Von Lukas Rilke
Hamburg - Zu Beginn dieser Champions-League-Saison war der Titel eigentlich schon vergeben. Der FC Barcelona würde am 19. Mai den Pokal der Königsklasse in den Münchner Nachthimmel recken dürfen, damit rechneten die meisten Experten. Der Finalgegner, sei es nun der gastgebende FC Bayern oder Real Madrid, würde nur den Sparringspartner abgeben für die Künstler aus Katalonien.
Doch es kam anders. Am 18. und 24. April 2012 ließ der FC Chelsea die Auguren schlecht aussehen. 1:0 in London, 2:2 im Camp Nou, der Titelverteidiger FC Barcelona war raus.
Mit einer Zehnerkette vor Torhüter Petr Cech ließ Roberto Di Matteo in diesen Partien mauern. Nicht wenige Fußballfans auf der Welt sind der Meinung, Chelsea habe es nicht verdient, am Abend im Finale zu stehen (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Von "abartigem Fußball" sprach TV-Experte Günter Netzer, sein Kollege Matthias Sammer von einer "Katastrophe für den Fußball".
2008 schon einmal ganz nah dran
Doch die Zerstörungswut der Londoner wäre nichts wert gewesen ohne ein Maß an taktischer Disziplin und vor allem an Aufopferungsbereitschaft. Chelsea hat gezeigt: Diese Mannschaft ist auf einer Mission.
Meisterschaften und nationale Pokale hat der Club seit dem Einstieg von Geldgeber Roman Abramowitsch in den vergangenen Jahren genug gewonnen. Auch dem Triumph in der Champions League war das Team schon ganz nah: 2008 gewann im Elfmeterschießen allerdings der Premier-League-Rivale Manchester United.
Für Drogba wird es wohl ein Abschiedsspiel
Bestes Beispiel: Didier Drogba, 34 Jahre alt. Der Ivorer sah damals im Finale von Moskau in der Verlängerung die Rote Karte. "Wir dachten, wir würden es danach jedes Jahr ins Finale schaffen. Das hat nicht geklappt, aber so ist die Champions League nun mal", so Drogba: "Um so mehr verdienen wir es, in München dabei zu sein".
Das gilt besonders für ihn selbst. Der bullige Angreifer wird am Samstag vermutlich seine letzte Partie für die "Blues" bestreiten. Unter Di Matteos Vorgänger André Villas-Boas fand sich Drogba erstmals in seiner Zeit in London des öfteren auf der Bank wieder, erst als der Schweizer im März übernahm, bekam die lebende Chelsea-Legende wieder mehr Einsätze. 156 Tore in 341 Einsätzen hat Drogba für den Club erzielt, vor drei Jahren kam er noch auf 29 Ligatreffer, im Vorjahr auf zwölf, in dieser Saison nur noch auf fünf. Doch in den entscheidenden Spiele dieser Saison zeigte er, dass er kaum etwas von seiner Klasse verloren hat.
Auf sich allein gestellt, beschäftigte er in den Duellen mit Barca die komplette Abwehr der Spanier mit allen Tricks seines umfangreichen Stürmerportfolios, erzielte den 1:0-Siegtreffer im Hinspiel. In der zweiten Partie spielte er mal Links- mal Rechtsverteidiger und prüfte Barcelonas Torhüter Victor Valdes mit einem 60-Meter-Schuss. Auch im Halbfinale und dem siegreichen Finale des FA-Cups traf Drogba, der gegen die Bayern erstmals von Beginn an neben Fernando Torres stürmen könnte. Im letzten Ligaspiel testete Di Matteo diese Kombination in der Schlussphase, "ich wollte ein paar Dinge fürs Finale ausprobieren", so der Trainer.
Sorgen gibt es in der Abwehr
Doch die Sturmformation ist ein Luxusproblem, echte Sorgen macht die Abwehr. Ob sich die beiden Innenverteidiger Gary Cahill und David Luiz noch rechtzeitig von ihren Oberschenkelverletzungen erholen, bleibt wohl bis kurz vor Anpfiff offen. Doch auch fit gelten beide als Unsicherheitsfaktoren, Luiz spielte seit seiner Verletzung am 16. April nicht mehr, Cahill kam zuletzt am 24. April zum Einsatz.
Zu allem Überfluss musste am Sonntag beim 2:1-Sieg gegen die Blackburn Rovers auch noch Florent Malouda ebenfalls wegen Oberschenkelproblemen vorzeitig vom Platz. Kapitän und Abwehrchef John Terry, Branislav Ivanovic, Raul Meireles und Ramires fehlen ohnehin gesperrt.
Ersatzkapitän Lampard, 33, hofft auf den "Geist, den wir in Barcelona gezeigt haben". Fast eine Stunde hatte die Mannschaft wegen einer Roten Karte gegen Kapitän John Terry in Unterzahl spielen müssen. "Wir glauben an uns", sagt auch Di Matteo: "Wir haben die Qualität und die Erfahrung, zu gewinnen, diese Qualitäten haben uns ins Finale gebracht."
Dort erwartet der frühere Chelsea-Coach Ruud Gullit eine erneute Defensivtaktik: "Chelsea wird genauso spielen wie in Barcelona: Sehr kompakt, auf den richtigen Moment warten. Und die Bayern werden dagegen anrennen - ich fürchte, es wird ein langweiliges Spiel."
Lampard kann egal sein, was andere denken. Er weiß, dass der Triumph über Barcelona nichts mehr zählt. "Wir haben das Gefühl genossen, die Besten zu schlagen. Aber wir wissen, dass die Leute das Halbfinale und andere Spiele vergessen, wenn wir das Finale nicht gewinnen."
FC Bayern München - FC Chelsea Sa. 20.45 Uhr (in München)
(voraussichtliche Aufstellungen)
FC Bayern: Neuer - Lahm, Boateng, Timoschtschuk, Contento - Kroos, Schweinsteiger - Robben, Müller, Ribéry - Gomez
FC Chelsea: Cech - Bosingwa, Cahill, Luiz, Cole - Mikel, Essien - Lampard - Kalou, Mata - Drogba
Schiedsrichter: Proença (Portugal)
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