Champions-League-Halbfinale Wie Bayern Real doch noch knacken kann

Josep Guardiola steht vor seiner schwierigsten Prüfung als Bayern-Trainer. Gegen die Konterspezialisten von Real Madrid müssen die Münchner vorne wie hinten brillieren und die besondere Schwäche der Spanier nutzen. Die Taktikanalyse.

Opta

Von


SPIEGEL ONLINE Fußball
Josep Guardiolas Worte waren kryptisch. Viel habe er nachgedacht, sagte der Trainer des FC Bayern München; nachgedacht über das, was im Halbfinal-Hinspiel der Champions League bei Real Madrid (0:1) schiefgelaufen war. Darüber, was verändert werden muss, um gegen Real erfolgreich zu sein. Dafür, so Guardiola, brauche seine Mannschaft im Rückspiel am Dienstag "mehr Aggressivität im Strafraum" (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

Doch genau darin liegt für den Trainer das Problem. Wie viel Präsenz in der Offensive darf sich Bayern gegen ein konterstarkes Team wie Real leisten?

Am besten sahen die Münchner im Hinspiel in der Anfangsphase aus. Dies lag an der Balance zwischen Angriff und Abwehr: Die Bayern riskierten wenig. Sie verzichteten darauf, allzu viele Spieler vor dem Ball zu platzieren, sondern waren auf Absicherung bedacht. Zwar kamen sie dadurch nur vereinzelt zu Abschlüssen - doch sie waren immer noch gefährlicher als Madrid. Bayern beherrschte seinen Gegner, indem stets genügend Anspielstationen in Ballnähe generiert wurden.

Bayerns Gegenpressing muss sitzen

Eine wirklich große Chance erspielten sich die Bayern erst in jenem Moment, in dem sie erstmals offensiver wurden und sich bis auf die Innenverteidiger Dante und Jérôme Boateng sowie den Sechser Philipp Lahm alle Feldspieler in einen Angriff einschalteten. Gleich fünf Münchner tummelten sich im gegnerischen Strafraum, Toni Kroos scheiterte mit einem Schuss nur knapp. Etwa 15 Sekunden lagen zwischen jener Szene und dem 0:1 durch Karim Benzema (19. Minute). Es war Reals erster Torschuss.

Der Treffer resultierte aus einer der seltenen Szenen, in denen das Gegenpressing der Bayern nicht griff. Jener Mechanismus ist der Schlüssel, um Madrids Konter zu unterbinden. Geht der Ball verloren, muss umgehend Druck auf den ballführenden Real-Spieler ausgeübt werden. Zugleich gilt es, dessen nächste Anspielstationen zu decken. Idealerweise kommen Madrids gefährlichste Waffen, die Superstars Cristiano Ronaldo und Gareth Bale, so gar nicht erst an den Ball.

Um erfolgreich ins Gegenpressing zu kommen, ist die Anordnung der Spieler bei eigenem Ballbesitz entscheidend. Eben diese stimmte nicht vor dem 0:1 von Madrid. Nun müssen die Bayern im Rückspiel zumindest einen Treffer erzwingen. Es wird zur Herausforderung für die Mannschaft: So viele Spieler in Angriffe einzuschalten, dass vorne Gefahr entsteht, und zugleich derart organisiert zu stehen, dass keine Konter resultieren.

Die Aufgabe anzugehen wie Borussia Dortmund beim 2:0-Sieg gegen Real könnte Erfolg versprechen. Der BVB kam Madrid durch Pressingfallen und Umschaltspiel bei. Doch Bayerns Trainer, das ahnte nicht nur Madrids Coach Carlo Ancelotti, wird nicht von seinem Ballbesitz-Spiel abweichen.

Freiräume in Reals Defensive müssen genutzt werden

Das muss er auch nicht, solange er es anpasst an die Schwächen Reals. Und die waren beim Hinspiel durchaus zu sehen. Real zog sich meist in eine 4-4-2-Formation zwischen den eigenen Strafraum und Mittellinie zurück. Trotz der Beteiligung aller Spieler an der Defensive boten sich Freiräume, insbesondere zwischen Madrids Abwehr- und Mittelfeldkette. Denn während sich die Sechser Luka Modric und Xabi Alonso häufig an freistehenden Gegenspielern orientierten, versäumte es die hintere Viererkette manchmal, vorzuschieben - vielleicht aus Sorge um die Schnelligkeit von Arjen Robben oder Franck Ribéry. Bayern scheiterte jedoch daran, in diese Zwischenräume einzudringen.

Das lag auch daran, dass sich Bastian Schweinsteiger und Toni Kroos häufig fallen ließen, um beim Spielaufbau zu helfen. Nötig wurde das, weil Lahm oft gezielt gedeckt wurde. Manchmal ergab es sich, dass alle drei Mittelfeldspieler auf Höhe des Balles zurückwichen. Der Zehnerraum verwaiste.

Auch weiter vorne entstanden Lücken in Reals Abwehrverbund. Mario Mandzukic etwa schlich immer wieder aus dem Strafraum hinaus auf einen der beiden Flügel. Pepe oder Sergio Ramos - der jeweils nähere der beiden Madrider Innenverteidiger folgte ihm stets, auch die Aufmerksamkeit des jeweiligen Außenverteidigers band Mandzukic. Den Freiraum, den er schuf, nutzte indes kaum jemand.

In München wird es darauf ankommen, Reals Schwachstellen zu attackieren - ohne dabei die eigene Ordnung zu entblößen. Thomas Müller und Mario Götze könnten dabei eine entscheidende Rolle spielen. Müller ist prädestiniert, die Räume in Reals Drittel aufzuspüren oder neue zu schaffen. Auch Götze bewegt sich klug zwischen den Linien. Dort müssen die Bayern vermehrt Bälle erhalten, sich in Richtung Madrider Tor drehen und finale Pässe spielen oder zu Dribblings ansetzen. Dann ist das Weiterkommen gegen Madrid möglich - ohne, dass Guardiola von seiner Spielweise abweichen muss.

insgesamt 96 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Freddie-58 29.04.2014
1. Hoffentlich Superspiel
Zitat von sysopGetty ImagesJosep Guardiola steht vor seiner schwierigste Prüfung als Bayern-Trainer. Gegen die Konterspezialisten von Real Madrid müssen die Münchner vorne wie hinten brillieren und die besondere Schwäche der Spanier nutzen. Die Taktikanalyse. http://www.spiegel.de/sport/fussball/champions-league-die-moegliche-taktik-der-bayern-gegen-real-madrid-a-966686.html
Ich freue mich auf ein Superspiel! Tagesform, Glück, Spielverlauf etc. so viel kann passieren. In einem CL Halbfinal kann man gegen Madrid schon mal verlieren, das wäre kein Schande. Wenn Bayern wie in Madrid spielt mit dem Heimvorteil im Rücken kann es auch reichen. Gutes Spiel!!
aha-aha 29.04.2014
2. Tolle Überschrift!
Bayern ist so gut wie ausgeschieden und jetzt jetzt klammern sie sich an den Strohhalm Fußballwunder? Sie haben das Hinspiel 0:1 verloren und der Gegner betet seit letztem Mittwoch, daß das magere Hinspielergebnis reichen möge. Alles andere, als daß Real die Hütte vollbekommt, wäre nämlich das wirkliche Fußballwunder.
wenndannjetzt 29.04.2014
3. Hoffentlich gewinnen die Bayern
Am besten mit möglichst vielen Toren: 2:1, 3:2, 4:3 etc. Zur Not kann ich aber auch mit einem torreichen Unentschieden gut leben. Mia san mia. Pack mas, Real.
no__comment 29.04.2014
4. Bitte ohne Toni Kroos
Die einzige Chance besteht darin, den ängstlichen Querspieler Kroos draußen zu lassen. Das war letztes Jahr auch der eigentliche Schlüssel zum Triple.
CaptainSubtext 29.04.2014
5.
Zitat von sysopGetty ImagesJosep Guardiola steht vor seiner schwierigste Prüfung als Bayern-Trainer. Gegen die Konterspezialisten von Real Madrid müssen die Münchner vorne wie hinten brillieren und die besondere Schwäche der Spanier nutzen. Die Taktikanalyse. http://www.spiegel.de/sport/fussball/champions-league-die-moegliche-taktik-der-bayern-gegen-real-madrid-a-966686.html
Oder ist es sein schwierigsten Prüfung?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.