Gladbachs Pleite gegen Kiew: Zu klein für die Großen

Von Daniel Theweleit, Mönchengladbach

Drei Gegentore im eigenen Stadion: Borussia Mönchengladbach steht nach der Hinspielpleite gegen Kiew vor dem Champions-League-Aus. Auf Trainer Lucien Favre kommt viel Arbeit zu. Der Schweizer verzockte sich mit seiner offensiven Aufstellung - und muss nun umdenken.

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Es war ein Gefühl tiefer Enttäuschung, das sich nach der schmerzlichen 1:3-Niederlage gegen Dynamo Kiew über dem Mönchengladbacher Borussia-Park ausbreitete. Nur eine kleine Gruppe Unverwüstlicher im Fanblock wusste schnell, wie sich dieser desillusionierende Abend am besten verarbeiten lässt.

"Auswärtssieg, Auswärtssieg", skandierten sie trotzig, doch die Spieler, die sich gerade mit hängenden Schultern für die Unterstützung bedankt hatten, ließen sich von dieser angestrengten Zuversicht nicht wirklich aufmuntern. Zu tief saß die Enttäuschung. "Das ist wirklich bitter gelaufen", sagte Tony Jantschke. Ein einfacher Sieg im Rückspiel in Kiew reicht ihm und dem Team ja noch nicht einmal zum Erreichen der Gruppenphase.

Die Gladbacher müssen in der Ukraine mindestens drei Tore schießen. Und wer diese Mannschaft während der vergangenen Wochen beobachtet hat, der kann nur den Worten von Luuk de Jong zustimmen: "Wir brauchen ein Wunder", sagte der holländische Stürmer, der zum Hauptdarsteller der Tragödie geworden war. De Jong hatte vor dem 1:2 durch Andrej Jarmolenko (36.) einen schlechten Pass gespielt und damit gemeinsam mit Granit Xhaka den Konter der Ukrainer eingeleitet.

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Borussia-Pleite gegen Kiew: Doppel-Schock binnen acht Minuten
Und für den Genickbruch hatte de Jong auch gesorgt, als er den Ball zum 1:3 ins eigene Tor bugsierte (81.). In den fünf Minuten, während derer de Jong in der Interviewzone auf englisch Fragen beantworte, baute er in jeden zweiten Satz das Wörtchen "shit" ein, und da wusste er noch gar nichts von den Zweifeln, die seinen Trainer plagen.

Lucien Favre ist an diesem Abend zu der Erkenntnis gelangt, dass die Gladbacher Stürmer "sich zu ähnlich sind". Der Plan, mit Igor de Camargo und de Jong als Angriffsduo in die Saison zu gehen, darf vorerst als gescheitert gelten. "Ich weiß noch nicht, wie man dieses Problem lösen kann", sagte Favre, der sich mit seiner offensiven Aufstellung gegen Kiew etwas verzockt hatte. Seit Monaten grübelt er gemeinsam mit Sportdirektor Max Eberl über die Zusammensetzung seiner Mannschaft, rund 30 Millionen Euro wurden investiert, selten gab es eine längere Vorbereitung. Eine funktionierende Offensive, scheinen sie aber bislang nicht konstruiert zu haben.

Allerdings war das Stürmer-Thema nur ein Teil des Problems. "Man sagt ja nicht umsonst: In der Champions League wird jeder Fehler sofort bestraft. Kiew hatte vier Chancen und schießt drei Tore", sagte Jantschke. Die Gladbacher hatten zwar gut begonnen, waren durch ein wunderbares Tor des Finnen Alexander Ring in Führung gegangen (13.); doch nachdem ein abgefälschter Weitschuss von Taras Mikhalik im Gladbacher Tor gelandet war, habe sein Team "ein wenig den Kopf verloren", sagte Favre später.

Einige Spieler vernachlässigten ihre Defensivpflichten, andere produzierten unnötige Fouls. Und dann war da ja noch de Jong, der noch nicht ans Gladbacher Spiel angebunden ist. Verständlich, wenn man bedenkt, dass dem Niederländer wegen seiner EM-Teilnahme und einer Mandeloperation einige Wochen Vorbereitung mit dem Team fehlen.

"Wir haben ihnen die Tore geschenkt, das ist die größte Scheiße an der Sache", sagte der Holländer. Beim Blick auf das gesamte Spiel bleibt allerdings die Erkenntnis, dass Dynamo in den entscheidenden Momenten kaltblütiger, effizienter und individuell besser gewesen ist. Ernüchtert stellte Martin Stranzl daher fest, dass seine Mannschaft wohl "noch nicht reif für die Champions League" ist.

Favre wird das Team nach der Enttäuschung gegen Kiew nun wieder aufbauen müssen. Der Coach - und auch Sportchef Eberl - hatten bereits in der Vorbereitung angesichts der prominenten Abgänge, inklusive eines Marco Reus', vor einer durchschnittlichen Saison gewarnt. Ein einstelliger Tabellenplatz in der Bundesliga ist das Ziel. Über Europapokal-Abende werden sich die Gladbacher Fans in den kommenden Wochen dennoch freuen können. Aber wohl nur in der Europa League.

Borussia Mönchengladbach - Dynamo Kiew 1:3 (1:2)
1:0 Ring (13.)
1:1 Michalik (28.)
1:2 Jarmolenko (36.)
1:3 de Jong (81., Eigentor)
Mönchengladbach:
ter Stegen - Jantschke, Stranzl, Dominguez, Daems - Nordtveit (74. Cigerci), Xhaka - Ring (69. Herrmann) , Arango - De Camargo (69. Hanke), de Jong
Kiew: Kowal - Silva, Betao, Michalik, Taiwo - Ninkovic (78. Raffael), Veloso, Jarmolenko - Kranjcar (65. Vukojevic), Garmasch - Brown (90.+2 Mehmedi) Schiedsrichter: Pedro Proenca (Portugal)
Zuschauer: 45.075
Gelbe Karten: Herrmann - Taiwo

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1.
Greg84 22.08.2012
Zitat von sysopDrei Gegentore im eigenen Stadion: Borussia Mönchengladbach steht nach der Hinspielpleite gegen Kiew vor dem Champions-League-Aus. Auf Trainer Lucien Favre kommt viel Arbeit zu. Der Schweizer verzockte sich mit seiner offensiven Aufstellung - und muss nun umdenken. Champions League: Borussia Mönchengladbach verliert gegen Kiew - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,851361,00.html)
Naja, in der Europa League lassen sich ohnehin leichter Punkte für Deutschland sammeln. Kiew halte ich für zu abgezockt um sich das noch nehmen zu lassen.
2. Immer wieder das gleiche
daktaris 22.08.2012
Zitat von sysopDrei Gegentore im eigenen Stadion: Borussia Mönchengladbach steht nach der Hinspielpleite gegen Kiew vor dem Champions-League-Aus. Auf Trainer Lucien Favre kommt viel Arbeit zu. Der Schweizer verzockte sich mit seiner offensiven Aufstellung - und muss nun umdenken. Champions League: Borussia Mönchengladbach verliert gegen Kiew - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,851361,00.html)
Ein altes und bekanntes BuLi-Phänomen: Ob Bremen, BVB, Stuttgart oder BMG. Eine Saison in der BuLi gut gespielt, sich für die CL qualifiziert und dann in der Vorrunde oder sogar in der Quali peinlich gescheitert. Was sagt uns das? 1) Die Qualität der BuLi ist auf internationalem Niveau max. mittelmäßig. 2) Außer Bayern reißt leider keiner was. 3) Sich mit mittelmäßigen Ausländern zu verstärken (wie de Jong) kostet nur viel Geld, bringt aber keine nennenswerte Leistungssteigerung. Zusammengekaufte Kader sind nicht homogen und eingespielt genug. 4) Nach einer starken Saison kommt die Ernüchterung. BMG spielt diese Saison mal wieder um den Klassenerhalt, weil der Kader (siehe 3) und die mentale Einstellung ("Wir spielen ganz oben mit") der Realität nicht standhalten. 5) Die UEFA-Wertung geht mal wieder durch solche underperformer den Bach runter.
3. Peinlich
joppo 22.08.2012
Zitat von daktarisEin altes und bekanntes BuLi-Phänomen: Ob Bremen, BVB, Stuttgart oder BMG. Eine Saison in der BuLi gut gespielt, sich für die CL qualifiziert und dann in der Vorrunde oder sogar in der Quali peinlich gescheitert. Was sagt uns das? 1) Die Qualität der BuLi ist auf internationalem Niveau max. mittelmäßig. 2) Außer Bayern reißt leider keiner was. 3) Sich mit mittelmäßigen Ausländern zu verstärken (wie de Jong) kostet nur viel Geld, bringt aber keine nennenswerte Leistungssteigerung. Zusammengekaufte Kader sind nicht homogen und eingespielt genug. 4) Nach einer starken Saison kommt die Ernüchterung. BMG spielt diese Saison mal wieder um den Klassenerhalt, weil der Kader (siehe 3) und die mentale Einstellung ("Wir spielen ganz oben mit") der Realität nicht standhalten. 5) Die UEFA-Wertung geht mal wieder durch solche underperformer den Bach runter.
Peinlich peinlich, mit soviel naiivitat und blindes nachvorne ins offene messer gelaufen.
4. Favres Schüler müssen lernen
TSTS 22.08.2012
Er selbst auch. Das gesteht er sich ehrlich ein. Das verdient Respekt und beweist, dass Favre bei Borussia eine Aufgabe vor sich hat, die er bewältigen möchte. Es bleibt zu hoffen, dass der Erfolgscoach der letzten Saison aus dem gestrigen Spiel auch die richtigen Schlüsse zieht. Allerdings sieht es so aus, dass er sie schon längst gezogen hat und sich nur nicht traut, diese auch der Mannschaft zu vermitteln. Favre muss sich eingestehen, dass die im Trainingslager vorgegebenen Spielformen nicht so ohne weiteres auf diese Mannschaft zu übertragen sind. Oder: er muss noch deutlicher und intensiver auf die Intelligenz der Spieler appellieren, seine Vorstellungen zu verinnerlichen. Favre muss sich entscheiden: will er das zukünftige System um de Jong bauen oder ihn vorerst auf die Bank setzen. Eine dritte Alternative gäbe es nur, wenn de Jong einen ähnlichen Lernprozess durchlaufen könnte, wie ihn auch Mike Hanke für sich entdeckt hatte. Die ChampionsLeague kommt für Gladbach absolut zu früh. Es gibt noch keine funktionierende Hierarchie in der Mannschaft. Alle Spieler sind sich noch zu lieb und wollen nicht anecken. Keiner will den anderen wehtun. Diese Zeit sollte man der jungen Truppe einräumen. Sie sollte sich jetzt darauf konzentrieren, das Fußballkonzept Favres besser zu erlernen und den Mut bekommen, auch Einwände dagegen zu formulieren. Xhaka hat bislang nur rhetorisch den Anschein einer Persönlichkeit gezeigt. Gestern hat er im Mittelfeld der Gladbacher eine erschreckend unscheinbare Rolle gespielt. Die beste Körpersprache hatten ter Stegen, Jantschke, de Camargo, Arango und der viel zu spät eingewechselte Herrmann. Xhaka hätte für Cigerci ausgewechselt werden müssen. Hanke hätte de Jong, nicht de Camargo ersetzen müssen. Oder gleich den schnellen Hrgota für Wirbel sorgen lassen. Das alles hätte zwischen der 55. und 65. Minute passieren müssen. Stattdessen wählten die Ukrainer schon vorher mit einer Einwechslung eine defensivere Variante ihres Spiels. Was überhaupt in der Zukunft vermieden werden sollte: de Jong und de Camargo gemeinsam stürmen zu lassen. Schließlich hat man auch gesehen, dass Daems für europäische Aufgaben nicht wirklich in Frage kommt. Die Erfolgsstory Gladbach kann weitergehen. Alles kann wieder ins rechte Lot gebracht werden. Die Playoff-Spiele in der ChampionsLeague sollte man dafür getrost als wichtige Erfahrung in den Lernprozess einbauen. Mehr sollte es nicht werden. Jetzt die Mannschaft geistig und körperlich zu überdrehen, würde den weiteren Weg dieser Mannschaft aus falsch verstandenen Prestigeüberlegungen ohne hinreichende Notwendigkeit erschweren oder sogar gefährden.
5. Wie wärs denn mit ...
kunstdirektor 22.08.2012
Zitat von daktarisDie UEFA-Wertung geht mal wieder durch solche underperformer den Bach runter.
... alle Bundesligavereine außer Bayern verbieten? Diese verdammten Underperformer, diese verdammten.
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