Bayern Münchens Trainernachfolge Die Charmebolzer

Über Monate hat der FC Bayern Jupp Heynckes umgarnt, um den Trainer doch zu halten. Doch der war von den Diskussionen genervt. Jetzt atmet er auf, endlich steht die Champions League im Mittelpunkt.

Uli Hoeneß (l.), Jupp Heynckes
DPA

Uli Hoeneß (l.), Jupp Heynckes

Von Christoph Leischwitz, München


Für Jupp Heynckes sind Tage ohne Fußball schwer zu ertragen. Das hat nicht nur damit zu tun, dass der 72-Jährige diesen Sport noch immer liebt, sondern auch mit seiner Situation in München. Als Bayern-Trainer muss Heynckes auch dann immer wieder Fragen beantworten, wenn nicht gespielt wird. Und meist geht es dann um ihn. Und um seine Zukunft.

Am Montag saß Heynckes nach überstandener Grippe bei der Pressekonferenz vor der Partie seiner Münchner in der K.-o.-Phase der Champions League gegen den Besiktas Jimnastik Kulübü (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), er fühlte sich sichtlich wohl. Mehrmals lachte Heynckes laut auf, einmal entfuhr ihm eher unabsichtlich das Wort "geil", mit Freude beantwortete er die Fragen der Journalisten. Endlich ging es wieder um wichtigen Fußball.

Denn die vergangenen Monate haben Heynckes zugesetzt, sie haben ihn genervt, auch wenn er nicht der Mensch ist, der sich so etwas anmerken lassen will. Ihn störte die Diskussion, die ihm sein langjähriger Freund, Bayerns Präsident Uli Hoeneß, eingebrockt hatte. Dann saß ein anderer Heynckes in den Pressekonferenzen, einer, der seine Hände knetete, den Kopf schüttelte und sagte, dass seine Entscheidung doch feststehe. Für ihn sei zum Saisonende Schluss, basta.

Fotostrecke

19  Bilder
Heynckes beim FC Bayern: Ich habe (doch noch nicht) fertig

Doch Hoeneß wollte das nicht akzeptieren, er wollte den Mann weiter halten, der den legendären Triple-Erfolg 2013 verantwortete. Einerseits verständlich, rennt der Klub dem Champions-League-Sieg seitdem doch vergeblich hinterher. Andererseits wusste Hoeneß, wie unangenehm Heynckes das Thema war - und ließ dennoch nicht locker.

Es begann Ende November, bei der Jahreshauptversammlung der Bayern. Nicht vor dem großen Publikum, später erst, in kleiner Runde vor Journalisten. "Das ist möglich, das halte ich nicht für ausgeschlossen", sagte Hoeneß auf die Frage, ob Heynckes vielleicht länger bleibt als nur bis zum Saisonende. Einen Tag später verlor die Mannschaft in Mönchengladbach 1:2 und Heynckes sagte zu den Gedankenspielen des Präsidenten: "Das ist ausgeschlossen."

Hoeneß legte trotzdem nach. Am 16. Dezember ließ er beim Besuch des Fanklubs Schießamer Red-White Dynamite über eine Heynckes-Verlängerung abstimmen, und zählte stolz: 300:0 Stimmen. "Ich werde es dem Jupp mitteilen", rief er ins Mikrofon.

Nach der Winterpause sprangen andere auf. Der Ex-Sportdirektor der Bayern, Matthias Sammer, begann zu mutmaßen, dass Heynckes tatsächlich länger bleiben könnte - sonst würde sich Hoeneß doch gar nicht so äußern. Am 14. Januar gab Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge zu Protokoll: Bei ihm müsse man "auch ein Stück diese Geduld haben. Man muss den Jupp, ohne ihn zu drängen, mit der notwendigen Eleganz begleiten". So klingt beim FC Bayern eine Charmeoffensive.

Der Nachfolger darf sich als Plan B fühlen

29. Januar, Düsseldorf: "Jupp soll die Übergangsphase von den älteren zu den jungen Spielern schaffen", sagte Hoeneß beim Ständehaus-Treff, einer Vortragsreihe der "Rheinischen Post". Der Trainer solle ein Jahr dranhängen. Er gab allerdings zu, dass die Chancen, Heynckes umzustimmen, wohl nur bei etwa zehn Prozent lägen. Dennoch: "Es gibt keinen Plan B."

Das ist das eigentlich Überraschende an Hoeneß' Vorgehen: Dass er, der seit bald 40 Jahren Manager des FC Bayern ist, herausposaunt, für eine mit 90 Prozent Wahrscheinlichkeit eintretende Absage keine Alternative zu haben. Entweder wollte er die Massen bewegen und Heynckes so erweichen. Oder es handelte sich von vornherein um ein reines Ablenkungsmanöver, weil ihm ein zwischenzeitlicher Plan B abhandengekommen ist - oder, weil in Wahrheit die Nachfolge schon feststeht.

Fraglich, ob es das wert war. Der offensichtlich genervte Heynckes wurde zum Spielball des Hoeneßschen Kalküls, und dem Trainer war anzumerken, wie sehr ihm das missfiel. Es scheint so, als sei davon etwas hängengeblieben. Und vor allem hat Hoeneß so einen möglichen Nachfolger schon vorab beschädigt. Denn der, egal wer es wird, wird sich die Frage gefallen lassen müssen, wie man sich so fühlt als Plan B.

Und Joachim Löw?

Thomas Tuchel wäre wohl der einzige Kandidat, der über solch einen Vorwurf erhaben wäre. Umgekehrt würde sich die Kränkung bei Niko Kovac wohl in Grenzen halten, würde er trotz mangelnder internationaler Erfahrung neuer Bayern-Coach werden. Und wenn Letzterer anscheinend schon nicht von Frankfurt losgeeist werden kann, so scheinen andere Kandidaten im Moment noch unwahrscheinlicher: Ralph Hasenhüttl findet sich selbst zu unerfahren, Jürgen Klopps Fußball passt nicht so recht zum Bayern-Kader. Und Joachim Löw? Der Bundestrainer hat sich zuletzt ein wenig ausweichend geäußert. Er wäre zumindest einer, für den sich ein Ablenkungsmanöver im großen Stil natürlich lohnen würde.

Man mag von solchen Spekulationen halten, was man will. Heynckes dürften sie gefallen, wie alles, was von seiner Person ablenkt.



insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
vera gehlkiel 20.02.2018
1.
Ich glaube, Hoeness scheinbar freundliche "Anmache" des schon wieder mit leichter Hand beispielos erfolgreichen Heynckes zeigt mal wieder, dass seine besten Zeiten definitiv hinter ihm liegen. Leute, die wirklich weiter kommen wollen, wie Tuchel oder Kovacs, werden sich es zehnmal überlegen, ob sie sich in die Bayern- Schlangengrube begeben, in welcher bisher noch jeder Trainer im Endeffekt zum Spielball des publicitysüchtigen Managements geworden ist, ausser wenn er mal ein persönlicher Freund von Hoeness war. Den scheinen selbst Rücksichtnahmen in dieser Richtung nicht mehr zu kratzen, permanent muss er Heynckes vorführen, als habe er höchst persönlich dieses edle Spielzeug erfunden und optimal auf die Bedürfnisse des Clubs eingestellt. In Wahrheit hat Heynckes einfach ein besonderes Talent im Umgang mit seinen Spielern, was aber auf echten Respekt in hohen Massen zurückzuführen ist, dies hört man permanent raus bei ihm. Respekt ist für einen Hoeness allerdings nur eine taktische Multifunktionswaffe im ständigen Medienkrieg, dem er sich komplett verschrieben hat. Mal adelt er bestimmte Leute durch Respekterweisungen, mal fordert er vom hohen Ross herunter, dass gefälligst mehr Respekt im ganzen Land zu herrschen habe, mal macht er Leute öffentlich damit fertig, dass er ihnen vorhält, vor gar nichts mehr Respekt zu haben. Klar ist, dass es mit Heynckes nur deshalb funktioniert, weil dieser sich als Person öffentlich komplett zurücknimmt, so ähnlich war das damals ja auch mit dem Hitzfeld. Kovacs, Tuchel, gar Klopp oder Löw? Das wird alles leider niemals funktionieren. Nicht, solange ein Hoeness dort überall unverdrossen selbstsüchtig und bar jeder Reflexionsfähigkeit mitmischt.
wally76 20.02.2018
2. Löw ist kein Vereinstrainer
und er wird sich das auch nicht antun. Siehe Klinsmann. Tuchel wär eine gute Wahl, da hätten die anderen auch mal die Chance auf die Meisterschaft. Zumal, wenn dann hinter Tuchel erst noch aufgeräumt werden muss, nachdem er rausgeflogen ist.
Seraphan 20.02.2018
3. Nur 2 Alternativen
Die Äußerungen Hoeness' haben mich damals schon verwirrt, und ich frage mich bis heute, was der Grund dafür war. Es muss etwas Grandioses werden, um das Ganze zu rechtfertigen. Tuchel wird es sich nicht antun, Klopp passt nicht, Kovac ist zu unerfahren. Es bleibt also nur Löw übrig. Das wäre grundsätzlich erstmal schade für die Nationalmannschaft. Aber es könnte definitiv interessant werden, sollte Löw's Nachfolger Tuchel, eher wahrscheinlich, oder Klopp werden.
frankfurter. 20.02.2018
4.
Die Bayern wollen mit Jupp Heynckes nur verlängern, weil sie Kovac erst 2019 bekommen. Und für 1 Jahr einen Übergangstrainer als Platzhalter zu benennen, macht wenig Sinn.
ralfbraun 20.02.2018
5. Plan B und C sind katastrophal:)
Löw ist ein sehr wahrscheinlicher Plan B. Wenn er in Russland gewinnen sollte, dann hat er alles erreicht und kann sich nur noch als Vereinstrainer neue Ziele setzen. Wenn er verliert, dann hat er auch fertig mit der Nationalmannschaft. Halte Löw für keine gute Wahl für den FCB. Sein Sieg bei der WM geht überwiegend auf die breite FCB-Achse zurück, die trotz seiner Fehler (Kader, Taktik, Khedira als unfitten Spieler durchschleppen, Mustafi, ...) stark genug für den WM-Titel war. Was Löw richtig gemacht hat zuletzt war die konsequente Berufung von Talenten und den angefachten Wettbewerb. Aber noch hat er keine wettbewerbsfähige Mannschaft formiert. Das müsste er noch bis zum Sommer zeigen. Tuchel (Plan C) finde ich auch keine Lösung. Der passt von der Persönlichkeit einfach nicht zu Bayern. Halte Nagelsmann weiterhin für eine gute Option. Er versteht was von Fußball und Taktik und der FCB sollte sich daran errinnern, dass man mit jungen Trainern (Lattek, Cramer, Czernai...) auch schon gute Erfahrungen gemacht hat und nicht wieder so einen Etablierten (Rehagel, Ribbeck, Trappatoni, Magath), der dann seine "Erfolge" nicht wiederholen kann. Schade, dass man Guardiola nicht seine Transferwünsche (de Bruyne, Sane, Gündogan) erfüllt hat. Dann wäre der FCB auf einem anderen Level.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.