FC Barcelona unter Trainer Valverde 4-4-Messi-1

Neymar weg, neuer Coach da - noch zu Saisonbeginn herrschte rund um Barcelona Skepsis. Doch aktuell ist das Team kaum zu schlagen. Der Schlüssel: die neue Defensivtaktik - und eine Sonderrolle für Messi.

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Es ist nicht lange her, da herrschte bei einem der weltbesten Klubs Krisenstimmung. Seine beiden ersten Saisonspiele und damit den Supercup verlor der FC Barcelona gegen Erzrivale Real Madrid. Zuvor hatte Neymar den Verein in Richtung Paris verlassen. Fast noch schlimmer als die Pleiten und der Abgang des Superstars wog für manchen Fan, in wen der erste Teil der Neymar-Millionen floss. Die umworbenen Philippe Coutinho und Dortmunds Ousmane Dembélé kamen später. Am Anfang holte Barcelona: Paulinho.

40 Millionen Euro für einen 29-Jährigen aus China, der in Europa auf Top-Niveau keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte, oder zumindest keinen guten, das wirkte, als hätten der neue Trainer Ernesto Valverde und die Entscheider in Barcelona zwar viel Phantasie, aber keinen Plan. Heute lässt sich bilanzieren: Das Gegenteil war der Fall. Der Klub ist in La Liga und der Champions League bislang ungeschlagen und geht am Abend als Favorit ins Achtelfinale der Königsklasse gegen Chelsea (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Zu verdanken hat der Klub das vor allem Trainer Valverde und seiner Idee mit Paulinho.

Wer verstehen will, warum Valverdes Plan mit Paulinho so gut aufgeht, landet bei . Messi, 30, gilt als bester Stürmer der Welt, dabei ist er eigentlich viel mehr als das: Er ist auch der beste Passgeber und Dribbler, wahrscheinlich wäre er sogar der beste defensive Mittelfeldspieler auf dem Globus, wenn man ihn dort einsetzte. Seine Rolle im System der Katalanen hat sich unter Valverde grundlegend verändert.

Ernesto Valverde
ALEJANDRO GARCIA/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Ernesto Valverde

Als Jungprofi stürmte Messi von der rechten Seite in Richtung Tor, unter Trainer Pep Guardiola wurde er dann zum Mittelstürmer, der nur zum Toreschießen in den Strafraum geht und sonst im Mittelfeld auftaucht. Als Barcelona nacheinander Neymar und Luis Suárez verpflichtete, wechselte Messi zurück auf den Flügel, der Megasturm "MSN" war geboren, das Ergebnis 366 Pflichtspieltore in drei Saisons.

Ohne Neymar und einen geeigneten Nachfolger - der doch noch verpflichtete Dembélé fiel verletzt aus - musste Valverde tricksen. Zum Glück war da Paulinho.

Der Brasilianer ist kein besonders filigraner Techniker, in die Passmaschine, die Barças Mittelfeldzentrale einst war, lässt er sich schwer integrieren. Dafür bringt Paulinho Dynamik, Robustheit und Tordrang mit. Und er ist sich nicht zu schade, für Messi zu arbeiten.

Valverde stellte taktisch um: Der Dreiersturm und das 4-3-3, jahrelang die Formation der Wahl bei den Katalanen, weicht oft einem 4-4-2, oder besser einem 4-4-Messi-1. Der Argentinier nimmt darin jene Rolle des Freigeists ein, die ihm Guardiola verpasste. Die Aufgabe von Messis Mitspielern lautet, ihm den nötigen Raum dafür zu verschaffen. Speziell Paulinho macht seine Sache gut. Aus dem Mittelfeld orientiert er sich in Richtung Sturm und zieht dort die Aufmerksamkeit der Verteidiger auf sich, im selben Moment weicht Messi ins Mittelfeld. Solche Mechanismen gibt es unter Valverde überall auf dem Feld, es geht immer um die richtige Balance.

Die zweite große Neuerung der Saison betrifft die Defensive

In der vergangenen Saison war Barça unter Trainer Luis Enrique die torgefährlichste Mannschaft in Europas großen Ligen, im Schnitt traf sie 3,05-mal pro Ligapartie. Aktuell sind es 2,58 Treffer, Barcelona droht erstmals seit 2011 die 100-Ligatore-Marke zu verpassen. Anders als in der Vorsaison, als allein der Pokalsieg heraussprang, ist dem Klub dafür mit der Meisterschaft zumindest ein großer Titel so gut wie gewiss. Der Vorsprung auf den Zweiten, Atlético, beträgt sieben Punkte, der auf Real 17.

Das liegt auch an der stark verbesserten Abwehrarbeit. Die hatte unter Valverdes Vorgänger am Ende gelitten. Je länger Luis Enrique im Amt war, desto mehr Tore schoss Barcelona zwar. Nur kassierte es auch von Jahr zu Jahr mehr Tore, und dieser Anstieg war heftiger als der in der Offensive. Im Vorjahr kassierte Barcelona vier Tore in Paris, drei bei Manchester City, drei bei Juventus. Zwar war der Angriff meist effektiv genug, um Defizite gegen den Ball zu kaschieren, meist heißt aber nicht immer. Also schraubte Valverde an den Mechanismen ohne Ballbesitz.

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Barça unter Valverde: Zurück ins Glück

Wie im Fall Messi musste der Trainer Barça auch hier nicht neu erfinden; die Mannschaft musste nur auf den Platz bringen, was sie unter Guardiola und auch in Enriques Debütsaison 2014/2015 auszeichnete. Das Team presst nun wieder höher auf dem Feld, vor allem ist es aber wieder stärker darin, nach eigenen Ballverlusten gegnerische Konter zu unterbinden. Die Sekunden nach Ballverlust waren unter Guardiola ein Schlüssel zum Erfolg. Nun ist Barcelona auch defensiv wieder die Übermannschaft von einst.

Gegen das Chelsea von Trainer Antonio Conte trifft das Team auf einen Gegner, der sich auch aufs Verteidigen versteht. Denn auch der Italiener ist ein Spezialist in Sachen Defensivtaktik. In der Meistersaison 2016/2017 kassierte Chelsea im Schnitt weniger als ein Gegentor pro Ligaspiel (0,87), aktuell erreicht die Mannschaft beinahe denselben Wert (0,85). Das sind im internationalen Vergleich herausragend wenige Gegentore. Aber immer noch fast doppelt so viele, wie Barcelona aktuell kassiert.



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chrisbe 20.02.2018
1. Defensive
Ein interssanter Bericht. Ich würde nur ein tragendes Detail ergäbzen wollen: den Torwart. Ter Stegwn spielt wohl eine überragende Saison. Er ist ein wesentlicher Faktor der gegnerischen Torflaute, wenn man der Berichterstattung und seinen Teamkollegen glauben darf.
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