Taktikvorschau Dortmund vs. Madrid: Die Raffinesse der Strategen

Von Danial Montazeri

Mittelfeldstrategen: Gündogan und Alonso im Vergleich Fotos
Getty Images

Die Tore schießen andere für Dortmund und Madrid, doch Ilkay Gündogan und Xabi Alonso sind die Strategen ihrer Mannschaften. Im Mittelfeld jagen sie dem Gegner die Bälle ab und sorgen für schnelles Umschalten. Da gerät selbst Bundestrainer Joachim Löw ins Schwärmen.

Im Fokus stehen andere. Wenn Borussia Dortmund heute Abend Real Madrid im Halbfinale der Champions League empfängt (20:45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), richten sich die meisten Augen auf Mario Götze - nicht nur wegen seines Wechsels nach München. Oder auf Mesut Özil, den deutschen Nationalspieler in Diensten Reals. Auf Jürgen Klopp und José Mourinho, die exaltierten Trainer am Spielfeldrand, oder die Torgaranten Cristiano Ronaldo und Robert Lewandowski.

Zwei Reihen dahinter, sowohl auf dem Spielfeld als auch in der medialen Wahrnehmung, sind die Strategen ihrer Clubs angesiedelt. Xabi Alonso, 31 Jahre, und Ilkay Gündogan, 22. Beide eint ihre Rolle im Mannschaftsverbund. Sie sind der wichtigste Aufbau- und Umschaltspieler und damit die Unersetzlichen ihrer Teams.

Es ist einige Jahre her - Xabi Alonso war noch nicht nach Madrid gewechselt, sondern spielte für den FC Liverpool -, da bezeichnete Bundestrainer Joachim Löw den Spanier als besten Umschaltspieler der Welt. Es war das kryptische Lob eines Fachmanns, das sich auf Augenblicke bezieht, die nicht jedem Zuschauer zwingend auffallen. Löw meinte Alonsos Verhalten in Momenten, in denen der Ballbesitz von einer Mannschaft zur anderen wechselt. Dann gilt es, aus dem Abwehr- in den Angriffsmodus umzuschalten und umgekehrt. Wie das im Idealfall aussieht, demonstriert Alonso noch immer Woche für Woche. Hat der Gegner den Ball, geht Alonso auf die Jagd - und ist seinen Gegenspielern meist zwei Schritte voraus.

  • Der erste Schritt besteht darin, dass er Bewegungsabläufe und wahrscheinliche Passrouten des Gegners vorausahnt. Oft weiß er, wohin ein Gegenspieler passen wird, ehe es jenem selbst klar ist. Alonso liest das Spiel und kommt so auf sehr gute Defensivwerte: In der laufenden Champions-League-Saison hat er 714 Minuten gespielt und hilft seiner Mannschaft im Schnitt alle elfeinhalb Minuten mit einer wesentlichen Abwehraktion, vor allem mit abgefangenen Pässen (16) und direkten Balleroberungen (26).
  • Der zweite Schritt ist derjenige, auf den sich Löws Lob bezog: Alonso liest nicht nur das Spiel des Gegners, sondern auch das seiner Elf. Statt Bälle zum Nebenmann, zurück zum Torwart oder sogar ins Aus zu klären, leitet er sie sofort weiter - meist vertikal - und initiiert damit ohne Umwege den eigenen Angriff. Tempo verschleppende Dribblings oder Querpässe? Nicht mit Xabi.

In Phasen des geordneten Spielaufbaus sind es weder Özil noch Ronaldo, auf die das Geschehen ausgerichtet ist. Der Fixpunkt trägt die Nummer 14. Dann nämlich lässt sich Alonso auf Höhe seiner Innenverteidiger zurückfallen und verteilt Bälle über das gesamte Spielfeld. Seine aus dem Stand geschlagenen Pässe über 60, 70 Meter sind gefürchtet, überspielt er mit ihnen doch den gesamten Pressingverbund des Gegners. Wer Madrid stoppen will, muss bei Alonso anfangen. Deshalb beauftragte Jürgen Klopp speziell im ersten Duell Mario Götze mit der Bewachung Alonsos.

Heatmap von Xabi Alonso: Hier wirkte der Spanier im Gruppenduell gegen den BVB Zur Großansicht
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Heatmap von Xabi Alonso: Hier wirkte der Spanier im Gruppenduell gegen den BVB

Viel von dem, was Alonso ausmacht, findet sich auch bei Gündogan. Auch er holt sich im Aufbau Bälle bei seinen Verteidigern ab, um das Dortmunder Spiel zu strukturieren. Gündogan greift dabei ebenso wie sein Pendant auf viele lange Pässe zurück. 13 Prozent seiner 432 Pässe in der Champions League kamen lang; bei Alonso sind es 17 Prozent. Dementsprechend hat Gündogan auch die geringere Fehlerquote als der Spanier: 87 Prozent seiner Pässe bringt Gündogan zum Mitspieler, Alonso kommt auf 83 Prozent.

Gündogan spielt weniger lange Bälle - und macht weniger Fehler

Die entscheidende Parallele zwischen den beiden ist: Auch Gündogan besitzt die Fähigkeit, Spielzüge der gegnerischen wie der eigenen Mannschaft vorauszuahnen. Wie Alonso ist er bemüht, eroberte Bälle umgehend in die Spitze zu leiten, und wird dadurch zum entscheidenden Spieler des BVB in Umschaltsituationen. Jenen Momenten also, die das Spiel der Borussia ausmachen und doch so leicht zu übersehen sind. In Bundesliga, DFB-Pokal und Champions League verlor die Borussia in dieser Saison sechs Spiele. Dreimal stand Gündogan dabei nicht in der Startelf.

Noch hat ihm Xabi Alonso einiges voraus. Der 31-Jährige ist physisch stärker, gewinnt mehr Zweikämpfe, vor allem in der Luft. Er verfügt über mehr Ruhe, seine Aktionen sind abgeklärter. Er spielt dominanter, prägt das Bild seiner Elf nicht nur in einzelnen Phasen. Speziell die Abgeklärtheit und Dominanz werden sich bei Gündogan bald einstellen. Für seine 22 Jahre ist er bereits erstaunlich weit. Im gleichen Alter spielte Alonso noch für Real Sociedad San Sebastián.

Mittlerweile hat es auch Gündogan erhalten, das Sonderlob von Joachim Löw. "Er ist extrem wichtig für uns geworden", sagte dieser über den Dortmunder nach dem Länderspiel gegen Kasachstan. Unentbehrlich sei er für die Nationalelf; für den BVB gilt das ohnehin. Schon bald dürfte Gündogan Alonso als Löws Liebling überflügelt haben. Vielleicht macht er schon heute einen großen Schritt.

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