Champions League Schiedsrichter im Abseits

Zwei irreguläre Tore anerkannt: Schiedsrichter Craig Thomson sorgte mit seinen Entscheidungen beim Viertelfinal-Krimi von Dortmund für Aufregung. Die Fehler von Top-Referees in wichtigen Spielen der Champions League häufen sich - ein unhaltbarer Zustand auf diesem Niveau.

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Fifa-Referee Thomson: Zwei klare Abseitsstellungen übersehen
Bongarts/Getty Images

Fifa-Referee Thomson: Zwei klare Abseitsstellungen übersehen


Dortmunds Trainer Jürgen Klopp hat zuweilen seine sehr eigene Deutung der Dinge. Als ihn ein Journalist der spanischen Zeitung "Marca" nach dem 3:2-Viertelfinal-Krimi des BVB gegen den FC Málaga darauf hinwies, dass der Siegtreffer der Dortmunder eindeutig aus Abseitsposition erzielt wurde, keilte Klopp zurück: "Bemerkenswert, dass spanische Journalisten wegen so etwas beleidigt sind." So etwas gäbe es in Deutschland nicht.

Nun muss man weder spanischer Journalist noch beleidigt sein, um trotz des grandiosen Fußballabends von Dortmund die Entscheidungen des schottischen Schiedsrichters Craig Thomson und seines Teams mit Kopfschütteln zur Kenntnis zu nehmen. Es nimmt diesem Fußballabend auch nichts von seiner Dramatik und Einzigartigkeit, wenn man feststellt: Hier wurden derbste Fehlentscheidungen gefällt.

Wie kann es sein, dass ein miteinander per Kommunikationstechnik vernetztes Team von vier Unparteiischen die klare Abseitsstellung des Portugiesen Eliseu beim 2:1-Führungstor des FC Málaga übersieht?

Wie kann es sein, dass ein Quartett von topausgebildeten Referees nicht ahndet, wenn vor dem Siegtor des BVB gleich vier Schwarz-Gelbe auf einer Linie im Abseits stehen: Marco Reus, Julian Schieber, Felipe Santana und Neven Subotic?

Wie kann es sein, dass ein Torrichter direkt nebendran steht und nicht erkennt, dass Torschütze Santana quasi auf der Linie, noch hinter dem spanischen Keeper, sich im Abseits befindet? Weil er ausschließlich darauf achtet, ob der Ball in vollem Umfang, wie es immer so schön heißt, hinter der Linie ist und ihn alles andere nicht interessiert?

Schiedsrichter-Pfiffe entscheiden über Millionen

Schiedsrichterschelte ist billig und ein oft kleinliches Mittel von Spielern und Trainern, um den eigenen Misserfolg auf eine oder zwei umstrittene Spielsituationen zu reduzieren. Und die Referees haben bekanntlich keine Zeitlupe zur Verfügung und müssen innerhalb kürzester Zeit urteilen. Das ist alles hinlänglich erörtert und auch richtig.

Aber hier geht es um das europäische Spitzenniveau - hier sind die nominell renommiertesten Schiedsrichter Europas im Einsatz. Und es fallen Entscheidungen, die über Wohl und Wehe eines Vereins und nicht zuletzt über Millionen Euro befinden. Für einen Club wie den FC Málaga, der sich in finanzieller Schieflage befindet, kann es ökonomisch existentiell sein, ob es beim 2:2 bleibt, was Weiterkommen bedeutet hätte, oder er in allerletzter Sekunde dank einer Fehlentscheidung aus dem Wettbewerb gekickt wird. Auch wenn es in diesem Fall die ausgleichende Gerechtigkeit für das zuvor irreguläre Tor der Spanier war. Aber altes Unrecht wird nicht durch neues aufgehoben.

Dies hier ist die Champions League, der größte Wettbewerb, den der europäische Fußball kennt. Da sollte, da dürfte es nicht passieren, dass zwei klare Abseitstreffer Anerkennung finden.

Thomson nicht nur ein Einzelfall

Da dürfte es nicht passieren, dass der deutsche Schiedsrichter Wolfgang Stark und sein Team im Viertelfinal-Hinspiel zwischen Paris St. Germain und dem FC Barcelona in einer entscheidenden Spielsituation gleich mehrere Fehler begehen: Er ließ trotz zweier verletzter Barcelona-Spieler die Partie weiterlaufen, was dazu führte, dass PSG-Star Zlatan Ibrahimovic aus Abseitsposition zum 1:1-Ausgleich traf.

Es dürfte nicht sein, dass der englische Referee Mark Clattenburg im Hinspiel des FC Bayern gegen Juventus Turin einen klaren Tritt von Franck Ribéry gegen Juve-Gegenspieler Arturo Vidal offensichtlich sieht, aber nicht ahndet. Alles Einzelfälle. Aber viel zu viele.

Möglicherweise sind die Schiedsrichter angesichts des Tempos, das der moderne Fußball entwickelt hat, an einer Grenze zur Überforderung angelangt. Möglicherweise wird es höchste Zeit, dass ihnen echte Hilfen an die Seite gestellt werden. Es immer wieder bei dem Hinweis zu belassen, dass Schiedsrichter ja auch Menschen und damit fehlerbehaftet seien, wird der extremen Bedeutung, die Top-Spiele mittlerweile haben, zumindest nicht mehr gerecht.

Thomson, Stark, Clattenburg - drei, die weltweit zur ersten Liga der Fifa-Referees zählen. Im Viertelfinale der Champions League waren sie nicht gut genug.

Schiedsrichterschelte ist billig. Aber manchmal muss sie sein.



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insgesamt 180 Beiträge
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becem 10.04.2013
1. Nicht billig
Wenn die Schelte angebracht ist, ist sie nicht billig. Stark leistet sich schon in der Bundesliga genug Ausrutscher, ein Wunder, dass er die Champions League pfeifen darf. Der Schiedsrichter sollte nicht das Spiel entscheiden, sondern dafür sorgen, dass die Regeln eingehalten werden.
cs01 10.04.2013
2.
Möglicherweise wird es auch mal Zeit, dass die Schiedsrichter auch mal dem verwöhnten Pack (Spieler, Trainer Funktionäre und Fans) klarmachen, dass auch sie Respekt verdienen. Die sollten mal komplett 14 Tage den europäischen Fussball lahmlegen. In der Zeit könnten sich mal alle überlegen, wie man mit Menschen umgeht. (Ehrlicherweise muss ich dazusagen, dass ich als Fan oft genauso über das Ziel hinausschieße bei Schidsrichterbeurteilungen)
cs01 10.04.2013
3.
Möglicherweise wird es auch mal Zeit, dass die Schiedsrichter auch mal dem verwöhnten Pack (Spieler, Trainer Funktionäre und Fans) klarmachen, dass auch sie Respekt verdienen. Die sollten mal komplett 14 Tage den europäischen Fussball lahmlegen. In der Zeit könnten sich mal alle überlegen, wie man mit Menschen umgeht. (Ehrlicherweise muss ich dazusagen, dass ich als Fan oft genauso über das Ziel hinausschieße bei Schidsrichterbeurteilungen)
notorischernörgler 10.04.2013
4. optional
Bemerkenswert auch, wie lange Vidal unfair und foul gegen Ribery spielen konnte, ohne verwarnt zu werden. Als alles Foulen nichts nutzte musste er schon ein Handspiel vorbringen, um endlich die Aufmerksamkeit des Schiedsrichters zu bekommen. Der Mann hat sich seine gelbe Karte fleissig und zielorientiert erarbeitet.
michelinmännchen 10.04.2013
5. Es sind nicht die Schiedsrichter
die die Fehler begehen, sondern es ist das System, das die Schiris überfordert. Darum sollte es auch keine Schiedsrichterschelte geben. Wie in allen anderen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gruppierungen auch stinkt der Fisch vom Kopf - die Möglichkeiten, Schiris bei Ihren Entscheidungen zu helfen, sind da, siehe das System der American Football League. Es ist allerdings politisch nicht gewollt, den Fussball einer iso Zertifizierung zu unterziehen, da z.B. ein solcher Artikel dann gar nicht erscheinen könnte. Diese Fehlentscheidungen liefern den Medien und den Fans doch erst die Geschichten, die den Fussball zu dem machen, was er ist: ein gesellschaftssportliches Massenereignis.
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