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Halbfinal-Rückspiel gegen Real: Bayern in der Catenaccio-Falle

Aus München berichten Christoph Leischwitz und Sebastian Winter

Trainer Guardiola: Bayern demütig, Real siegessicher Fotos
DPA

Die Bayern machen sich Mut vor dem Halbfinal-Rückspiel gegen Real Madrid. Für Münchens Trainer Guardiola geht es auch um die spielerische Deutungshoheit in Europa. Die "Königlichen" sind hingegen siegessicher.

SPIEGEL ONLINE Fußball
Carlo Ancelotti kommt im grell orangfarbenen Trikot zur Pressekonferenz. Es ist das erste Statement des italienischen Trainers von Real Madrid vor dem Halbfinal-Rückspiel der Champions League beim FC Bayern, auch wenn er nichts für seine Arbeitsmontur kann. Ancelotti muss ja anschließend noch auf den Rasen der Münchner Arena - das Abschlusstraining beaufsichtigen. Aber diese leuchtende Farbe allein zeigt Aggressivität.

Eine Viertelstunde später, nach der letzten Frage, ist klar, dass dieser selbstbewusste Mann einen gut durchdachten Plan hat gegen die Bayern, die das Hinspiel 0:1 verloren haben. Und er wollte ihn der Öffentlichkeit nicht einmal verschweigen. Dass er bluffte? Kaum vorstellbar. "Wir sind natürlich nicht so blöd, zu denken, dass es das gewesen ist", sagte Ancelotti zunächst und lachte.

Dann erklärte er, wie er sich das Spiel gegen die Bayern am Dienstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: ZDF, Sky) vorstellt: "Ich denke, dass Bayern seiner Philosophie treu bleibt", dass sie also viel Ballbesitz haben, mit einer sehr offensiven Spielweise. Für Real sei eine solche Taktik nicht gut, befand Ancelotti: "Ich muss meine Stürmer zur Geltung bringen, dafür brauchen wir ein schnelles Umschaltspiel und raumgreifende Aktionen." Und zum Schluss: "Für mich ist Catenaccio kein schlechter Begriff." Da lachten viele im Pressesaal, Ancelotti kommt aus dem Land, das die Defensivkunst geprägt hat. Aber es ist genau die Spielweise, die die Bayern fürchten: Dass Real ein Abwehrbollwerk errichtet, aber immer bereit ist für gefährliche Gegenstöße.

Guardiola demütig

Zumal Ancelotti mit Blick auf das Hinspiels sagte: "Wir waren nicht so zufrieden mit der Anfangsphase, waren sehr schüchtern, sehr zurückhaltend. Das würde sehr gefährlich werden morgen, wir wollen deshalb einige Dinge anders machen." Das klang so, als wollte er die Bayern früh überraschen mit einem Tor. Dann müssten die Münchner schon dreimal treffen, um ins Finale einzuziehen.

Als Josep Guardiola am späten Vormittag vor die Mikrofone und Kameras getreten war, schien er im Gegensatz zu Ancelotti zunächst wenig überzeugt. "Wir werden es versuchen", sagte der Bayern-Trainer mit leiser Stimme. Fast so, als ob sein Club sowieso keine Chance hat, den Rückstand aufzuholen. "Eine große Mannschaft, große Spieler, großer Verein. Großer Respekt", schwärmte der Spanier von seinem großen Rivalen Real Madrid.

Doch je länger die Fragerunde dauerte, umso selbstbewusster wurde der 43-Jährige. Seine Statements endeten in einem Plädoyer für mehr Begeisterungsfähigkeit: "Du musst einfach denken: Jeder Schuss aufs Tor muss reingehen, jede Flanke kann uns nach Lissabon bringen."

Seine Spieler vermitteln den Eindruck, gut gelaunt zu sein. Als etwa Linksverteidiger David Alaba gefragt wurde, ob er denn seine Vaterfigur Franck Ribéry nicht auch einmal aufmunternd in den Arm nehmen könne, sozusagen als dessen Sohn, da feixten sie. "Sohn ist Wahnsinn", prustete Alaba.

Catenaccio als Mittel zum Zweck

Die zweite Halbzeit des Bremen-Spiels scheint ihnen gut getan zu haben. Guardiola erneuerte aber seine Kritik an der ersten Halbzeit und sprach von "Beamtenfußball". Im Gegensatz zu Ancelotti sagte Guardiola zur Taktik nur nebulös, darüber schlafen zu wollen und den Spielern eventuell kleinere Änderungen mit auf den Weg zu geben. Doch dann erhob er die Taktikfrage zur Charakterfrage. Er wolle sich nicht verstellen, er könne nichts predigen, woran er nicht selbst glaube. Guardiola glaubt an viel Ballbesitz als Voraussetzung für ein erfolgreiches Spiel. Entscheidend sei gegen Madrid aber sowieso "über Taktik hinaus Charakterstärke, Wille, Drang" zu zeigen. Und Leidenschaft.

Der FC Bayern versucht also, sich Mut zu machen, die Spanier geben sich dagegen betont gelassen. Eines ist dabei klar: Der Champions-League-Knaller könnte nicht nur Bayerns wichtigsten Titeltraum in dieser Saison zerstören - er wird auch zeigen, welcher der Clubs, die unterschiedliche Systeme pflegen, die spielerische Deutungshoheit in Europa hat.

Für Real-Stürmer Gareth Bale ist das keine Frage. Mit verschränkten Armen und breiter Brust saß der Waliser auf dem Podium. "Wir sind sehr selbstbewusst, es gibt keinen Grund, nicht daran zu glauben, dass wir es schaffen", sagte Bale. Dann erzählte er davon, dass Real es natürlich bevorzuge, "zu attackieren, offensiv zu spielen. Wir sind eigentlich ein Team, das nicht hinten drinsteht und wartet". Ancelottis Catenaccio ist also Mittel zum Zweck. Es ist davon auszugehen, dass seine Spieler jede Lücke suchen, die die Bayern ihnen lassen.

FC Bayern München - Real Madrid (20.45 Uhr)
(voraussichtliche Aufstellungen)
München: Neuer - Lahm, Boateng, Dante, Alaba - Schweinsteiger, Kroos - Robben, Müller, Ribéry - Mandzukic
Madrid: Casillas - Carvajal, Pepe, Ramos, Coentrão - Bale, Modric, Xabi Alonso, Di María - Ronaldo - Benzema
Schiedsrichter: Proença (Portugal)

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1.
totalmayhem 28.04.2014
Zitat von sysopDPADie Bayern machen sich Mut vor dem Halbfinal-Rückspiel gegen Real Madrid. Für die Münchens Trainer Guardiola geht es auch um die spielerische Deutungshoheit in Europa. Die "Königlichen" sind hingegen siegessicher. http://www.spiegel.de/sport/fussball/champions-league-fc-bayern-muenchen-mit-mut-gegen-real-madrid-a-966630.html
Brauchen sie doch garnicht. Man hat die Fuehrung aus dem Hinspiel, wozu also offensiv spielen. Ein, zwei schnelle Konter und Bayern kann einpacken. Der hoffnungslos ueberforderte Boateng wird wenig ausrichten gegen CR7 und Benzema, den machte ja sogar schon Coentrão nass in Madrid. Ich denke, dass Bale garnicht erst auflaufen wird, zumindest nicht von Beginn.
2. Real ist an der Reihe
matthäuspassion 28.04.2014
so wollen es die Gesetzte des Fußballs, das CL-Double in Folge wird auch leider dem FCB verwehrt werden. Selbst wenn die 2. HZ gegen Bremen Mut zur Hoffnung gab. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein oder mehrere Innenverteidiger beim FCB durch einen Real-Konter patzen ist höher als die Wahrscheinlichkeit, dass einer bei Real ein Eigentor schießt, um nur 1 Argument zu bringen (es gibt noch andere). Der FCB wirkt dieses Jahr nicht homogen genug, da ist Real eingespielter. Klar, es kann alles passieren, aber gneau wie ich mir sicher war, nachdem letztes Jahr der FCB Barcelona regelrecht weggehauen hat, so bin ich mir heute ziemlich sicher, dass Real morgen Bayern weghaut. Einfach Bauchgefühl und das irrrt wie die Wissenschaft bewiesen hat höchst selten (aber ab und an, wäre schön, so schön …)
3. Sie machen sich Mut
gandhiforever 28.04.2014
Das haben sie auch noetig nach der faslchen Strategie im Hinspiel. Der Mueller appelliert sogar ans Volk, schliesslich seien alle Deutsche. In "Mia san mia" ist das Volk aber nicht einbezogen. Waere des Trainers ENtscheidung, gleich zu Beginn voll auf Angriff aufgegangen, dann saehe es anders aus. Doch statt dessen lief "Mia san mia" in den Konter. Auch wenn der Trainer der Madrilenen das rueckspiel angeblich anders beginnen will, kann Madrid abwarten. Die Bayern muessen das Spiel machen, ein Konter kann dann auch sehr schnell erfolgen. Ich tippe auf Reals Weiterkommen.
4. die bayern
username987 28.04.2014
müssen nur mit der gleichen entschlossenheit auftreten wie im letzten jahr gegen barcelona. charakter, ernsthaftigkeit und intelligenz werden entscheiden. ich tippe ganz klar auf meine bayern.
5. Catenaccio
Hamstedt 28.04.2014
Das System von Guardiola ist so modern, dass es wiederum von einer altmodischen Taktik bezwungen werden kann - Ironie des Schicksals. Bald fangen die in der Liga wieder an mit Libero zu spielen lol
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Jahr Verein
2015 FC Barcelona
2014 Real Madrid
2013 FC Bayern München
2012 FC Chelsea
2011 FC Barcelona
2010 Inter Mailand
2009 FC Barcelona
2008 Manchester United
2007 AC Mailand
2006 FC Barcelona
2005 FC Liverpool
2004 FC Porto
2003 AC Mailand
2002 Real Madrid
2001 FC Bayern München
2000 Real Madrid
1999 Manchester United
1998 Real Madrid
1997 Borussia Dortmund
1996 Juventus Turin
1995 Ajax Amsterdam
1994 AC Mailand
1993 Olympique Marseille
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