Bayern-Gegner Arsenal: Der Fuchs verliert das Gespür

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Seit 17 Jahren trainiert Arsène Wenger Arsenal, doch die Zeit der großen Titel ist vorbei. Vor dem Champions-League-Spiel gegen Bayern geben sich die Briten kleinlaut. Für den großen Taktiker wird es langsam eng. Im Sommer darf er noch einmal für 80 Millionen Euro einkaufen. Es ist wohl seine letzte Chance.

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Hamburg - Ein wenig gleicht sie einer angestaubten Ehe, diese Beziehung zwischen Arsène Wenger und seinem FC Arsenal. Seit 1996, knapp 17 Jahre, sind sie zusammen. Und obwohl beide Seiten sich redlich bemühen, fehlt es seit geraumer Zeit an Leidenschaft. So richtig verliebt sind Wenger und Arsenal nicht mehr, aber trennen wollen sie sich auch nicht, es funktioniert ja irgendwie.

Die Arsenal-Fans haben da weniger romantische Gefühle. Spätestens seit dem peinlichen Ausscheiden aus dem englischen Pokal gegen den Zweitliga-Club Blackburn Rovers am Wochenende haben sie kein Verständnis mehr für Befindlichkeiten zwischen dem französischen Trainer und ihrem Londoner Verein. Es war das erste Mal seit Wengers Amtsantritt, dass Arsenal im FA-Cup gegen einen Gegner aus einer niedrigeren Liga verlor. Zuvor war die Mannschaft im Liga-Cup bereits an Viertligist Bradford City gescheitert. In der Premier League belegt Arsenal derzeit Rang fünf, 21 Punkte hinter Tabellenführer Manchester United und einen Rang hinter den Champions-League-Qualifikationsplätzen. Der Unmut der Anhänger wächst, mehr noch: Sie sind deprimiert.

Denn seit 2005, seit dem bisher letzten FA-Cup-Sieg, warten die "Gunners" auf einen nationalen oder internationalen Titel. Da hilft es auch nichts, dass es Wenger war, der den FC Arsenal zu einem der erfolgreichsten englischen Clubs des neuen Jahrtausends gemacht hatte: Unter ihm wurde Arsenal dreimaliger Englischer Meister (1998, 2002, 2004) und viermaliger Pokalsieger (1998, 2002, 2003, 2005).

Über 80 Millionen Euro für neue Spieler

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Bayern-Gegner FC Arsenal: Englands kriselnder Top-Club
Auch in den vergangenen Jahren qualifizierte sich Wengers Team verlässlich für die großen Wettbewerbe, war stets in der Champions League vertreten. Ein Debakel sieht anders aus. Doch bis an die Spitze reichte es eben nicht mehr. Die haben Teams wie Manchester United, Manchester City oder der FC Chelsea für sich in Anspruch genommen, allesamt gestärkt durch die Milliardeninvestitionen eines Roman Abramowitsch, Joel Glazer oder Ölmillionen aus Abu Dhabi. Ihr Geld zog auch frühere Arsenal-Stars wie Kolo Touré, Samir Nasri (beide Manchester City) oder Ashley Cole (FC Chelsea) an.

Der FCA muss ohne derartige Hilfe auskommen, auch wenn es ihm finanziell nicht wirklich schlecht geht. Nach den Sparmaßnahmen wegen des vor sieben Jahren neu gebauten Stadions sollen auf dem Clubkonto wieder rund 175 Millionen Euro liegen. Gleichzeitig besitzt der Verein aber auch die vierthöchste Gehaltsliste der Premier League - und muss, so die Befürchtung, auf rund 35 Millionen Euro verzichten, sollte es in der kommenden Saison erstmals unter Wenger nicht mit der Champions-League-Qualifikation klappen.

Das hält die Vereinsspitze rund um Vorstand Peter Hill-Wood jedoch nicht davon ab, Wenger weiterhin das absolute Vertrauen auszusprechen. Das bekommt der 63-Jährigen auch finanziell zu spüren. Über 80 Millionen Euro stehen Wenger im Sommer zur Verfügung, um sich für die kommende Spielzeit ein Team nach seinen Wünschen zusammenzustellen - mehr als je zuvor. Bis 2014 läuft Wengers Vertrag bei Arsenal noch, Gerüchte, man sei bereits in Verlängerungsverhandlungen, dementierte der Trainer am Montag wütend und vehement.

Das großzügige Transferbudget lässt sich deshalb womöglich auch anders verstehen: Wenger erhält noch einmal die Chance, seine Partnerschaft mit Arsenal zu einem harmonischen Ende zu führen.

Die "Seele des Teams" als wichtigste Erfolgsformel

Der Elsässer gilt als schlauer Fuchs im Fußballgeschäft, als Taktikspezialist, der die Zusammensetzung und Ausrichtung seines Teams akribisch plant und großen Wert auf Disziplin legt. Er versteht es seit jeher, junge Talente wie Jack Wilshere, Alex Oxlade-Chamberlain oder Kieran Gibbs um sich zu versammeln und sie zu großen Spielern zu formen. Wenger sagt aber auch: "Große Teams brauchen Stars."

Mit Theo Walcott, Lukas Podolski und Santi Cazorla hat er zwar Akteure mit Star-Charakter in der Mannschaft. Doch nach dem Weggang Robin van Persies zu Manchester United klafft eine Lücke in der Mannschaft - spielerisch wie charakterlich.

Wenger, der die "Seele des Teams" als wichtigste Erfolgsformel ansieht, sagt: "Wir haben eine großartige Mannschaft, aber es fehlt uns an mentaler Reife." Die Spieler hätten zu wenig Selbstbewusstsein und nicht den letzten Willen zum Sieg. Früh hatte der Analyst diese Entwicklung beobachtet und versucht, im Winter nachträglich Angreifer David Villa vom FC Barcelona zu verpflichten. Ohne Erfolg. Auch die Verhandlungen mit Mittelfeldspieler Étienne Capoue, derzeit beim FC Toulouse unter Vertrag, scheiterten.

Nun sollen im Sommer für viel Geld neue Spieler her, und mit ihnen Erfolg und Leidenschaft zurückkehren. Darauf setzen nicht nur die Fans, sondern vor allem Wenger und der Verein, die sich ansonsten erstmals ernsthaft fragen müssten, wie sinnvoll das Miteinander aus Gewohnheit und schönen Erinnerungen noch ist.

Doch in dieser Saison, so scheint es, erwartet man beim FC Arsenal nicht mehr all zu viel, und so rechnet auch niemand so recht mit einem Weiterkommen im Achtelfinale der Champions League gegen Bayern München (Hinspiel am Dienstag, 20.45 Uhr): "Die Bayern sind sicher Favorit", sagte der frühere Münchner Podolski der "Welt am Sonntag": "Aber wir werden nicht abwarten, was sie machen. Wir haben die Qualität, uns gegen sie zu behaupten." Wenger sagt sogar: "Ein 0:0 wäre zu Hause kein Drama." Eine Kampfansage klingt anders.

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1.
ovoso 19.02.2013
" Doch bis an die Spitze reichte es eben nicht mehr. Die haben Teams wie Manchester United, Manchester City oder der FC Chelsea für sich in Anspruch genommen, allesamt gestärkt durch die Milliardeninvestitionen eines Roman Abramowitsch', Joel Glazers oder Ölmillionen aus Abu Dhabi." Joel Glazer investiert ganz sicher keim Geld in ManUtd. Er hat sich den Verein gekauft um selbst davon zu profitieren, ich meine einmal gehört zu haben dass jeder vierte Pfund der bei United eingenommen wird in Glazers Tasche fließt. Von daher ist der vergleich von ManUtd mit ManCity und Chelsea nicht gerechtfertigt, denn diese Vereine werden Jahr für Jahr mit Millionen von den Investoren gefüttert.
2.
frubi 19.02.2013
Zitat von sysopREUTERSSeit 17 Jahren trainiert Arsène Wenger Arsenal, doch die Zeit der großen Titel ist vorbei. Vor dem Champions-League-Spiel gegen Bayern geben sich die Briten kleinlaut. Für den großen Taktiker wird es langsam eng. Im Sommer darf er noch einmal für 80 Millionen Euro einkaufen. Es ist wohl seine letzte Chance. http://www.spiegel.de/sport/fussball/champions-league-fc-arsenal-ist-der-gegner-von-bayern-muenchen-a-884024.html
Wenger hat es letztlich nur nicht geschafft, seine Talente aus den letzten Jahren beisammen zu halten. Spieler wie Nasri, Song, Glichy, Cole, Fabregas, van Persie mussten alle wegen der Gehaltsstruktur und den Verkaufserlösen gehen. Dafür wurden Pfeiffen wie Chamakh geholt. Ansonsten leistet Wenger eine sehr gute Arbeit. Es wäre schade, wenn er sich noch einmal auf dem schnelllebigen Markt der Trainer präsentieren müsste.
3. Tja ...
merlinberlin 19.02.2013
Was soll man von nem Club erwarten, der Poldi kauft ....
4.
dasbeau 19.02.2013
"Die Zeit der großen Titel ist vorbei" Diese Zeit hat es nie gegeben. Englischer Meister und Pokalsieger, ja, das waren sie öfter 8zuletzt aber auch schon 2004 bzw. 2005), aber "große Titel"? 1994 mal den Europapokal der Pokalsieger, das war's dann aber auch. Und das war noch vor Wenger. 2006 CL-Finale, aber leider kein Titel...
5.
kastenmeier 19.02.2013
Zitat von merlinberlinWas soll man von nem Club erwarten, der Poldi kauft ....
Was soll man von einem Berliner erwarten, der sich über Fußball äußert?
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