Niederlage in Mailand: Barça verzweifelt am Beton

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Barça-Profi Xavi: Gegen Milan droht das Aus im Achtelfinale

Nach der Niederlage gegen den AC Mailand droht dem FC Barcelona bereits im Achtelfinale das Champions-League-Aus. Dabei war Barça klar überlegen, hatte aber keine Ideen, wie man Milans Defensivverbund überwindet. Für die Italiener dienten Celtic Glasgow und der FC Chelsea als Vorbild.

Als die größte Sensation der jüngeren Fußballgeschichte perfekt war, wurde Neil Lennon sentimental. Der Trainer von Celtic Glasgow hatte im November 2012 mit seinem Team den FC Barcelona in der Champions-League-Gruppenphase 2:1 geschlagen, anschließend sagte er: "Wir werden in die Geschichtsbücher eingehen als die Mannschaft, die das beste Team der Welt besiegt hat." Direkt daneben muss seit Mittwochabend eine zweite Mannschaft genannt werden: der AC Mailand.

Die Italiener sind erst der zweite Club, der Barça in dieser Champions-League-Saison bezwingen konnte, Mailand gewann das Achtelfinal-Hinspiel 2:0 (0:0). Nach Celtics Erfolg schrieben schottische Zeitungen von einem "historischen" und "epischen" Ereignis. Was sollen dann erst die italienischen Medien titeln, wenn Milan die Spanier im Rückspiel am 12. März (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wirklich rauswerfen sollte? Es wäre das erste Mal seit sechs Jahren, dass Barça sich nach dem Achtelfinale verabschieden muss.

"Das schlechteste Spiel Barças in den letzten fünf Jahren", schrieb die spanische Sporttageszeitung "Marca". Die Frage, die sich Fußball-Europa stellt: Wie konnte das passieren? Wie hat der AC Mailand, der aufgrund vieler prominenter Abgänge aktuell kaum zu den europäischen Top-Clubs gezählt werden kann, es geschafft, diese vermeintliche Über-Mannschaft zu bezwingen? Die Antwort: mit Beton und Druck.

Milans Trainer Massimiliano Allegri wusste, dass sein Team keine Chance haben wird, wenn es versuchen würde, mitspielen zu wollen. Also lautete seine Anordnung: Defensiv stehen, abwarten, und bei Balleroberung kontern. Das ging so weit, dass Milan mit neun Feldspielern am eigenen Strafraum verteidigte. Etwas weniger destruktiv erklärte es später Kevin-Prince Boateng, der das erste Tor der Italiener erzielt hatte: "Wir waren sehr diszipliniert und haben die Räume eng gemacht."

Barcelona versuchte es gegen Milan mit Flanken

Barcelona hatte 73 Prozent Ballbesitz, spielte 805 Pässe (Milan 294), von denen 90 Prozent zum eigenen Mann kamen (Milan 74). Nur was nützt all diese Überlegenheit, wenn man als Verlierer vom Platz geht? Barça war ob seines erfolglosen Passspiels am Ende derart verzweifelt, dass das Team mit Flanken auf die Angreifer Lionel Messi (1,69 Meter), Andrés Iniesta (1,70) und Pedro (1,69) versuchte, zum Torerfolg zu kommen. Ein spielerisches Mittel, das bei den Ballkünstlern eigentlich nie zur Anwendung kommt.

Ganz ähnlich hatte schon Celtic gegen Barça gewonnen, wobei die Schotten noch defensiver standen und noch mehr auf Raumverengung denn auf Balleroberung aus waren. Im Celtic Park hatte Barcelona sogar 84 Prozent Ballbesitz. Die 16 Prozent Ballbesitz von Glasgow war der niedrigste Wert, seitdem dieser in der Champions League ermittelt wird. Barça spielte an jenem Novemberabend 955 Pässe (Celtic 166), von denen 91 Prozent den Mitspieler fanden (Celtic 62). Doch auch in Glasgow brachte alle Überlegenheit keinen Erfolg.

Inter Mailand knackte vor fast drei Jahren den Barça-Code

Geknackt hat den Barça-Code José Mourinho, der mit Inter Mailand vor fast drei Jahren zeigte, wie man die damals noch von Pep Guardiola trainierte katalanische Übermannschaft ausschaltet. Im Champions-League-Halbfinale 2010 gewannen die Italiener das Hinspiel 3:1, verloren das Rückspiel dank einer Elf-Mann-Verteidigung nur 0:1 und zogen ins Finale ein. Dort verzweifelte dann der FC Bayern an Mailands defensiver Effizienz. Barcelonas Ausscheiden gegen Inter wurde damals noch als Betriebsunfall angesehen, weil die Spanier im Jahr darauf souverän wie selten ein Team zuvor die Champions League gewannen.

Doch das Halbfinaldrama wiederholte sich zwei Jahre später, im vergangenen April, als der FC Chelsea das Hinspiel zu Hause 1:0 gewann und sich in Barcelona mit einem 9-0-1-System ein 2:2 erkämpfte. Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb anschließend vom dichtesten Abwehrverbund, der je im Weltfußball gesichtet wurde. In beiden Spielen zusammen kam Barcelona auf fast 80 Prozent Ballbesitz, das Eckenverhältnis betrug 15:2 - doch Chelsea kam weiter.

Drei Niederlagen und ein Remis vom FC Barcelona in der Champions League in den vergangenen zehn Monaten - und immer die gleiche Defensiv-Blaupause: Barça mit zunehmender Spieldauer unter Druck zu setzen und darauf zu warten, dass das Team seine Linie verliert, wenn es Tore unbedingt erzielen muss, mit ihrem Kurzpassspiel aber gleichzeitig nicht erfolgreich ist. Barcelonas Innenverteidiger Gerard Piqué beschrieb das nach der Niederlage bei Milan so: "Als wir in Rückstand geraten waren, haben wir die Kontrolle verloren."

In der vergleichweise schwachen spanischen Liga, wo nur Real und derzeit Atlético Madrid Barça wirklich fordern, kann sich das Team auch schwächere Spiele erlauben, zumal der Druck eines K.o.-Spiels wegfällt. Barcelona, so scheint es, hat zu wenig Alternativen, wenn der Gegner allein auf die Zerstörung des Passspiels eingestellt ist und Barça die Zeit davonrennt.

Nach der Niederlage gegen Chelsea im Hinspiel vergangenes Jahr sagte Xavi trotzig: "Wir haben es bisher noch immer geschafft, auf Niederlagen die richtige Antwort zu finden." Der Ausgang des Rückspiels ist bekannt.

AC Mailand - FC Barcelona 2:0 (0:0)
1:0 Boateng (57.)
2:0 Muntari (81.)
Mailand: Abbiati - Abate, Mexes, Zapata, Constant - Ambrosini, Montolivo, Muntari - Boateng, Pazzini (75. Niang), El Shaarawy (88. Traore)
Barcelona: Valdes - Alves, Piqué, Puyol (88. Mascherano), Alba - Busquets - Xavi, Fabregas (62. Sanchez) - Pedro, Messi, Iniesta
Schiedsrichter: Thomson (Schottland)
Zuschauer: 79.532
Gelbe Karten: Mexes (3), Traore - Busquets, Piqué

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insgesamt 45 Beiträge
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1.
critique 21.02.2013
gut so, ich kann dieses rumgepasse nicht mehr sehen ...
2.
gegenpressing 21.02.2013
Zitat von sysopNach der Niederlage gegen den AC Mailand droht dem FC Barcelona bereits im Achtelfinale das Champions-League-Aus. Dabei war Barça klar überlegen, hatte aber keine Ideen, wie man Milans Defensivverbund überwindet. Für die Italiener dienten Celtic Glasgow und der FC Chelsea als Vorbild. Champions League: Der FC Barcelona verliert beim AC Mailand - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/champions-league-der-fc-barcelona-verliert-beim-ac-mailand-a-884703.html)
Wenn man keinen Plan hat, wie man eine gute Defensive auseinanderschraubt, fehlt halt die Qualität. So einfach ist das. Ob das jetzt am Trainer oder den Spielern liegt, bleibt natürlich offen.
3. optional
future-trunks 21.02.2013
wobei 73% ballbeseitz gegenüber normalen champions league spielen von barca wirklich sehr wenig ist und im gegensatz zu den spielen gegen inter, chelsea und celtic, schaffte man es dieses mal nicht mal sich chancen rauszuarbeiten. alles in allem ein verdienter sieg von milan
4. Hmm
decebalus911 21.02.2013
Zitat von sysopWas sollen dann erst die italienischen Medien titeln, wenn Milan die Spanier im Rückspiel am 12. März (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wirklich rauswerfen sollte?
Vielleicht einfach nur, daß es schon noch ein paar europäische Topmannschaften gibt, die die "Überirdischen" rauskicken können?
5. Also sind
SysLevel 21.02.2013
Glasgow und jetzt AC Milano auch noch stolz auf diese spielzerstörerische, unansehnliche Art Fussball? Ich hatte gehofft, wenigstens die italienischen Erstligavereine hätten sich von der ekelhaften, unsäglichen Catenaccio-Taktik verabschiedet, die den italienischen Fussball über Jahrzehnte negativ prägte (abgesehen von der Korruption;-)
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