Von Sebastian Winter
Bayern Münchens Offensivspieler Thomas Müller zeterte am Dienstagabend auf der Ersatzbank des Grand Stade Lille Métropole. Er regte sich deutlich erkennbar über seine Kollegen auf dem Platz auf. Sie waren in der Schlussphase des Champions-League-Spiels gegen den OSC Lille drauf und dran, ihre magere 1:0-Führung zu verspielen. Immer wieder griffen die Franzosen an, die Bayern-Abwehr wirkte nervös, fahrig, unkonzentriert.
Müllers Mienenspiel hellte sich dann nach dem Schlusspfiff merklich auf. Die Bayern hatten das 1:0 doch noch über die Zeit gerettet. "Lille hat sehr gut dagegengehalten, es war sehr schwer. Es war knapp, vielleicht spielerisch nicht herausragend, aber ich freue mich trotzdem. Auswärts musst du erst mal gewinnen", sagte Müller. Widersprechen wollte ihm niemand, schließlich hatten sich die Bayern vor drei Wochen auswärts gegen Borissow blamiert.
Der in der 84. Minute ausgewechselte Müller versinnbildlicht die Situation, in der seine Mannschaft derzeit steckt, nahezu perfekt. Seine gute Form (sechs Tore in sieben Bundesliga-Spielen) passt wunderbar zum 24-Punkte-Startrekord der Bayern und ihrem beeindruckenden Torverhältnis (26:2). Auch gegen Lille hat Müller wieder getroffen, in der 20. Minute verwandelte er einen Foulelfmeter. Er kann sich Matchwinner nennen, es war schließlich der einzige Treffer der Partie.
Vielleicht fühlte er sich sogar erinnert an den Auftritt der deutschen Nationalmannschaft gegen Schweden. Denn den Bayern schien in der letzten Viertelstunde die Kontrolle über das Spiel zu entgleiten, während die manchmal zu hart spielenden Franzosen aggressiv versuchten, noch ein Unentschieden zu erreichen. Dass die Bayern doch mit drei Auswärtspunkten zurück nach München fliegen konnten, lag einzig und allein an der Harmlosigkeit Lilles vor dem Tor der Gäste.
"Im nächsten Spiel zu Hause gegen Lille müssen wir besser spielen", sagte Franck Ribéry, der noch zu den besten Bayern zählte, aber in der Halbzeitpause wegen einer Muskelverhärtung ausgewechselt werden musste. Sein Trainer Jupp Heynckes kritisierte das zu schwache Umschaltspiel: "Wir waren heute nicht so spiel- und lauffreudig." Er führte diesen Malus auch auf die vergangenen, kräftezehrenden Wochen zurück. Dieses Umschaltspiel hat in der Liga zuletzt gut bis hervorragend geklappt. Doch in Lille war selbst der 40-Millionen-Einkauf Javi Martínez damit etwas überfordert.
Neben Müllers Gezeter und taktischen Schwächen verdeutlichte eine Spielszene die noch fehlende Standfestigkeit der Bayern in der Champions League besonders: Mitte der zweiten Halbzeit ging Lilles Kapitän Florent Balmont in einen Zweikampf mit Bayern-Verteidiger Holger Badstuber. Der nur 1,68 Meter große Balmont verlor den Ball, und er war so zornig darüber, dass er den 22 Zentimeter größeren und weitaus schwereren Badstuber mit beiden Händen an der Hüfte packte und wie eine Gummipuppe auf den Boden warf. Balmonts Verhalten war natürlich regelwidrig, auch wenn es nicht vom Schiedsrichter geahndet wurde. Nichtsdestotrotz hätte man eine solche Entschlossenheit auch gerne einmal bei den Bayern gesehen.
Während der deutsche Rekordmeister die Liga zurzeit nach Belieben dominiert, wirkt er auf bestem europäischem Parkett wie ein Durchschnittsclub. Einem überzeugenden Sieg gegen Valencia folgte die peinliche Pleite in Borissow, nun also der Zittererfolg in Lille. Die Statistik nach drei Spieltagen: sechs Punkte, 4:4 Tore, Platz drei - der würde fürs Erreichen des Achtelfinales nicht reichen.
OSC Lille - Bayern München 0:1 (0:1)
0:1 Thomas Müller (20., Foulelfmeter)
Lille: Landreau - Sidibe, Beria, Chedjou, Digne - Balmont, Pedretti (90. Rozehnal), Martin - Kalou (56. Payet), De Melo, Roux (77. Mendes)
München: Neuer - Lahm, Boateng, Dante, Badstuber - Schweinsteiger, Martínez - Thomas Müller (84. Alaba), Toni Kroos (81. Luiz Gustavo), Ribery (46. Shaqiri) - Mandzukic
Schiedsrichter: Martin Atkinson
Zuschauer: 49.000
Gelbe Karten: Sidibe, Pedretti (2), Digne (2) - Boateng, Martínez, Mandzukic, Shaqiri, Schweinsteiger
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