Aus Madrid berichtet Tim Röhn
Die Uhr zeigte 0.59 am frühen Donnerstagmorgen, als die Spieler des FC Bayern München durch die Flure des Luxushotels "The Westin Palace" wandelten. Sie waren auf dem Weg zum Fest-Bankett, als Joachim Löw ihnen begegnete. Der Bundestrainer beglückwünschte seine Nationalspieler zu diesem großen Sieg, schüttelte ihre Hände, umarmte und lobte sie. Es war eine Gratulation im Namen des deutschen Fußballs.
Es war ein fantastischer Abend für den Verein, für die Bundesliga, für den Deutschen Fußball-Bund. Ein Abend, an dessen Ende Bastian Schweinsteiger sagte: "Wir sind tot, aber glücklich." Der Rekordmeister setzte sich nach großem Kampf im Halbfinal-Rückspiel der Champions League bei Real Madrid durch. 2:1 hatte es nach 120 Minuten für die Spanier gestanden, in einem dramatischen Elfmeterschießen siegte die Mannschaft von Jupp Heynckes schließlich 3:1.
Nach einer Viertelstunde schien alles vorbei
Die Laune bei den Münchnern wäre zu später Stunde sehr viel schlechter gewesen, wenn die Mannschaft nach einer Viertelstunde nicht begonnen hätte, Fußball zu spielen. Bis dahin hatte Linksverteidiger David Alaba mit einem Handspiel einen Elfmeter verursacht, den Cristiano Ronaldo verwandelte (6.). Der Superstar der Königlichen erzielte acht Minuten später sogar das 2:0.
Nach der 1:2-Niederlage im Hinspiel hätte den Madrilenen dieses Ergebnis zum Weiterkommen gereicht. Die mitgereisten Bayern-Fans mussten mit dem Schlimmsten rechnen, hatte sich die Mannschaft in der Bundesliga bei Schwierigkeiten zu Spielbeginn doch mehrfach miserabel präsentiert.
Aber am Ende jubelten die Bayern. Mittelfeldspieler Toni Kroos beschrieb die Wende so: "Wir konnten uns nach einer Viertelstunde überlegen, ob wir 0:5 verlieren oder aufstehen wollen. Wir sind aufgestanden." In der Tat spielten die Bayern nach den beiden Gegentreffern wieder so wie im Hinspiel: hinten gegen die Offensivstars Ronaldo, Karim Benzema und Mesut Özil meist sicher, gleichzeitig mit viel Zug nach vorne.
Neuer: "Ich bin nicht der Matchwinner"
Arjen Robben traf nach einem Foul von Pepe an Mario Gomez per Elfmeter zum 1:2. Danach entwickelte sich wie schon in München ein hochklassiges Spiel mit leichten Vorteilen für die Bayern. Es war ein Beleg dafür, dass die Münchner die individuelle Qualität haben, um dauerhaft zu den absoluten Top-Teams in Europa zu gehören. Dass sie in der Bundesliga dennoch zum zweiten Mal in Folge deutlich hinter Borussia Dortmund landen, gehört zu den Merkwürdigkeiten des Fußballs.
Gestern Abend dachte aber niemand im Bayern-Lager an den BVB. Zu Recht feierten sie ausgiebig den Finaleinzug, den besonders Torwart Manuel Neuer mit zwei Paraden im Elfmeterschießen zu verantworten hatte. Der Torhüter wollte seine Leistung aber nicht überbewerten. "Ich bin nicht der Matchwinner, sondern wir alle. Ich habe nur meinen Teil zum Erfolg beigetragen", sagte der deutsche Nationalspieler.
Fasst man die 210 Minuten des "Giganten-Gipfels" (Heynckes) zusammen, muss man von einem verdienten Sieg der Bayern sprechen - vor allem, weil sie mutiger waren als Real, das am Mittwoch die Angst vor einem zweiten Gegentor hemmte. Und so sprach auch Starcoach José Mourinho, der ansonsten auch dunkle Mächte mal für Niederlagen verantwortlich macht, sehr respektvoll über den Gegner.
"Meine Jungs haben gegen eine großartige Mannschaft fantastisch gespielt. Bayern hat gewonnen, sie waren heute das glücklichere Team, und ich habe gelernt, mich mit meinem Gegner zu freuen", sagte der Portugiese. Anschließend machte er sich sogar auf in die Bayern-Kabine, um den Siegern persönlich zu gratulieren. "Das hat Stil", zeigte sich sein Münchner Kollege Heynckes beeindruckt.
Der FC Bayern fiebert nun dem "Finale dahoam", dem Heim-Endspiel gegen den FC Chelsea aus London entgegen. Die Engländer hatten sich im ersten Halbfinale am Dienstag überraschend 1:0 und 2:2 gegen den FC Barcelona durchgesetzt. Beide Teams werden auf mehrere fürs Endspiel gelb-gesperrte Spieler verzichten müssen. Bei den Bayern trifft es David Alaba, Luiz Gustavo und Holger Badstuber.
Karl-Heinz Rummenigge sagte: "Alles ist im Endspiel drin, aber es wird nicht einfach. Das wird ein schwieriges Spiel und kein Selbstläufer. Wir können das Finale feiern, aber den Sieg darin müssen wir uns noch erarbeiten." Es waren warnende Worte. Aber die Bayern werden sich nicht dagegen wehren können, dass sie nach diesem Abend jetzt in der Favoritenrolle sind.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Sport | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Fußball | RSS |
| alles zum Thema Bayern München | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH