Von Peter Ahrens
Mehr Motivation für den Mittwochabend kann es für den FC Bayern nicht mehr geben. Nicht nur, dass das Endspiel der Champions League in diesem Jahr in München stattfindet - jetzt steht auch noch der potentielle Finalgegner fest. Und es ist nicht der turmhohe Favorit FC Barcelona. Es ist der schlagbare FC Chelsea aus London, der Sechste der englischen Premier League. Für die Bayern heißt es demnach: Am Abend irgendwie die Halbfinalhürde Real Madrid (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) nehmen - dann ist für das Endspiel alles möglich.
Jetzt werden wieder alle sagen und schreiben: In drei Tagen fragt niemand mehr, wie der Endspieleinzug des FC Chelsea im Stadion Camp Nou zustande kam. Und: Wer den FC Barcelona ausschaltet, der kann auch die Champions League gewinnen. Alles richtig, alles wahr. Dennoch: Der Finaleinzug der Londoner, den das Team nach dem 1:0-Hinspielerfolg durch ein 2:2 in Barcelona perfekt machte, war ein Sieg des Maurers über den Meister, ein Triumph des Anti-Fußballs über den Fußball. Ein Beispiel dafür, dass Fußball letztlich doch mehr Kampf als Spiel ist.
Chelsea hat sich in das Endspiel hineingefightet, es hat sich aber auch ins Endspiel verirrt. Eine Mannschaft steht jetzt im Finale des größten europäischen Fußballwettbwerbs, die in beiden Halbfinal-Partien jeweils auf kümmerliche 28 Prozent Ballbesitz kam, eine Mannschaft, die in zwei Spielen drei Torchancen kreierte - und daraus tatsächlich drei Tore machte. DFB-Sportdirektor Matthias Sammer sagte als Sky-Experte in der Pause des Rückspiels den hübschen Satz: "Also wenn das für ein Champions-League-Endspiel reicht - dann weiß ich es auch nicht mehr." Es reichte.
Barcelona steckt in einer Schaffenskrise
Über weite Strecken glich die Partie eher einer anderen Sportart als dem Fußball. Wie im Hallenhandball zirkulierte der Ball minutenlang rund um den Londoner Strafraum, wie beim Handball am Kreis hatten sich alle Chelsea-Spieler vor und im eigenen Sechzehnmeter-Raum verbarrikadiert. Stürmer Didier Drogba hatte offenbar im Schnellverfahren das Handwerk des Außenverteidigers gelernt und grätschte an der Seitenlinie die Angriffe der Spanier weg.
Das war aufopferungsvoll, leidenschaftlich, diszipliniert, wie sich der FC Chelsea gegen das Ausscheiden gestemmt hat, wie er die Kurzpassmaschine des FC Barcelona außer Betrieb setzte. Und es war bis auf Terrys zu Recht mit der Roten Karte geahndeten Aussetzer auch weitgehend fair. Der FC Chelsea zeigte quasi preußische Tugenden - aber das sind nicht die Werte, die Fußball so ansehenswert und attraktiv machen.
Messi und Chelsea - es bleibt eine besondere Geschichte
Die Lücken taten sich dennoch auf, dafür sind 90 Minuten in Camp Nou auch zu lang. Zweimal nutzten die Spanier dies zu Toren, Sergio Busquets traf in der 35. Minute, Andrés Iniesta neun Minuten später. Aber das war nach dem Hinspiel und dem Anschlusstor durch Ramires (45.) eben mindestens einmal zu wenig.
Superstar Lionel Messi polierte seinen sogenannten Chelsea-Fluch und blieb auch im siebten Spiel gegen die Londoner ohne Torerfolg. Messi gegen die Latte, Messi gegen den Pfosten, Messi freistehend gegen Cech - der Ball weigerte sich strikt, den Weg ins Tor zu nehmen. Selbst ein Elfmeter in der 48. Minute war ihm nicht Gelegenheit genug, der Argentinier setzte den Ball ans Gebälk.
Vor dem Halbfinale haben viele davon geschrieben, dies sei der letzte große Auftritt der alten Herren des FC Chelsea. Sie haben es noch einmal geschafft, sie haben sich noch einmal hineingebissen, hineingeschmissen, es hat tatsächlich gereicht.
Es war der vorletzte große Auftritt der alten Herren. Der letzte folgt am 19. Mai in München. In drei Tagen fragt schließlich niemand mehr, wie der Endspieleinzug zustande kam.
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