Um 21.54 Uhr ist Manuel Neuer immer noch ein Außerirdischer. Ein Torwart, der sich - so haben es die Londoner Zeitungen vor diesem Spiel ehrfürchtig berichtet - während (!) eines Bundesligaspiels Bälle mit dem Ersatzmann Thomas Müller zugespielt habe, weil er sonst nichts zu tun bekommen habe. Ein Torwart, der bei seinem letzten belegten Gegentor angeblich noch ein ganz junger Mann war. Und ein Torwart, der einen Handschuh mit vier Fingern trägt!
In Deutschland weiß man, dass es eine Spezialanfertigung wegen einer Handverletzung ist, hier aber wird Neuer deshalb zum "Teenage Munich Ninja Turtle". Ein mutierter Superheld. Um 21.55 Uhr ist Manuel Neuer wieder ein Mensch.
Der FC Arsenal, Gegner von Neuers FC Bayern in diesem Champions-League-Achtelfinale, hat eine Ecke zugesprochen bekommen, die nun von Jack Wilshere getreten wird. Der Ball ist gerade in der Luft, als sich Neuer zögernd und ziellos auf den Weg aus seinem Tor macht. Der Ball senkt sich, aber niemand reagiert, nicht Dante, nicht Mario Mandzukic. Neuer registriert das verdutzt und sieht schließlich entgeistert zu, wie der Ball vor Lukas Podolski aufspringt. Und von diesem ins Tor geköpft wird.
Die andere ist: Im Falle des FC Bayern kann man da überhaupt nicht sicher sein.
Die Münchner haben mal wieder gewonnen, zum sechsten Mal in Folge in diesem Kalenderjahr. Und sie taten das beim 3:1-Erfolg im Achtelfinal-Hinspiel beim FC Arsenal mit einer so beängstigenden wie gewohnten Souveränität, dass selbst die Granden des an Tradition reichen Clubs in Schwärmerei verfielen. "Ich habe lange, lange keine Bayern-Mannschaft mehr gesehen, die so gut gespielt hat wie wir in der ersten halben Stunde", sagte Präsident Uli Hoeneß. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge lobte die ominösen 30 Minuten zu Beginn als "großartig" und "beste Saisonleistung".
Hinterher schienen sich nicht nur die Beobachter, sondern auch die Spieler darauf geeinigt zu haben, diese erste halbe Stunde besonders herauszustellen. Einen "super Start" hatte Manuel Neuer gesehen, "in den dreißig Minuten zu Beginn haben wir das Spiel kontrolliert, das war ein super Gefühl", sagte Thomas Müller.
Und tatsächlich: Nach dem frühen 1:0 durch Toni Kroos, als dieser eine Flanke von Müller verwandelte, wirkte das Münchner Spiel für eine Weile extrem kompakt und zielgerichtet. Philipp Lahm neutralisierte die linke Angriffsseite Arsenals, Javi Martínez dominierte das Zentrum, lief freie Räume zu und schaltete sich selbst ins Offensivspiel ein. Das 2:0 durch Müller (21.) fiel nach einer Ecke von Kroos - und auch wenn Müller den Schwierigkeitsgrad des Treffers herunterspielte ("Kenne einige in meinem Bekanntenkreis, die den auch gemacht hätten"), so war das Tor doch vor allem Bestätigung harter Arbeit: Die Bayern hatten in den vergangenen Wochen genau diese Standards trainiert.
Eine "gewisse Sicherheit" habe sich die Mannschaft mittlerweile erarbeitet, sagte Müller zum unheimlichen Lauf seines Clubs. Die aktuelle Dominanz, das meint er, ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis harter Arbeit und der Einsicht, wie wichtig die Balance zwischen Offensivspiel und Defensivarbeit ist. Die habe das Team auch gegen Arsenal in der ersten halben Stunde vorbildlich gewahrt, sagte Kapitän Lahm. Immer deutlicher wird, was Trainer Jupp Heynckes zu Saisonbeginn meinte, als er die Konzentration auf die Abwehrarbeit betonte.
"Mittelgut bis gut"
Es wundert dann auch nicht, dass Müller nach dem Spiel der Leistung seines Teams auch lediglich das Prädikat "mittelgut bis gut" geben wollte. Wo andere auf drei Auswärtstore verweisen würden oder den ersten Sieg der Bayern in England oder die tolle Ausgangslage für das Rückspiel, da sprechen die Bayern in persona Müller lieber von der 55. Minute, der Arsenal-Ecke, dem Gegentor. "Wir haben leider nicht zu null gespielt, da müssen wir die nächsten Spiele wieder dran arbeiten", sagte Müller und schaute sehr ernst dabei. Es klang wie eine Drohung.
Es ist dieses nie Zufriedene und immer vorsichtig Skeptische, das die Münchner in dieser Saison so gefährlich macht. Die Haltung ist eine Folge der traumatischen Ereignisse der vergangenen Saison, als die Münchner ein gewonnen geglaubtes Champions-League-Finale noch aus der Hand gaben und lernen mussten, dass auch das kleinste Nachlassen die größten Folgen haben kann. Die Mannschaft verzeiht sich nichts und peitscht sich so zu immer neuen Rekorden.
3:1 bei einer der stärkeren Mannschaften Europas - das könnte man als deutliches Signal an die internationale Konkurrenz deuten. Es sei denn, man spielt bei Bayern München. Dort ist man offiziell erstmal zufrieden, wenn der Club nach dem Rückspiel das Viertelfinale erreicht. Warum so bescheiden? "Die Champions League verzeiht keine Fehler" sagte Rummenigge. Und auch er schaute sehr ernst dabei.
FC Arsenal - Bayern München 1:3 (0:2)
0:1 Kroos (7.)
0:2 Müller (21.)
1:2 Podolski (55.)
1:3 Mandzukic (77.)
Arsenal: Szczesny - Sagna, Mertesacker, Koscielny, Vermaelen - Wilshere, Arteta - Ramsey (71. Rosicky), Cazorla, Podolski (71. Giroud) - Walcott
München: Neuer - Lahm, van Buyten, Dante, Alaba - Martínez, Schweinsteiger - Müller, Kroos (73. Luiz Gustavo), Ribéry (63. Robben) - Mandzukic (78. Gomez)
Schiedsrichter: Moen (Norwegen)
Zuschauer: 59.974
Gelbe Karten: Vermaelen, Sagna, Arteta (2), Podolski (2), Ramsey (2) - Schweinsteiger (3), Müller, Lahm
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