Von Christian Brand
In der 92. Minute bot sich Robinho die allerletzte Chance, dieses Achtelfinale doch noch in eine andere Richtung zu lenken. Der Brasilianer vom AC Mailand hätte den Freistoß aus dem Halbfeld einfach vors Tor des FC Barcelona spielen können, wo seine Mitspieler die Hereingabe erwarteten.
Stattdessen entschied sich Robinho für die kurze Variante und überraschte damit seinen Teamkollegen Sulley Muntari, der den Ball gegen Lionel Messi verlor und - anstatt zurückzulaufen - wild gestikulierend auf Robinho einredete. So konnte Barças Jordi Alba ungehindert einen 80-Meter-Sprint anziehen und den Konter über drei Stationen zum 4:0 vollenden. Ein großartiger Fußballabend fand seinen krönenden Abschluss.
Den Mailändern bleibt nach diesem Achtelfinalrückspiel die Erkenntnis, dass ihrer jungen Mannschaft im Umbruch ein gutes Spiel gegen den FC Barcelona zum Weiterkommen nicht reicht.
Plan von Milan ging nicht auf
Wobei die Rossoneri keineswegs nur darauf aus waren, das 2:0 aus dem Hinspiel zu verwalten. Milan-Trainer Massimiliano Allegri spielte mutig mit drei Stürmen. Er schickte den 18-jährigen M'Baye Niang für den verletzten Giampaolo Pazzini ins Zentrum. Stephan El Shaarawy spielte links und Kevin Prince-Boateng rechts. Im Mittelfeld sollten Kapitän Massimo Ambrosini, flankiert von Mathieu Flamini und Riccardo Montolivio, das Zentrum dicht machen und somit die Zuspiele auf Messi verhindern. Der Plan war gut. Allein: Er ging nicht auf.
Bei Barcelona lief etwas überraschend David Villa auf. Erwartet worden war eher ein Spieler wie Alexis Sánchez, der körperliche Vorteile in den direkten Duellen besitzt. Zumal Villa nach seinem Schienbeinbruch noch nicht wieder seine alte Form gefunden hat und in der Liga immer wieder einmal auf der Bank sitzt.
Villa allerdings war Teil einer wirklich guten Strategie von Trainer Jordi Roura - und das nicht nur, weil er das wichtige 3:0 erzielte. Der spanische Nationalspieler zog von der rechten Seite immer wieder ins Zentrum und war neben Messi Barças zweite Anspielstation. Villa bekam zwar nicht so viele Bälle wie sein argentinischer Kollege, sorgte aber durch das Aufkreuzen im Strafraum ständig für Verwirrung und Raum für Außenverteidiger Dani Alves. Der spielte fast Rechtsaußen und hatte seine Seite häufig für sich allein.
In der Defensive hielt ihm Sergio Busquets wirkungsvoll den Rücken frei. Das Mailänder Talent El Shaarawy kam so offensiv kaum zur Geltung und war dem auf der linken Abwehrseite überforderten Kevin Constant defensiv keine Hilfe.
Messi pendelte intuitiv zwischen Flügel, Zentrum und Mittelfeld
Messi indes agierte viel freier und erheblich lauffreudiger als in den vergangenen Spielen. Er pendelte intuitiv klug zwischen rechter Seite, Sturmzentrum und Mittelfeld. Und, wie in früheren Tagen eigentlich selbstverständlich, half er seiner Mannschaft wieder vermehrt beim Gegenpressing. Es war ein Weltklasseauftritt eines Weltklassefußballers.
Der AC Mailand hatte deshalb nur wenig Möglichkeiten für einen konstruktiven Spielaufbau. Nach einem Befreiungsschlag hätte ein Fehler von Barça-Defensivmann Javier Mascherano in der 38. Minute den Spielverlauf dennoch fast gedreht. Niang traf nach der unfreiwilligen Vorlage des Argentiniers jedoch nicht zum 1:1, sondern den Pfosten. Ebenfalls bitter für die Mailänder: Dem zweiten Barcelona-Treffer ging eine Abseitsstellung voraus.
Böse gedacht könnte man behaupten, Barcelona habe das permanente und extrem faire Pressing (nur sechs Fouls) nach Ballverlust deshalb annähernd über die gesamten 90 Minuten gespielt, um den Ball von der wackligen, eigenen Abwehr mit ihren zuletzt wenig sattelfesten Innenverteidigern Piqué und Mascherano fern zu halten. Deswegen hatte auch der schnelle Jordi Alba auf der linken Seite weitaus weniger offensive Aktionen als gewöhnlich. Er wurde als zusätzliche Absicherung benötigt.
Normalerweise kupfert die Konkurrenz bei Barcelona ab - diesmal war es anders herum: Barça hat die richtigen Schlüsse aus den vergangenen Wochen gezogen und sich möglicherweise auch etwas von den Mitbewerbern aus Madrid, München und Dortmund abgeschaut. Messi traf zweimal nach Schüssen in Strafraumnähe -so wie Real-Spieler Luka Modric in Manchester, so wie Art der Bayern ist. Und der letzte Treffer fiel nach einem Ballgewinn in der eigenen Hälfte und einem lehrbuchartigen Konter - siehe Dortmund und Real.
Dank dieser Adaptionen und ihrer wiedergefundenen, überragenden Organisation ist der FC Barcelona jetzt wieder Favorit auf die Champions-League-Trophäe. Gemeinsam mit den "Vorbildern" aus Madrid, München und Dortmund.
Christian Brand ist ehemaliger Bundesligaprofi und trainiert derzeit die U-21 des Schweizer Erstligisten FC Luzern
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