Bayern gegen Liverpool Momentum mal

Der FC Bayern hat vor dem Champions-League-Spiel gegen den FC Liverpool das "Momentum" auf seiner Seite - das behauptet derzeit jeder. Was soll das eigentlich bedeuten?

Liverpool-Trainer Klopp
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Liverpool-Trainer Klopp

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Es ist das Wort, ohne das die Vorberichterstattung zum Spiel des FC Bayern gegen den FC Liverpool derzeit nicht auskommt. Es findet sich überall von der "Abendzeitung" bis zur "Süddeutschen Zeitung", im ZDF und im "Focus": das Momentum.

Vor zehn Jahren kannte der Duden das Wort nicht einmal, mittlerweile führt es selbst Lothar Matthäus selbstverständlich im Mund. Bayerns Sportdirektor Hasan Salihamidzic, dem eine gewisse Neigung anhängt, in öffentlichen Äußerungen zum Allgemeinplatz zu greifen, sowieso.

Wenn man so will, hat das Momentum derzeit das Momentum.

Aber was soll das für die Partie am Abend eigentlich heißen?

Der Momentum-Indikator in der Wissenschaft, abgekürzt MOM, zuweilen auch als Rate-of-Change-Indikator ROC bezeichnet, "soll Aufschluss über die Stärke oder Schwäche eines Trends geben", formuliert das Internetlexikon. Der Trend ist es dann auch, den der FC Bayern zurzeit für sich reklamieren kann.

Als im Dezember die Partien des Achtelfinals ausgelost wurden und somit auch das Duell der Münchner mit der Elf von Jürgen Klopp feststand, hatte der FC Bayern sechs Punkte Rückstand auf Tabellenführer Borussia Dortmund und eine der heftigsten Form- und Stimmungskrisen der vergangenen Jahre gerade hinter sich. Der FC Liverpool thronte zum gleichen Zeitpunkt ungeschlagen an der Tabellenspitze der Premier League. Die Favoritenrolle war ganz eindeutig zu Gunsten der Engländer verteilt, und so wurde es auch beinahe einhellig beurteilt.

Bis zum Hinspiel waren sich die Experten einig

Selbst direkt vor dem Hinspiel, das ist erst drei Wochen her, hatte sich daran nichts geändert. Die Bayern hatten zwischenzeitlich in Leverkusen verloren. Der Abstand auf Platz eins betrug, weil auch Rivale Dortmund Punkte ließ, zwar nur noch drei Zähler, aber im SPIEGEL-Interview stellte Fußballexperte Christoph Biermann das fest, was wohl die Mehrheit vom Fach teilte: "Bei Liverpool erkennt man eine Strategie, bei Bayern nicht." Und auch direkt nach dem Spiel, dem 0:0 in Anfield, hieß es hier: "Liverpool bleibt Favorit."

22 Tage später soll vieles davon nicht mehr gelten. Die Bayern haben in der Zwischenzeit gegen Hertha BSC (mühsam), bei einer schwächelnden Mönchengladbacher Borussia (überzeugend) und gegen den VfL Wolfsburg (sehr überzeugend) gewonnen, Liverpool zwei Siege gegen Watford und Burnley und zwei torlose Remis beim erstarkten Manchester United und beim Lokalrivalen FC Everton eingefahren. Aus diesen Resultaten allein würden MOM und ROC wenig ablesen können.

Der FC Liverpool kann am Abend (21 Uhr Sky, Liveticker SPIEGEL ONLINE) bis auf den ehemaligen Leipziger Nabi Keita alle seine Spieler aufbieten, der Niederländer Virgil van Dijk, von vielen als der derzeit beste Abwehrspieler der Welt bezeichnet, kehrt nach Sperre in die Startelf zurück. Bei den Bayern fehlen mit Joshua Kimmich und Thomas Müller gesperrt zwei Akteure, die zuletzt stark spielten. Arjen Robben und der langzeitverletzte Corentin Tolisso stehen seit geraumer Zeit nicht zur Verfügung. Was sagt der Momentum-Indikator dazu? Wahrscheinlich auch nichts, was zwingend für den FC Bayern spricht.

Selbst die Ausbootung ist eine Motivation

Dennoch ist die allgemeine Stimmung seit dem Hinspiel gekippt, selbst die Ausbootung der drei altgedienten Bayernspieler Jérome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller durch den Bundestrainer, normalerweise ein echter Tiefschlag für einen ambitionierten Profi, wird positiv als besondere Motivation umgedeutet. Die Bayern haben zuletzt stark gespielt, sie haben sich aber vor allem stark geredet. Wenn Titelkonkurrent Borussia Dortmund seine Form aus der Hinrunde gehalten hätte, hätte den Bayern ihre Siegesserie wenig geholfen. Die Münchener haben auch bereits im Spätherbst fast alles in der Liga gewonnen, aber da hat niemand vom Momentum geredet, weil auch der BVB ständig siegte.

Dann stark sein, wenn die Anderen Schwäche zeigen: In der Bundesliga hat das in dieser Saison schonmal gut funktioniert, die Leistungsdelle beim FC Liverpool fällt allerdings deutlich geringer aus als die der Dortmunder zuletzt.

Dass ManCity mit dem ehemaligen Bayerntrainer Josep Guardiola die Tabellenspitze in England von dem ehemaligen Dortmund-Trainer Jürgen Klopp übernommen hat, ist eine schöne Anekdote, spricht aber mehr für die derzeitige Überform von ManCity als für die Schwäche des FC Liverpool. Manchester City hat, man ahnt es bereits: das Momentum.

Früher hätte man wahrscheinlich nur gesagt, die Bayern seien zurzeit einfach gut drauf. Jetzt ist es das Momentum.

insgesamt 19 Beiträge
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hanbil 13.03.2019
1. Danke dafür
dass endlich mal jemand dieses Unwort in das Licht stellt, in das es gehört. Unsäglicher Schmarrn, wenn ich das höre, von Brazzo oder vor allem von Matthäus, dann krieg ich Ohrenkrebs. Klingt schön gebildet und bedeutet: gar nichts. Für diese Klarstellung meinen Dank, Peter Ahrens.
PARLIAMENT 13.03.2019
2. Finitum
Das Momentum hat heute Abend erst einmal Pause, denn da scheiden die Bayern mit einem Unentschieden aus der Championsleague aus. Momentum finitum.
Ja.......Aber 13.03.2019
3. Also .........
.... mir hätte etwas gefehlt, wenn sich Herr Arhens nicht zu diesem Artikel niedergelassen hätte!?
funkhero 13.03.2019
4. Kommt aus dem Football
Und wird da schon seit Jahren, vor allem innerhalb einzelner Spiele als wichtiger Faktor gesehen. Da hierzulande die Popularität des schweinsleders auch immer höher wird ist es klar dass sich auch Teile der Begrifflichkeiten durchsetzen. Ganz einfach.
thinkahead 13.03.2019
5. Gilt auch für den BVB ...
www.bvb.de/ger/News/Uebersicht/Haben-das-Momentum-nicht-auf-unserer-Seite
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