Münchens 3:3 bei Ajax Werbung für den Fußball, aber nicht für die Bayern

Gruppensieger! Aber: Bayern Münchens mitreißendes Spektakel in Amsterdam offenbarte schonungslos die Defizite im Spiel des Rekordmeisters. Für Europas Spitze reicht es so nicht.

Aus Amsterdam berichtet Florian Kinast


Der Sportdirektor sah blass und ziemlich mitgenommen aus. Mit der Hand strich Hasan Salihamidzic über sein weißes Hemd, Höhe linker Brustkorb, er sprach scherzend von Herz-Rhythmusstörungen, die ihn während des Spiels geplagt haben sollen. Und Salihamidzic sagte, um all der Dramatik dieses Abends die richtigen Worte zu verleihen: "Auf der Bank war das: puh. Da braucht man Nerven."

Puh, das werden auch viele Fans auf der Tribüne oder daheim vor dem Bildschirm gedacht haben, über dieses aufregende und zugleich aberwitzige Spiel.

Sechs Tore, zwei Elfmeter, zwei Platzverweise, dazu ein Duell mit diesen klangvollen Klubnamen, hier Ajax, dort Bayern München - das 3:3 in Amsterdam lieferte in all seinen Wendungen eine dieser magischen und viel zu seltenen Europapokal-Nächte. Ein grandioser Abend für den Fußball, wie ihn die findigsten Marketing-Strategen der Uefa nicht besser hätten erfinden können. "Das war Werbung pur", sagte auch Bayern-Coach Niko Kovac, "es war ein fantastisches Spiel."

Ein Spiel, das aber auch die derzeit noch großen Defizite beim FC Bayern offenbarte und das nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass dem Deutschen Meister noch einiges fehlt, um in Europa wirklich ganz nach vorne zu kommen, geschweige denn auf den Champions-League-Titel zu hoffen. Denn so reicht es noch lange nicht.

Gegentor und Gnabrys Auswechslung verunsicherten die Bayern

Dabei hatten die Münchner die Partie mindestens in der ersten Hälfte im Griff. Sie führten früh durch Lewandowski (13. Minute), waren bissig und kompromisslos. Lange zeigten die Bayern eine ihrer besten Saisonleistungen, mit Kampfgeist und Körpersprache.

Aber dann brach die Mannschaft ein. Dabei brachte sie nicht nur der Ausgleich zum 1:1 durch Tadic (61.) aus dem Konzept, sondern unmittelbar danach auch der erste Wechsel des Spiels. Kovac, der zum dritten Mal nacheinander die gleiche Startelf aufs Feld geschickt hatte, brachte Thiago für Serge Gnabry, bis dahin einen der besten Münchner. Die Idee: mehr Stabilität. Und, auch wenn Thiago ordentlich auftrat: Das System geriet so ins Wanken, dahin war es mit dem lange überzeugenden Kombinationsfluss einer spürbar eingespielten Mannschaft.

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Fotostrecke: Die wilde Hatz von Amsterdam

Plötzlich wurde der Auftritt der Bayern wirr und wild, an der Grenze zur Anarchie. Auch das kurzzeitige Überzahlspiel brachte keine Sicherheit, mit einem Mann mehr spielten sie nach dem Platzverweis gegen Amsterdams Wöber (67.) ohnehin nur acht Minuten, bevor Thomas Müller mit seinem üblen Eric-Cantona-Gedächtnistritt gegen den Kopf von Nicolás Tagliafico ebenfalls Rot sah. "War keine Absicht", sagte Müller auf dem Weg zum Mannschaftsbus lapidar, deutlicher waren die Worte von Teamkollege Leon Goretzka: "Man muss sich nur angucken, wie der Junge auf dem Platz genäht wurde. Das war eine klare Rote Karte."

Deutlich fiel auch das Fazit zum eigenen Spiel aus. Der lange Zeit in der Innenverteidigung überragende Niklas Süle etwa freute sich zwar über "eines der interessantesten Spiele meiner Karriere". Erkannte aber, dass auch er im letzten Drittel der Partie ziemlich eingebrochen war. "Das waren dumme Gegentore, die wir hätten vermeiden müssen."

Es drohen Liverpool, Atlético oder Tottenham

Auch Sportdirektor Salihamidzic, der auf Bitten der Klubführung sein Profil in der Außenwahrnehmung schärfen soll, sagte: "Wir müssen das cleverer machen. Das Wichtigste aber ist heute, dass wir Gruppensieger sind." Das sind sie. Damit geht der FC Bayern im Achtelfinale den drei derzeit wohl besten Topteams Europas aus dem Weg: FC Barcelona. Paris St. Germain. Und Manchester City.

Doch selbst in den Loskugeln der Gruppenzweiten lauern bei der Ziehung am Montag (12 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gefährliche Gegner, die mindestens so stark wie Ajax sind. Der FC Liverpool selbstverständlich, oder Atlético Madrid, die Spurs aus Tottenham. Gegen diese Gegner darf es sich der FC Bayern nicht erlauben, in der letzten halben Stunde der zweiten Hälfte drei Gegentore zu kassieren. Bis Februar müssen die Bayern stabiler und in der Lage sein, ein Spiel über 90 Minuten zu dominieren - genau das hat sie immer ausgemacht.

Alle Achtelfinalisten im Überblick:

"Das war ein sehr gutes Spiel, um es später zu analysieren", sagte Doppeltorschütze Lewandowski. "Da werden wir sehen, was wir besser machen können." Was sie vor allem besser machen müssen, um nicht wieder unfreiwillig für Aufregung zu sorgen.

Man denke nur ans Herz des Sportdirektors.

Ajax Amsterdam - Bayern München 3:3 (0:1)
0:1 Lewandowski (13.)
1:1 Tadic (61.)
2:1 Tadic (83. Foulelfmeter)
2:2 Lewandowski (86. Foulelfmeter)
2:3 Coman (88.)
3:3 Tagliafico (90+5.)
Amsterdam: Onana - Mazraoui, de Ligt, Wöber, Tagliafico - Blind - de Jong, van de Beek (78. Dolberg) - Ziyech, Tadic, Neres (87. Huntelaar).
München: Neuer - Rafinha, Boateng, Süle, Alaba - Kimmich, Goretzka (88. Renato Sanches) - Gnabry (61. Thiago), Müller, Ribéry (71. Coman) - Lewandowski.
Schiedsrichter:
Turpin (Frankreich)
Zuschauer: 45.000
Gelbe Karten: De Ligt, Blind, Tagliafico / Kimmich, Rafinha
Rote Karten: Wöber (67.) / Müller (75.)



insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
geradsteller 13.12.2018
1. Werbung für den Fußball
Jahrelang gefordert endlich wieder. Real auch spannend. Liverpool, Ajax, Dortmund im Spiel. Endlich nicht einseitig.Wird immer nur gejammert? Ist doch nicht schön, wenn immer die gleichen Verein am Schluss übrig bleiben. Also endlich einmal Augenhöhe. Und schon haben wir ein spannendes Spiel. Werbung für den Sport.
FaselFaselFasel 13.12.2018
2. Natürlich reicht es für die Spitze
Schauen Sie sich mal in Europa um, auch Real und Barca haben offensichtliche Probleme. Seit der Ankündigung von Kovacs Verpflichtung hatte ich so ein Gefühl.Nämlich dass es in der Buli bergab gehen würde, aber in den entscheidenden Spielen in der CL es dieses Jahr reicht, da die Bayern nicht nur auf Ballbesitz und Schönspielerei setzen, sondern wieder dreckig gewinnen können. Und dieses Gefühl habe ich nachwievor.
marcuhlig 13.12.2018
3.
ich selbst sehe die derzeitige Leistung meiner Bayern äußerst kritisch, aber wie hier im Spiegel der BVB gut- und alles was die Bayern machen schlecht geschrieben wird hat mit Objektivität nichts zu tun. Ich bin mir sicher, für das gleiche Spiel wäre der BVB hier wieder über den grünen Klee gelobt worden.
mt8 13.12.2018
4.
Zitat von marcuhligich selbst sehe die derzeitige Leistung meiner Bayern äußerst kritisch, aber wie hier im Spiegel der BVB gut- und alles was die Bayern machen schlecht geschrieben wird hat mit Objektivität nichts zu tun. Ich bin mir sicher, für das gleiche Spiel wäre der BVB hier wieder über den grünen Klee gelobt worden.
So ist es. Zur Objektivität würde gehören, dass Onana mit Weltklasseparaden mindestens zwei weitere Bayern-Treffer verhindert hat, dem dritten Amsterdamer Tor eine klare Abseitsstellung vorausging und Thiago an zwei Bayern-Tore maßgeblich beteiligt war. Dass nach dem Ausgleich Ajax als Heimmannschaft alles versuchen würde, das Spiel zu gewinnen, war doch vorhersehbar - immerhin ging es ja um den Gruppensieg.
dirk warkner 13.12.2018
5. Hat der Autor ein anderes Spiel gesehen?
Zumindest willes mir so scheinen. Vor dem 1:1-Ausgleich waren die Bayern keineswegs sicher und kontrolliert. Ajax war minutenlang in der Bayern-Hälfte, die Bayern spielten auf dem Weg aus der eigenen Hälfte Fehlpass über Fehlpass und das erste Gegentor war wirklich nur eine Frage der Zeit...das sah wirklich nicht gut aus. Zumindest habe ich es so empfunden......
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