Aus Madrid berichtet Rafael Buschmann
Mats Hummels, Marco Reus und Robert Lewandowski legten ihre Köpfe tief in den Nacken, schauten von links nach rechts, drehten sich einmal um ihre eigene Körperachse. Das Bild wäre schön abgerundet gewesen, wenn die drei Spieler von Borussia Dortmund auch noch ihre Münder aufgerissen hätten.
Doch so weit ging das Erstaunen, vielleicht sogar die Erfurcht im Estadio Stantiago Bernabéu dann doch nicht. Dennoch war den Profis des Deutschen Meisters beim Abschlusstraining am Montagabend anzumerken, dass der Madrider Betonpalast, die Heimspielstätte Reals, großen Eindruck bei ihnen machte. Dabei war das knapp 86.000 Zuschauer fassende Stadion noch menschenleer. Das wird sich ändern, wenn Dortmund am Dienstagabend (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) im Champions-League-Gruppenspiel dort aufläuft.
"Die Kulisse wird schon sehr beeindruckend sein. Aber ich glaube nicht, dass wir uns auf dem Spielfeld erschrecken werden", sagte Hummels. Für Real ist das Bernabéu so etwas wie eine Festung, vor allem wenn es gegen deutsche Teams geht. In 23 Europapokal-Heimspielen gegen Bundesligisten gewann Madrid 18-mal, spielte dreimal unentschieden und verlor nur zweimal. Allein der FC Bayern konnte sich bei Real durchsetzen. Zuletzt im Halbfinale der vergangenen Champions-League-Saison, als die Münchner im Elfmeterschießen triumphierten.
BVB mit starken Auftritten in der Champions League
Mit Blick auf die Historie sind die Vorzeichen also nicht zwingend positiv für den BVB. Das waren sie beim 1:1-Unentschieden bei Manchester City vor wenigen Wochen allerdings auch nicht. Dennoch zelebrierte die Borussia in England feinen Offensivfußball und begeisterte mit schnellen, fintenreichen Angriffen. Ein ähnliches Bild hinterließen die Dortmunder vor zwei Wochen beim 2:1-Heimsieg gegen Real. Bei diesem Erfolg überzeugte der BVB sogar mit einer grundsoliden Abwehr.
Zugleich dienten die vergangenen drei Champions-League-Spiele auch dazu, den äußerst durchwachsenen Saisonstart mit nur 16 Punkten aus zehn Spielen vergessen zu machen. Das 1:1 gegen Hannover 96 oder die Derbypleite gegen den FC Schalke 04 wurden in den anschließenden Europacupspielen kaschiert. Die Champions League als Therapiesitzung.
"So ist Fußball. Wirklich erklären kann ich das auch nicht", sagt Dortmunds Trainer Jürgen Klopp zur fehlende Balance zwischen den Leistungen seines Teams auf nationaler und internationaler Ebene. Sich allerdings darauf zu verlassen, dass die Erfolge im Europapokal die Misserfolge in der Bundesliga auf Dauer übertünchen, wäre für den BVB der gefährlichste aller Wege.
Dortmund vergibt in dieser Saison zu viele Torchancen
Zwar hob Real-Trainer José Mourinho die Borussia vor dem Duell sogar in den Kreis der Kandidaten für den Sieg in der Königsklasse. Doch das wirkte mehr wie ein nett gemeintes Gastgeberkompliment als aus echter Überzeugung. Denn trotz der jüngsten Nachweise, dass der BVB auch international überzeugende Spiele abliefern kann, offenbart er national nach wie vor zu viele Schwächen.
Während zu Beginn der Saison das Umschaltspiel von Angriff auf Abwehr nicht funktionierte und Klopps Team sich einen Konter nach dem anderen einhandelte, war zuletzt die Ausgewogenheit im eigenen Angriffstempo ein großes Problem. Zudem vergibt der BVB zu viele Torchancen, wirkt insgesamt nicht konstant genug.
Doch auch Real ist bislang alles andere als zufrieden mit dem Saisonverlauf in der spanischen Liga. In zehn Spielen kassierte Madrid zwei Niederlagen, liegt als Dritter mit 20 Punkten klar hinter Spitzenreiter und Erzfeind FC Barcelona (28 Punkte) und sogar hinter dem Stadtrivalen Atlético (25 Punkte).
Auch in der Champions League muss sich Real mit der Rolle des Verfolgers begnügen, rangiert mit einem Punkt Rückstand auf den BVB (7 Punkte) auf Platz zwei. Daher wäre Dortmunds Ausgangslage, die K.o.-Runde zu erreichen, selbst bei einer Niederlage in der spanischen Hauptstadt immer noch sehr gut. Allerdings würde eine Pleite gegen Madrid den Druck erhöhen, auch in der Bundesliga wieder gute Leistungen zeigen zu müssen. Zumindest könnte der internationale Auftritt dann nicht mehr als Alibi dienen.
Real Madrid - Borussia Dortmund (20.45 Uhr)
(voraussichtliche Aufstellungen)
Madrid: Casillas - Sergio Ramos, Pepe, Raúl Albiol, Arbeloa - Essien, Xabi Alonso - Di María, Özil, Cristiano Ronaldo - Benzema
Dortmund: Weidenfeller - Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer - Gündogan, Kehl - Reus, Götze, Großkreutz - Lewandowski
Schiedsrichter: Cakir (Türkei)
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