Von Tim Röhn, München
Antizyklisch handeln, das ist das Motto von José Mourinho. Am Dienstagabend steht das Champions-League-Halbfinale an, der deutsche Rekordmeister Bayern München trifft auf den spanischen, Real Madrid. Ein Spiel der Giganten, ein Fest für den Fußball. Aber Mourinho, der Trainer der Königlichen, zog ein Gesicht, als gehe gleich die Welt unter. Mürrisch blickte der Portugiese bei der Pressekonferenz durch den Raum, knetete ungeduldig seine Hände, kratzte sich am Kopf.
Mourinho mag Journalisten nicht. Er fühlt sich von ihnen ebenso ungerecht behandelt wie von vielen Schiedsrichtern, die seiner Meinung nach so gerne Spiele von Real verpfeifen. Also boykottierte er zuletzt sämtliche Pressekonferenzen, und in München, das stellte er klar, war er nur aus einem Grund anwesend: "Ich spreche hier nur, weil es die Uefa bestimmt. Sonst hätte ich es nicht getan."
Der 49-Jährige nahm sich 20 Minuten Zeit, um über die Partie am Dienstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) zu sinnieren. Er lobte die Münchner für "ein sehr gutes Team und ihren phantastischen Trainer". Er sagte: "Für meinen Teil sehe ich die Bayern als Favoriten an." Er machte klar, dass ihn die Statistik - nur sechs von 18 Champions-League-Duellen mit Bayern hat Real gewonnen - letztlich nicht interessiert ("Das sind Zahlen, die keinen Wert haben."). Und der deutsche Nationalspieler Mesut Özil? "Er ist besser als vor zwei Jahren."
Eine "Angriffsmaschine" mit 107 Toren
Mourinho hat es ausnahmsweise nicht nötig, den Entertainer zu spielen. Der Erfolg spricht für ihn. In der Primera División ist der Vorsprung des Tabellenführers zuletzt zwar von zehn auf vier Punkte geschmolzen. Aber Real hat gute Chancen, vor dem Erzrivalen FC Barcelona Meister zu werden - am kommenden Wochenende treffen die beiden Schwergewichte im "Clásico" aufeinander. 107 Tore hat die "Angriffsmaschine" (Jupp Heynckes) um Superstar Cristiano Ronaldo dort bei nur 29 Gegentoren bereits erzielt. Der Einzug ins Halbfinale der Champions League glich einem Spaziergang.
Dass Real zu schlagen ist, glaubt auch Torjäger Mario Gomez. "Der Traum vom Finale ist realisierbar", sagte er. Trainer Heynckes brüstete sich damit, "einen Plan" zu haben, und erklärte: "Ich habe bei Real auch Schwachstellen entdeckt."
Ein Endspiel als Entschädigung
Welche genau, das wollte er nicht sagen. Allerdings gilt Madrids Defensive, trotz der wenigen Gegentore, als nicht unüberwindbar. Dort muss der FC Bayern ansetzen, um zu gewinnen und die Saison noch irgendwie zu retten. Es muss eine Entschädigung dafür geben, dass Borussia Dortmund zum zweiten Mal in Folge Meister wird. Und die Entschädigung kann nur das Endspiel der Königsklasse am 19. Mai in der eigenen Arena sein.
Präsident Uli Hoeneß machte klar: "Sollten wir ins Champions-League-Finale kommen, werde ich mit Zähnen und Klauen sagen, wir haben eine super Saison gespielt - auch, wenn wir es verlieren sollten."
Die Erwartungshaltung ist also enorm, "der Druck könnte nicht größer sein", sagt Heynckes, der seinen Männer den vermeintlichen Erfolgsweg aufzeigte: "Die Gier, die Leidenschaft, die Sehnsucht auf Erfolg ist entscheidend. Wann haben sie schon mal die Chance, im eigenen Stadion das Endspiel zu bestreiten? Die Chance haben sie vielleicht einmal im Leben."
Neben der Motivation der Spieler wird es darauf ankommen, dass Heynckes die richtige Startelf findet. Thomas Müller, der zuletzt hinter den Spitzen agierte, droht nach schwachen Auftritten die Bank. Toni Kroos könnte auf Müllers Position und Bastian Schweinsteiger ins Team rücken.
Allerdings hatte auch der lange verletzte Nationalspieler beim 0:0 gegen Mainz enttäuscht, als er dem Offensivspiel keine Impulse gab. Schweinsteiger muss sich verbessern. Vielleicht klappt das mit jener "Besessenheit", die er von sich und seinen Kollegen eingefordert hat.
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