Bayern-Niederlage in Madrid Langsam, harmlos, berechenbar

Die Hinspiel-Niederlage bei Real Madrid hat die aktuellen Schwächen der Bayern aufgedeckt. In der Offensive sind die Münchner zu harmlos, im Umschaltspiel zu langsam. Auch Trainer Josep Guardiola muss sich Vorwürfe gefallen lassen.

Aus Madrid berichtet Sebastian Winter

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Sie waren an diesem Mittwochabend einfach schneller als die Bayern: die Spieler von Real Madrid, die den Deutschen Meister im Hinspiel des Champions-League-Finales mit ihrem Konterspiel überfallen und deshalb 1:0 gewonnen hatten. Und auch ihre Fans, die nach Schlusspfiff wieder zu Tausenden in die Calle de Marceliano Santa María strömten, eine Seitenstraße am Bernabéu-Stadion. Dorthin zurück, wo sie bereits am frühen Abend siegessicher gefeiert hatten. Die Anhänger des FC Bayern mussten dagegen lange nach dem Spiel noch in ihren Sitzschalen ausharren. Stumm, ratlos, in sich versunken. Die "bestia negra", Reals Angstgegner also, hatte sich in einen zahnlosen Tiger verwandelt.

Es war ein denkwürdiges Spiel gewesen. Nicht so sehr wegen seiner Klasse, es hat sicher schon bessere Halbfinals gegeben. Sondern wegen seiner Gegensätze. Weil zwei grundverschiedene Taktikkonzepte aufeinanderprallten. Auf der einen Seite der gnadenlos schnelle Konterfußball Madrids, auf der anderen Seite die dominante Ballbesitzschule der Bayern. Hier der ausgebuffte Italiener Carlo Ancelotti, der als Trainer noch nie gegen die Bayern unterlegen war. Dort Josep Guardiola, der als Coach des FC Barcelona nie im Bernabéu-Stadion verloren hatte. Nun liegt auch Guardiola mit seinem Versuch, die taktische Deutungshoheit in diesem Duell zu übernehmen, 0:1 zurück.

Seine Spieler hatten zwar in der ersten Halbzeit das Guardiola-Credo vom ständigen Ballbesitz gut umgesetzt, aber kaum eine Lücke zwischen den beiden tief stehenden Viererketten Reals gefunden. Ihre Allzweckwaffen Arjen Robben, der sich mühte, und Franck Ribéry, der erneut uninspiriert wirkte, blieben seltsam harmlos. Stürmer Mario Mandzukic wirkte völlig verloren in Madrids Strafraum, Toni Kroos hatte zu viel Respekt vor Ballverlusten und spielte sehr oft quer auf seine Kollegen.

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Bayern in der Einzelkritik: Boatengs Kinderkrankheiten, Ribérys Lethargie
Ancelotti hatte sich den Bayern angepasst und seiner Elf eine defensivere Grundordnung als sonst verpasst. Eine Grundordnung, die die Münchner von Real bislang nicht kannten. "Ich hätte mir gewünscht, dass Real ein bisschen offensiver spielt, dass die Viererkette 30 Meter vor dem Tor steht. Dann hätten wir Räume gehabt und mehr Torchancen", sagte Bayern-Keeper Manuel Neuer, während Robben erstaunt feststellte: "Ich war auch überrascht, wie sie angefangen haben hier im eigenen Stadion. Die haben aufgepasst."

Respekt hatte Madrid aber nur in den ersten 15 Minuten. Und es hatte einen klaren Matchplan: Den Bayern vor dem eigenen Strafraum kaum Räume zu bieten, sie aber so sehr zu locken, dass bei Balleroberungen Konterspieler wie Cristiano Ronaldo, Ángel Di María und Karim Benzema pfeilschnell ausschwärmen können. Der Plan ist aufgegangen, auch weil die Bayern zu langsam in der Umschaltbewegung waren.

Weder Bastian Schweinsteiger noch Kroos und auch nicht die beiden Innenverteidiger Dante und Jérôme Boateng gelten als besonders flinke Spieler. Gegen Madrid, das Guardiola als "schnellste Kontermannschaft der Welt" bezeichnet, ist das ein großes Problem. Zumal die Madrilenen trotz ihrer Schnelligkeit robuster wirken. "Es sind alles Fußballer, aber eben auch Athleten. Und viele von ihnen sind Welt- und Europameister", sagte Guardiola.

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Real Madrid in der Einzelkritik: Eckpfeiler Di María, Routinier Carvajal
Der Bayern-Trainer reagierte lange Zeit nicht, man kann ihm das vorwerfen. Erst in der 72. Minute wechselte er Ribéry aus, vielleicht zu spät, Mario Götze und später Thomas Müller brachten jedenfalls mehr Schwung in der Offensive. Zugleich mussten die Bayern weiterhin vor den gefährlichen Kontern auf der Hut sein. "Ich wollte kein typisch deutsches Spiel, das immer von hinten nach vorne geht. Wir wollten viel Ballkontrolle", sagte Guardiola. Ein solches System ist aber anfällig, weil es durchschaubar ist.

Für das Rückspiel am Dienstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) bieten sich den Bayern auch in der Defensive sinnvolle Optionen an. Beispielsweise könnte Guardiola den robusten Javier Martínez gleich von Beginn an auf der Sechs spielen lassen und Philipp Lahm für den gegen Ronaldo schwachen Rafinha als rechten Außenverteidiger.

Auf Sieg zu spielen, aber bloß kein fatales Gegentor kassieren: Das wird nun die große Herausforderung für die Bayern sein. Schon jetzt ist klar: Es ist ihre bislang schwierigste Aufgabe in dieser Saison. Dass die Real-Superstars Ronaldo und Gareth Bale dann wieder völlig fit sein sollen, macht sie nicht unbedingt leichter.

Real Madrid - Bayern München 1:0 (1:0)
1:0 Benzema (19.)
Madrid: Casillas - Carvajal, Ramos, Pepe (73. Varane), Coentrão - Di María, Modric, Alonso, Isco (82. Illarramendi) - Benzema, Ronaldo (73. Bale)
München: Neuer - Rafinha (66. Martínez), Boateng, Dante, Alaba - Schweinsteiger (74. Müller), Lahm, Kroos - Robben, Ribéry (72. Götze), Mandzukic
Schiedsrichter: Webb (England)
Zuschauer: 79.283
Gelbe Karten: Isco / -
Ballbesitz in Prozent: 28:72
Gewonnene Zweikämpfe in Prozent: 43:57
Ecken: 3:15
Torschüsse: 5:4

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 244 Beiträge
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Seite 1
aha47 24.04.2014
1. Nanu?
"Langsam, harmlos, berechenbar"? Wie jetzt? Gestern abend hatte SPON doch noch vermeldet, die Bayern seien "drückend überlegen" gewesen...
maho18 24.04.2014
2. Einzelkritik zu Real Madrid
In der Einzelkritik zu Real wurde bei Varanes Bewertung ein Bild von Alvaro Morata verwendet...
elferkiller1234 24.04.2014
3.
Ja, was denn nun? Gestern noch "hoch überlegen", heute also eine "Katastrophe"? Ihr müsst euch schon mal entscheiden, lieber Spon. Unglaublich, wie hier Fähnchen in den Wind gehängt werden...
amorphous@gmx.net 24.04.2014
4. Taktisch versagt
Man darf Real nicht derart in die Karten spielen. Es ist die konterstärkste Mannschaft der Welt. Aber die grossen Bayern glaube alles und jeden an die Wand spielen zu können. In deren Stadion! Warum nicht auf ein 0-0 spielen? Nicht schön für den Zuschauer aber erfolgreich. Siehe Chelsea. Bayern wird 3 Tore schiessen müssen denn einen Konter werden sie einfangen. Das wird ganz schwer jetzt
derpolokolop 24.04.2014
5. Mindestens der Überschrifft...
Zitat von aha47"Langsam, harmlos, berechenbar"? Wie jetzt? Gestern abend hatte SPON doch noch vermeldet, die Bayern seien "drückend überlegen" gewesen...
stand vorm Spiel schon fest.
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