei dem die Bayern aber Glück mit zwei verletzungsbedingten Wechseln hatten. So war James Rodriguez noch keine Minute für den am Knie angeschlagenen Artúro Vidal auf dem Platz, als er bereits den Ausgleich zum 1:1 einleitete. Und auch Rafinha stabilisierte in der zweiten Hälfte die linke Abwehrseite, nachdem der schwache Juan Bernat, der nicht nur bei Sevillas Gegentor schlecht aussah, wegen einer Fleischwunde in der Kabine bleiben musste. Für den Spieler schmerzhaft, für die Bayern heilsam.

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Bayerns Sieg in Sevilla: Abgefälscht

Deswegen, und weil sowohl Jesús Navas die Flanke von Franck Ribéry (37.) als auch Sergio Escudero den Kopfball von Thiago (68.) ins eigene Tor abfälschten, reichte es letztlich doch zum Erfolg und zur blendenden Aussicht, nach fünf Jahren in der Champions League erstmals nicht an einem Klub aus der Primera Division zu scheitern.

Der Haken dabei: Im Halbfinale drohen weitere spanische Klubs. Zum Beispiel Real Madrid.

Keine Möglichkeit mehr, großen Gegnern zu entkommen

Auf den Presserängen hoch oben unter dem Dach der Westtribüne starrten manche Reporter auf ihre Smartphones, sie schauten sich zeitgleich das Parallelspiel aus Turin an. Man sah den unglaublichen Fallrückzieher von Cristiano Ronaldo und wie Real Madrid Juventus souverän besiegte. Dann blickte man wieder auf das Spiel des FC Sevilla, und konstatierte einen Klassenunterschied. Wenn nicht sogar zwei.

Nicht umsonst ist der FC Sevilla in Spanien graues Mittelmaß, 17 Punkte hinter Real. Und 30 hinter dem FC Barcelona. Die Katalanen sind auch noch im Wettbewerb vertreten. Setzt sich Barça gegen die AS Rom durch, steckt auch dieser Klubname bei der Halbfinalauslosung in einer der vier Kugeln. Dazu mutmaßlich noch Pep Guardiola mit Manchester City. Es gibt dann keine Möglichkeit, großen Gegnern zu entkommen.

Dem Traum vom erneuten Triple nach 2013 sind die Bayern ein Stück näher gekommen - auch wenn es am 11. April noch das Rückspiel in München gibt, zumindest der FC Sevilla scheint aus dem Weg geräumt. "Aber wenn wir die Champions League gewinnen wollen", erkannte auch Trainer Jupp Heynckes nach dem Spiel, "dann müssen wir uns steigern."

Tief in der Nacht stand noch das traditionelle Mannschaftsbankett an. Klub-Boss Karl-Heinz Rummenigge hatte vor sich auf dem Tisch ein Weißbier und neben sich Uli Hoeneß, als er bei seiner Rede sagte: "Das war ein wunderbares Spiel mit einem tollen Sieg. Wir haben das Tor zum Halbfinale aufgestoßen. Aber wie man sieht, auch bei dem anderen Spiel in Turin, die Gegner werden nicht einfacher."

FC Sevilla - FC Bayern München 1:2 (1:1)
1:0 Sarabia (32.)
1:1 Navas (37., Eigentor)
1:2 Thiago (68.)
Sevilla: Soria - Navas, Kjaer, Lenglet, Escudero - N'Zonzi, Pizarro - Sarabia, Vazquez, Correa (78. Sandro Ramirez) - Ben Yedder (80. Muriel)
FC Bayern: Ulreich - Kimmich, Boateng, Hummels, Bernat (46. Rafinha) - Martinez - Thiago, Vidal (36. James) - T. Müller, Ribery (79. Robben) - Lewandowski Schiedsrichter: Orsato (Italien)
Gelbe Karten: Correa, Pizarro / Bernat, Ribéry
Zuschauer: 42.000



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Seite 1
colinchapman 04.04.2018
1. gut und okay ist gut und okay
Immerhin haben die Bayern in Sevilla gewonnen. Das hat der FC Barcelona am Samstag nicht geschafft.
doppelnass 04.04.2018
2. Genau
Genau diese Spiele sind es, die man gewinnen muss. Bayern hat seine Defizite der ersten Halbzeit erkannt und entsprechend reagiert. Unter Guardiola war das nie der Fall. Da hätte man das Spiel verloren. Der gestrige Abend macht Mut und Hoffnung. Ich traue denen dieses Jahr viel zu. Halbfinale sollte nun drin sein und das ist bereits ein großartiger Erfolg. Wie immer hängt es dann von vielen Faktoren ab.
wahrsager26 04.04.2018
3. Bayern
Ich habe das Spiel in voller Länge gesehen und war wenig bis gar nicht begeistert .Eine üble 'Stumpfelei'! Mehr nicht ! Der Rest wurde schöngeredet.Auffällig ist ja, das in Deutschland die Trainerriege von einem schnellen Umschaltspiel nichts hält( auch bei Herrn Löw klappt es nicht)-als Zuseher werden wir aber immer geflissentlich darauf hingewiesen, das der Gegner deswegen gefürchtet ist! Die letzten 15 Minuten waren nur das reine Glück für Bayern-ungeordneter konnte es zu diesem Zeitpunkt kaum sein.Entschuldigend kann man aber auch sagen: Die Bundesljega ist kein Sparringspartner für Bayern,woher soll die Übung kommen? Danke
mr-mucki 04.04.2018
4. Schwierige Bewertung
Das Spiel ist sehr schwierig zu bewerten. der Gegner war dermassen aggressiv und auf schnelle Balleroberung und Kontern ausgerichtet, dass ein Vergleich zu Real, Barca oder ManC kaum möglich ist. Darum denke ich, dass Bayern dieses Ergebnis einfach hinnehmen muss ohne große Rückschlüsse zu ziehen
banker1 04.04.2018
5. noch dabei
schön das die Bayern noch dabei sind und hoffentlich weiterkommen.Im Halbfinale gab es ja wohl immer keine sogenannten leichten Gegner mehr und noch in der Vorrunde wurde PSG als der große Favorit auserkoren.....
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