Bayern vor dem Aus in der Königsklasse Der spanische Komplex

Jungprofi Joshua Kimmich brachte den FC Bayern in Führung, mehrere Routiniers verspielten sie fahrlässig. Die Niederlage gegen Real Madrid zeigt: Den Münchnern fehlt in großen Spielen die Cleverness.

Bayerns Joshua Kimmich
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Bayerns Joshua Kimmich

Von Christoph Leischwitz, München


Ausgerechnet bei Joshua Kimmich, dem jüngsten Bayern-Spieler in der Startelf, klappte das mit der Cleverness am besten. Als der Nationalspieler die Münchner gegen Real Madrid in Führung brachte und sich die Teamkollegen an seinen Hals warfen, da zeigte er mit dem Finger Richtung Haupttribüne. "Auf einen Kumpel", wie der 23-Jährige später verriet. Mit dem habe er vor dem Spiel darüber gesprochen, dass Madrids Torwart Keylor Navas bei Flanken "ganz gerne spekuliert", also nach vorne läuft und so die kurze Ecke freimacht.

So sah der acht Jahre ältere Navas in jener 28. Minute gar nicht gut aus. Kimmich schoss ins kurze Eck. Die Arena bebte. Und es schien, als könnte es endlich mal wieder mit einem Sieg gegen Real Madrid klappen. Jenen Champions-League-Dauergegner, gegen den der letzte Erfolg auf den Tag genau sechs Jahre zurücklag (und auch der war nur im Elfmeterschießen geglückt).

Das Tor fiel zu dieser Phase wie aus dem Nichts. Bis dahin hatte auch Real Madrid gut, aber nicht clever gespielt. Danach war es umgekehrt: Madrid nutzte seine Chancen und spielte seine Erfahrung aus.

Dabei hatte es zunächst den Anschein, als könnte selbst das Verletzungspech die Bayern nicht stoppen. "Das war ein Kaltstart für mich. Aber wir haben das ja trotzdem gut gemacht", sagte Niklas Süle, der in der 34. Minute für den verletzten Jérôme Boateng in die Partie gekommen war. Zuvor musste schon Arjen Robben das Spielfeld verletzungsbedingt verlassen.

Bayerns linke Seite wird zum Problem

Auch ohne den Niederländer verschafften sich die Bayern viele Torchancen. Süle vertrat Boateng würdevoll, auch wenn er den Weltmeister in Sachen Spieleröffnung nicht vertreten konnte. Die Gastgeber gewannen auch viele Zweikämpfe, obwohl Arturo Vidal fehlte.

Letztlich war es wohl ein Verletzter zu viel, um Real Madrid zu besiegen: Rafinha, der den angeschlagenen David Alaba auf der linken Seite vertrat, leitete das 2:1 für Madrid ein. Mit einem Abspielfehler, der die gesamte Mannschaft schlagartig schlecht aussehen ließ. "Das gehört ja zum Fußball dazu", sagte Torwart Sven Ulreich. Süle nannte die beiden Gegentreffer "Eiertore". Man hatte sie sich selbst ins Nest gelegt.

Vor einem Jahr wäre niemand auf die Idee gekommen, dass die linke Abwehrseite bei den Bayern ein Problem sein könnte. Doch Alaba hat im Laufe der aktuellen Saison selten gut gespielt, er fand wegen vieler Verletzungen kaum zu seinem Rhythmus und somit nicht zu alter Verlässlichkeit. Juan Bernat hatte sich im Viertelfinale beim FC Sevilla einen schweren Fehler erlaubt, der zu einem Gegentor führte.

Nun also Rafinha - es scheint wie verhext zu sein: In den entscheidenden Partien gegen spanische Mannschaften - wie schon in den Jahren 2014, 2015 und 2016 - patzen die erfahrensten Routiniers.

"Wir brauchen auch eine andere Mentalität im Abschluss"

Dabei hätte man vor einem Jahr die Probleme auf der anderen Abwehrseite erwartet. Nach dem Karriereende von Philipp Lahm fragten sich viele: Wie wird Kimmich mit der Rolle des neuen Rechtsverteidigers zurechtkommen? Im Achtelfinale 2016 gegen Juventus Turin hätten seine beiden Fehler beinahe das Ausscheiden bedeutet, Bayern siegte erst in der Verlängerung. Nun, zwei Jahre und 20 Champions-League-Spiele später, wurde sein direkter Gegenspieler, Isco, zur Halbzeit ausgewechselt. Von ihm war außer einem einzigen Torschuss nichts zu sehen gewesen.

Hatte der Titelverteidiger also mal wieder dank seiner Cleverness gewonnen? "Das ist eigentlich sehr selten und auch ungewöhnlich, dass eine Mannschaft wie Real so viel zugelassen hat", sagte Jupp Heynckes nach seinem letzten großen Spiel in der Münchner Arena. Als "Knackpunkt" machte er aber "den unnötigen Gegentreffer" kurz vor der Pause aus, den zu einem guten Teil ein anderer Routinier zu verantworten hatte: Javi Martínez konnte den Ball nicht aus der Gefahrenzone klären.

Mit Blick auf das Rückspiel sagte Thomas Müller: "Wir brauchen auch eine andere Mentalität im Abschluss. Nicht diesen Respekt, der eigentlich gar nicht nötig ist." Solche Aussagen zeigen, dass der spanische Komplex in den Köpfen der Bayern-Spieler schon recht weit fortgeschritten ist.

Lediglich Kimmich hatte das gemacht, was in so einem Fall wohl wirklich hilft: Er hatte den Rat eines Kumpels befolgt.



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ramug 26.04.2018
1. Die Quittung nach Hannover
Bayern verlor.Real war einfach smarter.Die wissen wenn es darauf ankommt dann packen sie diese Cleverness aus die wirklich große Mannschaften ausmachen. Und die Bayern? Die jammern.Mal wieder.Und glauben auch noch, sie waren die bessere Mannschaft! Nur schiessen sie halt keine Tore. Große Sprüche klopfen wie die von Uli Hoeneß zuletzt in Hannover schießt keine Tore.Eher Eigentore.Damit verspielt er mal wieder Sympathien. Schade ist es trotzdem.Zu gern hätte ich Klopp gegen Heynckes gesehen.
dolby18 26.04.2018
2. .. Cleverness
.. da fehlt auch die Klasse für höchste Ansprüche. Lewandowski sollte lieber nicht nach Madrid wechseln wollen, da sitzt er dann auf der Bank. Ronaldo war zwar schwach, hat aber in anderen Spielen seine Klasse bewiesen. Leandowski trifft in der Bundesliga, ab in der CL? Ich finde Robben klasse, aber seine Zeit ist vorbei. Lieber den Umbruch jetzt durchführen. Genauso bei Ribery - er war gut, die Chancen hat er aber auch verstolpert. Er sollte aufhören, dann behält man ihn in bester Erinnerung. An einem Sahnetag kann Bayern das Halbfinale noch gewinnen, viel Glück..
StefanKomarek 26.04.2018
3. Glück gehabt
Vor dem Spiel erschien im Spiegel ein Artikel, in dem stand, dass ein Ausscheiden gegen Real das beste sei, was den Bayern passieren könnte, denn ein Weiterkommen würde das eigentlich nötige Umdenken verzögern. So gesehen haben die Bayern richtig Glück gehabt. Jetzt haben sie die Gelgenheit zum Umdenken, das Double machen sie sowieso en passant. Last but not least, der neue Trainer Kovac muss nicht mit der Bürde starten, dass sein Vorgänger mit dem Triple gegangen ist.
Nonvaio01 26.04.2018
4. Clevernes?
Der FCB haette zur halbzeit 3-0 fuehren muessen, wenn man die nicht reinmacht wird man bestraft. Das problem ist die super schlechte BL, da gewinnt man locker mit 20 punkten vorsprung, und kommt mit fehlern durch ohne bestraft zu werden, im CL halbfinale eben nicht. Achja, und Hummels braucht dingend eine denkpause, seine arrogante spielweise hat den FCB nun schon ein paar mal in schwierigkeiten gebracht.
makes2068 26.04.2018
5. Verdient verloren...
... leider gibt das bei Bayern niemand zu, und das macht sie für so unsympatisch. Volle Zustimmung meinem Vorredner. Bayern war nicht besser, sorry. Sonst hätten sie ja gewonnen ;-)
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