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Bayern-Niederlage: Die Außerirdischen sind gelandet

Von Sebastian Winter

Erstmals unter Josep Guardiola hat Bayern München ein Heimspiel verloren. Die Schlappe gegen Manchester City hat zwar keine Folgen für den Gruppensieg in der Champions League, den sieggewohnten Münchnern tat sie dennoch weh - weil alte Schwächen auftraten.

Das Münchner Fußballstadion am Autobahnkreuz im Stadtteil Fröttmaning wird immer wieder mal verspottet. Seine leuchtende Hülle im Nirgendwo am Rande der Stadt animiert auch dazu: Mal war es ein Schlauchboot, mal die Arroganz-Arena. Manche fanden, da sei gerade ein Ufo gelandet. Dessen Passagiere spielten zuletzt teilweise Fußball, als wären sie tatsächlich nicht von dieser Welt.

Insofern passten die Worte ganz gut, die Nationalspieler Thomas Müller für die 2:3-Niederlage des FC Bayern im letzten Champions-League-Gruppenspiel gegen Manchester City fand: "Es sind so ein bisschen die Menschen in uns durchgekommen." Offenbar hatten sie sich selbst schon als Wesen vom anderen Stern gesehen.

Müller sprach für seine Verhältnisse ungewohnt leise, seine Lippen waren schmal: Als konnte der Torschütze des 1:0 es noch nicht so recht fassen, dass die Bayern nach ihrer 2:0-Führung das Spiel noch aus der Hand gegeben hatten. Dass ihre Serie von zehn Siegen in der Champions League damit beendet war. Und dass der Triple-Gewinner gerade sein erstes Heimspiel unter Josep Guardiola verloren hatte.

Allgemeine Ratlosigkeit als Reaktion bei den Bayern

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Champions League: Stark angefangen, stark nachgelassen
Ein paar Meter weiter links musste Mario Götze, der Torschütze zum 2:0, folgende Frage beantworten: "Wie kann man so ein Spiel aus der Hand geben?" "Gute Frage", sagte Götze, "ich kann mir das selbst nicht erklären". Auch Franck Ribéry war ratlos: "Keine Ahnung, was passiert ist." So ist das also, wenn man urplötzlich aus dem Siegesmodus gerissen wird.

Den Münchnern ist nichts passiert durch die Niederlage, sie haben sich trotzdem als Gruppenerster für das Achtelfinale der Champions League qualifiziert. Doch die Art und Weise, wie ihre Niederlage zustande kam, wird sie noch eine Weile beschäftigen, vor allem ihren Trainer.

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Bayern in der Einzelkritik: Gefahrenquelle Boateng, Wirbelwind Ribéry
Es war eine Mischung aus Überheblichkeit und Leichtfertigkeit, gepaart mit unglücklichen taktischen Umstellungen und einem Abwehrverbund, dessen schon überwunden geglaubte Anfälligkeit im Spiel gegen Manchester City fast schmerzhaft offenbar wurde. "Wir müssen wieder ein Stück weit Siegeswillen in die Köpfe brennen, auch wenn es verständlich ist, dass man nach so vielen Spielen vielleicht auch leichtfertig agiert", sagte Müller.

Der Satz erzählt viel über eine Mannschaft, die vor lauter Erfolgen und Rekorden an diesem Dienstagabend das Wesentliche aus den Augen verloren hat: Die richtige Balance zu finden zwischen Angriffswirbel und Sicherheitsdenken. In den ersten 25 Minuten spielten die Bayern furios, sie ließen Manchester City wie Anfänger aussehen bei ihrem schnellen Kombinationsspiel. So gingen sie 2:0 in Führung.

Ribéry wollte es allein mit allen aufnehmen

Doch irgendwann wollte ihr Fixpunkt Franck Ribéry es alleine mit der gesamten City-Hintermannschaft aufnehmen, er verhedderte sich immer öfter in deren Abwehrnetz. Wie Ribéry ging es den meisten Bayern-Spielern, sie verloren oft den Ball und die Dominanz im Spiel. "Wenn wir das Tempo etwas zurückschrauben, müssen wir schauen, dass wir trotzdem viel Ballbesitz haben, konsequent in den Zweikämpfen sind", sagte Toni Kroos. Genau das aber glückte den Bayern nicht.

Es gesellte sich ein zweiter Aspekt hinzu, der die Bayern instabiler werden ließ: Guardiola wechselte in der 55. Spielminute Javi Martínez für Mario Götze ein, wie fast immer änderten sich durch diese Maßnahme die Positionen. Martínez spielte auf der Sechs und verdrängte den bis dahin starken Thiago ins Offensivzentrum.

Bislang fruchteten Guardiolas ständige Rotationen fast immer, sie verwirrten die Gegner. Doch dieses Mal brachte der Wechsel Unruhe bei den Bayern. Thiago tauchte auf seiner neuen Position weitgehend unter, Martínez wirkte bei den schnellen City-Angriffen zunächst überfordert. Wie der komplette Abwehrverbund, aus dem die Innenverteidiger Jérôme Boateng und Dante negativ herausragten. Immerhin haben sie das vierte Tor nicht erlitten, "das wäre für uns heute richtig ärgerlich gewesen", sagte Torwart Manuel Neuer. Dann wären die Bayern nur als Gruppenzweiter ins Achtelfinale gekommen.

Was im übrigen auch daran lag, dass City-Coach Manuel Pellegrini nach eigenem Bekunden nicht wusste, dass ein weiteres Tor für City zum Gruppensieg gereicht hätte. So wechselte er kurz vor Schluss einen Defensivmann ein, statt mit einem weiteren Stürmer das vierte Tor eventuell noch zu erzwingen. So blieb das den Bayern erspart.

Trotzdem: Ihren Status der Unantastbarkeit haben sie nun verloren, die Übermannschaft ist wieder geerdet, ein wenig zumindest. Fast trotzig entgegnete Offensivmann Kroos, um auch den letzten Zweifel auszuräumen: "Uns braucht niemand auf den Boden zurückholen, das ist Quatsch. Wir wissen, wo wir herkommen."

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