Hamburg - Der spanische Fußball, er kann einem leid tun, einen Tag nach dem 4:1 von Borussia Dortmund gegen Real Madrid und zwei Tage nach dem 4:0 der Bayern gegen Barcelona. Zerquetscht, zermalmt, überrollt und verschlungen, das hätten die beiden deutschen Teams mit den beiden spanischen Edelclubs angestellt, kommentierte die internationale Presse. Als Maß der Dinge waren Messi, Ronaldo und Co. in die Hinspiele marschiert, als kümmerlicher Haufen standen sie nach dem Abpfiff da. Nach den beiden Hinspielen in der Champions League steht es: Deutschland - Spanien 8:1.
Beide Partien sind schnell mehr geworden als die Summe der einzelnen Spiele. Sie sollen herhalten als Beweis, dass der deutsche Fußball endlich, endlich besser ist als der spanische. So staunte selbst der sonst recht nüchterne britische "Guardian": "Erst Bayern, jetzt Borussia Dortmund. In der zweiten Nacht in Folge hat Deutschland mit vier Toren gegen Spanien die Machtverschiebung vorangetrieben." Zumindest in der Uefa-Fünfjahreswertung hat die Bundesliga (78,757 Punkte) durch die beiden Siege Boden gutgemacht - auf England (81,963). Doch der Abstand auf Spanien (87,739) ist immer noch groß.
Doch die Leistungen der Vereine - egal wie grandios sie waren - taugen nicht als Blaupause für die Nationalmannschaften. Und da steht es noch immer: 2:0 für Spanien.
Im Finale der Europameisterschaft 2008 gewannen die Südeuropäer ebenso 1:0 wie im WM-Halbfinale 2010. Bei der EM in Polen und der Ukraine im vergangenen Sommer verhinderte Mario Balotelli dann das dritte Duell der beiden Auswahlmannschaften. Obwohl beim 1:2 im Halbfinale gegen Italien acht Spieler bei Deutschland auf dem Platz standen, die an den vergangenen beiden Tagen in den Gewinnerteams zum Einsatz kamen.
Noch aber sind die spanischen Strategen nicht alt, sondern erfahren. Und an einem normalen Tag den deutschen Talenten einen Schritt voraus. Aber was war schon normal in dieser Woche? In München drehte sich alles um Uli Hoeneß und den Steuerskandal des FCB-Präsidenten. In Dortmund brach nach Bekanntwerden des Wechsels von Mario Götze zum FC Bayern für viele eine Welt zusammen.
Wie es dann sowohl die Bayern als auch die Dortmunder schafften, die angespannte Stimmung jeweils zu ihrem Vorteil zu nutzen, war wahrlich grandios. Druckumkehr statt Machtverschiebung. Aber als Referenzwert für die Dominanz im Weltfußball taugen die Ergebnisse nicht. Dafür braucht es einen verlässlichen Leistungsquerschnitt und keine Extremwerte.
Messi und Lewandowski - zwei Top-Spieler zwischen den Extremen
Am ehesten taugt da noch die Statistik des BVB in dieser Saison vor dem Halbfinale. Mit Siegen gegen Real in der Gruppenphase (2:1) und den FC Malaga im Viertelfinale (3:2) sowie zwei Unentschieden (2:2 in Madrid, 0:0 in Malaga) haben die Dortmunder sich bereits viermal stark gegen Spanier behauptet. Die Bayern gewannen in der Vorrunde einmal gegen Valencia (2:1) und spielten einmal remis (1:1).
Will man nun die beiden Halbfinal-Hinspiele bewerten, kommt man an Lionel Messi und Robert Lewandowski nicht vorbei. Auch hier wieder: Extreme. Der beste Fußballer der Welt wirkte am Dienstag eher wie der traurigste Fußballer der Welt. Messi, sichtlich angeschlagen, schlurfte wie das Sanostol-Kind über den Münchner Rasen. Für die Leistung von Vierfach-Torschütze Lewandowski hingegen müssen erst noch neue Superlative erfunden werden.
Nun ist Messi Argentinier und Lewandowski aus Polen, für Belege zur neuen deutschen Dominanz taugen also beide herzlich wenig. Ebenso wie der wohl wichtigste Spieler der Bayern gegen Barcelona: Der Spanier Javier Martínez dominierte gegen seine Landsleute das Mittelfeld. Die deutsche Nationalmannschaft muss den 24-Jährigen vorerst nicht fürchten. In der spanischen Auswahl wurde er zuletzt nicht berücksichtigt, Martínez sei "noch nicht bei 100 Prozent", so del Bosque. Übrigens: Es gibt in der kommenden Woche noch zwei Rückspiele. In Spanien.
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