Bayern-Sieg in Turin: So cool, so souverän

Aus Turin berichtet Tom Mustroph

dapd

Es hat etwas gedauert, bis der FC Bayern bei Juventus Turin zu richtiger Form auflief. Doch dann zeigte sich auch in diesem Champions-League-Viertelfinale: Die Münchner haben in dieser Saison das Zeug zum ganz großen Erfolg. Denn auch mental zählen sie mittlerweile zur europäischen Spitze.

Kritiker werfen dem FC Bayern München gern vor, dass er arrogant und überheblich sei. Nach dem beeindruckend gewonnenen Champions-League-Viertelfinale bei Juventus Turin (2:0) hätten die Münchner wirklich mal Grund dazu. Aber viel mehr als das Fazit von Philipp Lahm war an diesem Abend an Eigenlob nicht zu hören: "Man hat heute gesehen: Diese Mannschaft hat Charakter", resümierte der Kapitän. Und damit befand er sich auf einer Linie mit der italienischen Presse: "Bayern ist extrem effizient und körperlich und mental unglaublich stark", urteilte etwa Sky Italia.

Allerdings dauerte es etwas, bis man an diesem Abend in Turin zu solch einer Einschätzung kam. Denn in den ersten 30 Minuten der Partie war der FC Bayern gehörig unter Druck geraten. Die Abwehr wankte, Bastian Schweinsteiger brachte seine Kollegen durch mehrere Abspielfehler in Bedrängnis. Die Curva Sud, gerade noch mit dem Abbrennen ihrer Bengalos beschäftigt gewesen, johlte überrascht auf. Ihr Transparent, das fast über die gesamte Südkurve gespannt war, schien über eine halbe Stunde lang wahr werden zu können: "Gebt nicht auf. Wenn alles zu Ende scheint, kommt der Moment, in dem alles neu beginnt", war da zu lesen.

Hänger nach dem Titel

"Wir haben in der Anfangsphase schlecht gespielt, aber dann sind wir aufgewacht", sagte Lahm nach der Partie. Trainer Jupp Heynckes hielt Motivationsprobleme für die Ursache der Nachlässigkeiten. "Vier Tage nach Gewinn der Meisterschaft war es nicht leicht für die Spieler, sich zu motivieren. Man hat es in den ersten 20 Minuten gesehen, als wir Schwierigkeiten hatten, uns zu befreien", analysierte Heynckes.

Aber schon in dieser Phase war zu erkennen, dass sich Bayern München auf einem anderen Niveau bewegte als der designierte italienische Meister. Zwar drückte Juve, vorangepeitscht von seinen knapp 40.000 Anhängern. Doch der Aufwand verpuffte. Und sogar in diesen Minuten hatte Bayern die besseren Chancen. Zweimal verpasste Mandzukic in aussichtsreicher Position nach Vorarbeit von Arjen Robben. Juves beste Chance dagegen war lediglich ein Freistoß von Andrea Pirlo, den Neuer parierte. "Wir haben intelligent gespielt. Wir sind ruhig geblieben und haben dann das Tor gemacht", sagte Torschütze Mandzukic.

Bei Juventus wurden in der ersten Enttäuschung über die Niederlage strukturelle Mängel als Ursache angegeben. "In der Nationenwertung hat Italien in den vergangenen Jahren nicht umsonst an Boden verloren. Der deutsche Fußball ist uns allein mit seinen Stadien um Lichtjahre voraus", sagte Juve-Manager Beppe Marotta. "Wer das Geld hat, kauft die besten Spieler und gewinnt", stellte Trainer Antonio Conte mit Blick auf Bayerns 40-Millionen-Transfer von Javi Martínez und die eigene Investitionsbrache fest. Conte hält italienische Teams wegen des finanziellen Rückstands in den kommenden Jahren sogar für unfähig, den Champions-League-Titel zu gewinnen.

Conte überspielte mit dieser Pauschalkritik allerdings eigene Fehler. Ihm gelingt es nicht, das Auf und Ab der Formkurven einzelner Spieler durch wechselnde Aufstellungen zu kompensieren und dabei den Spielfluss aufrechtzuerhalten. Seit Wochen schon wirken Andrea Pirlo und der sonst so schnellfüßige Claudio Marchisio ausgelaugt. Doch Conte hält weiter an ihnen fest.

Was soll Guardiola noch verbessern?

Die Probleme und Fehler des Gegners sollen den Triumph der Bayern nicht kleiner erscheinen lassen, haben sie doch mit Juve die "beste Mannschaft Italiens besiegt. Das ist unglaublich", sagte der abermals sehr aktive Arjen Robben. "Jetzt sind wir unter den vier besten Mannschaften Europas."

Robbens Zusammenspiel mit dem ständig rotierenden Franck Ribéry, mit dem wendigen Thomas Müller und Mandzukic war nicht nur der Schlüssel zum Sieg. Das phasenweise bis in den Strafraum vorgetragene Kombinationsspiel des Quartetts ließ schon Fragen danach aufkommen, was um Himmelswillen der kommende Trainer Josep Guardiola noch verbessern will bei dieser Mannschaft.

Aber zunächst steht noch ein Halbfinale an. Über den Wunschgegner dafür herrscht herrliche Uneinigkeit im Bayern-Lager. Während 2:0-Torschütze Claudio Pizarro sich Dortmund wünschte, plädierten Robben und Lahm für einen Gegner aus Spanien.

Auf die Auslosung am Freitag (12 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) haben die Bayern natürlich keinen Einfluss. Danach aber haben sie es in der Hand, das vor drei Jahren verpasste Triple nachzuholen. Die laut Antonio Conte "stärksten Bayern aller Zeiten" sind reif dafür.

Juventus Turin - Bayern München 0:2 (0:0)
0:1 Mandzukic (64.)
0:2 Pizarro (90.+1)
Turin: Buffon - Barzagli, Bonucci, Chiellini - Padoin (69. Isla), Pirlo, Asamoah - Pogba, Marchisio (79. Giaccherini) - Quagliarella (66. Matri), Vucinic
München: Neuer - Lahm, van Buyten (35. Boateng), Dante, Alaba - Martínez, Schweinsteiger - Robben, Thomas Müller, Ribery (80. Luiz Gustavo) - Mandzukic (83. Pizarro)
Schiedsrichter: Carlos Velasco Carballo (Spanien)
Zuschauer: 44.000
Gelbe Karten: Bonucci (2) - Mandzukic (3)

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insgesamt 40 Beiträge
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1. So lange der CL-Titel fehlt...
espressofilm 11.04.2013
...sind es eben nicht die stärksten Bayern aller Zeiten. Die Legende ist und bleibt das 70er-Team. Also, kleine Hypothese: Sollte Bayern dieses Jahr im Finale gegen Barcelona gewinnen - dann und nur dann kann und darf man von den stärksten Bayern aller Zeiten sprechen.
2. Mustroph - Rilke
satanischer_vers 11.04.2013
Ich habe gerade sowohl den Artikel von Herrn Rilke, als auch den von Herrn Mustroph gelesen. Mehrere Fragen stellen sich mir: - Warum hat Herr Rilke nicht auch über das Spiel geschrieben, welches Herr Mustroph anscheinend gesehen hat? - Warum gibt es überhaupt den Artikel von Herrn Rilke? - Oder ist Herr Rilke vielleicht nur der Praktikant, dem auch mal eine Chance gegeben wird? - A propos Chance: Bekommt Herr Gomez nochmal ein?
3.
CSc5911 11.04.2013
Zitat von espressofilm...sind es eben nicht die stärksten Bayern aller Zeiten. Die Legende ist und bleibt das 70er-Team. Also, kleine Hypothese: Sollte Bayern dieses Jahr im Finale gegen Barcelona gewinnen - dann und nur dann kann und darf man von den stärksten Bayern aller Zeiten sprechen.
Ein Hochspringer, der mit 2,30m Olympiasieger wird, vier Jahre später aber mit 2,40m nur dritter, hat trotzdem mit 2,40m die bessere Leistung gebracht.
4. Danke für den Abschuss
Zenturio.Aerobus 11.04.2013
Ich habe gestern Abend festgestellt, dass ich das affige Gestikulieren der Italiener vor der Nase des Gegners und des Schiedsrichters bei jedem Kinkerlitzchen nicht wirklich brauche. Also, danke für den Abschuss, liebe Bayern.
5. Schon lustig
derkaiser66 11.04.2013
Wenn man diesen SPON-Artikel mit dem von gestern Abend vergleicht, dann mag man kaum glauben, dass hier jeweils die gleiche Sportredaktion am Werke war. Gestern noch war vom Zittern der Bayern und besten Chancen der Turiner die Rede. Heute wird der Auftritt der Bayern dagegen genau so beschrieben, wie er wirklich war, nämlich sehr souverän und völlig abgezockt, mit maximal zwei gefährlichen Aktionen der Italiener. Manchem Schreiberling kann man wirklich nur empfehlen, zumindest bei den Bayern-Spielen mal die schwarzgelbe Brille abzunehmen.
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