Champions-League-Halbfinalist Chelsea: Die alten Männer und das Mehr

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Für die Ü30-Truppe des FC Chelsea ist es die letzte große Chance: Im Halbfinalrückspiel beim FC Barcelona steht die Zukunft des englischen Spitzenclubs auf dem Spiel. Bei einem Scheitern fällt die einst große Mannschaft wohl auseinander.

Champions League: Chelseas letzte Chance Fotos
DPA

Eigentlich ist das Unternehmen aussichtslos. Der FC Chelsea hat zwar das Hinspiel gewonnen und ohne Gegentor überstanden, der Gegner FC Barcelona die imageträchtige Generalprobe gegen Real Madrid verloren. Trotzdem sind es fast nur die eingefleischten Barcelona-Hasser, die den Engländern vor dem Halbfinal-Rückspiel in der Champions League (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wirklich das Weiterkommen zutrauen. Der FC Chelsea 2012, Sechster der Premier League, schaltet den Titelverteidiger und Messi-Club Barcelona aus - das scheint immer noch wenig vorstellbar.

Möglicherweise wird es genau deswegen passieren.

Bei Chelsea stehen der 34-jährige Torjäger Didier Drogba, der 31-jährige Abwehrrecke John Terry, der 33-jährige Mittelfeldspieler Frank Lampard und der 31-jährige Verteidiger Ashley Cole im Kader. Alle vier zählen am Abend in Barcelona wohl zur Startelf, alle sind auch nach Jahren noch Leistungsträger. Terry gehört seit 1998 zum Personal der Londoner, Lampard seit 2001, Drogba seit 2004, genauso lange wie Torwart Petr Cech, der in diesem Jahr 30 Jahre alt wird, und Cole ist seit 2006 im Verein. Man tut dem FC Chelsea kein Unrecht, wenn man ihn als Altmännertruppe bezeichnet.

Die wahrscheinlich letzte ganz große Show

Das Halbfinale gegen Barcelona ist so etwas wie die wahrscheinlich letzte ganz große Show auf internationaler Bühne, die dieses Ensemble in dieser Zusammensetzung bieten darf. Im kommenden Jahr droht eine Saison ohne Europapokal. Außenverteidiger Cole soll vor einem Wechsel zu Paris St. Germain stehen. Drogba wird mit dem russischen Erstligisten Anschi Machatschkala in Verbindung gebracht. Vielleicht wechselt er auch nach China. Auch Lampards Zeit läuft langsam ab.

Es wäre eine hübsche Ironie des Fußballs, wenn ausgerechnet Paris St. Germain und Machatschkala dem FC Chelsea die Spieler wegkaufen würde. Die beiden Clubs vereint heute exakt das Image des Neureichen, das Chelsea dank der Investitionen des russischen Clubchefs Roman Abramowitsch über Jahre gepflegt hat. In Paris fließt heute Scheich-Geld aus Katar, Machatschkala ist der neue milliardenschwere Marktführer in Russland. Das Geld frisst seine Kinder.

Das Hinspiel an der Stamford Bridge in der Vorwoche war noch einmal ein Déjà-vu der großen Chelsea-Zeit. Da war Leidenschaft, da war Einsatz, da wurde jeder Trick eingesetzt: Die Statistiker haben errechnet, dass Drogba von den 90 Spielminuten insgesamt drei Minuten und 18 Sekunden lang auf dem Rasen liegend verbracht hat. Manchester Uniteds Stürmerstar Wayne Rooney twitterte noch während des Spiels entnervt: "Drogba, you are a good player, but please get up." Kurz vor der Pause bewegte sich der Ivorer dann tatsächlich einmal im aufrechten Zustand und erzielte das Tor des Abends.

Unter Di Matteo spielt Chelsea zumindest wieder mit Leidenschaft

Unter Coach Roberto Di Matteo, der für den glücklosen André Villas-Boas im März das Traineramt übernommen hatte, machen die Spieler zumindest das, was humorlose Fußballvertreter wie Terry am besten können: Sie hängen sich in die Partien hinein. Gegen Barcelona war das englischer Fußball wie im Klischee: die Grätsche als Basis-Handwerkszeug, gemischt mit Kick and Rush. Mit Fußball der Moderne hatte das alles nichts zu tun, aber Moderne interessiert Drogba, Terry, Lampard und Cole auch nicht. Sie wollen endlich ihren internationalen Titel, dem sie seit mehr als einem Jahrzehnt hinterher laufen.

Chelsea ist in den vergangenen zehn Jahren dreimal englischer Meister gewesen, zuletzt erst vor zwei Jahren. Dennoch hängt dem Club der Ruf des Unvollendeten an. In der Champions League hat es das Team Jahr für Jahr probiert. Einmal hat man es ins Endspiel geschafft: 2008 in Moskau. Für jeden Chelsea-Fan ist dieses Spiel bis heute ein traumatisches Erlebnis, als im Elfmeterschießen in Führung liegend der schon sicher geglaubte Triumph über Manchester United doch noch verspielt wurde. Der folgenschwere Ausrutscher von Terry am Strafstoßpunkt war im Nachhinein ein Wendepunkt für den Verein. Die Magie, die von dem Fußballkrösus Chelsea ausging, ist seitdem verschwunden.

An diesem Dienstagabend könnte es im Stadion Camp Nou eine Abschiedsvorstellung werden. In dem Team ist zwar immer noch viel fußballerisches Potential. Der Spanier Juan Mata, der brasilianische Verteidiger David Luiz und der Engländer Daniel Sturridge verkörpern das andere, jüngere Chelsea. Aber sie sind zu wenige. Und aus dem Nachwuchs kommt zu wenig nach oder ist im Vorjahr ohne nachhaltigen Erfolg mit Sportdirektor Frank Arnesen zum Hamburger SV gewechselt.

Camp Nou sieht an diesem Dienstag die Abenddämmerung einer großen Mannschaft. Vielleicht ist damit aber auch der FC Barcelona gemeint.

Voraussichtliche Aufstellungen:
Barcelona:
Víctor Valdés - Dani Alves, Piqué, Puyol, Adriano - Busquets, Xavi, Iniesta - Sánchez, Messi, Fàbregas
Chelsea: Cech - Ivanovic, Cahill, Terry, Cole - Mikel, Raul Meireles - Ramires, Lampard, Mata - Drogba

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insgesamt 18 Beiträge
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1. erkenntnisreich
Fenrax 24.04.2012
Zitat von sysopIm Halbfinalrückspiel beim FC Barcelona steht die Zukunft des englischen Spitzenclubs auf dem Spiel. . . . Die Zukunft des FC Chelsea entscheidet sich nicht an diesem Dienstagabend im Stadion Camp Nou. [/url]
Der Autor sollte Stephen Hawking über dieses Phänomen in Kenntnis setzen, der ist Experte auf dem Gebiet der Zeitparadoxa.
2.
caone 24.04.2012
Diesen Abschlusssatz hätte man sich auch sparen können. Aber ich kann schon jetzt sehen, dass sich die Medien im (unwahrscheinlichen) Falle eines Ausscheidens Barcelonas vor Freude in die Hände klatschen werden und das Ende Barcelonas heraufbeschwören. Im Umkehrfall stimmt die Sache jedoch. Das Team von Chelsea wird auseinander brechen (müssen) und neu aufgebaut werden müssen. Ob erfolgreich bleibt abzuwarten, da hier die Jugendarbeit vernachlässigt wurde. Dies ist aber bei Barcelona definitiv nicht der Fall.
3.
Solschenizyn 24.04.2012
Chelsea war nie eine große Mannschaft. Eine sehr gute okay, aber eine große nie. Die gab´s mal in Liverpool, Gladbach, München, Mailand... und in Madrid. Aktuell gibt es eine große und das ist Barca. Warum ist man eigentlich immer so vorsichtig damit, wenn es um Drogba geht? Der Mann ist ein Schauspieler und eine Schande für den Fußball. Wer nur etwas Mut hat, der schreibt das auch: http://ziegenhodensuppe.wordpress.com/2012/04/24/champions-league-halbfinale-die-ruckspiele/
4. Alt?
ödi 24.04.2012
Alt? FC Barcelona: Victor Valdéz, 30 Jahre Carles Puyol, 34 Jahre Xavi Hernandez, 32 Jahre David Villa, 30 Jahre Seydou Keita, 32 Jahre Eric Abidal, 32 Jahre Sooo jung sind die also auch nicht.
5. Fast wie gegen Inter vor zwei Jahren
Parthenon 24.04.2012
In gewisser Weise erinnert mich das heutige Spiel an die Halbfinal-Partie Barca-Inter vor zwei Jahren: - Barca hatte das Hinspiel verloren und musste im Rückspiel alles geben (schoss dann aber nur einen, statt der benötigten zwei Treffer). - Das Durchschnittsalter von Inter damals dürfte mit dem von Chelsea heute vergleichbar sein (rein vom Gefühl, ohne es jetzt nachgerechnet zu haben). Das damalige Inter unter Mourinho ist nach meiner Einschätzung aber stärker als das heutige Chelsea gewesen und man darf auch nicht vergessen, dass Barca im San Siro eine 3:1-Klatsche im Hinspiel erlitten hatte, während es in der Stamford Bridge nur mit einem 1:0 verlor. Schießt Barca ein Tor, ist wieder alles offen; ich denke die Engländer würden in so einem Fall weiter "mauern", riskieren dann aber ein Elfmeterschießen - spielen sie hingegen dann offensiver, werden Räume frei und Barca könnte erneut zuschlagen. Ich hoffe auf ein Weiterkommen von Barcelona, gleichzeitig ist für mich Roberto di Matteo - neben Apoel Nikosia - aber die Überraschung der aktuellen Champions-League-Saison. Keine Ahnung, warum es mit Villas-Boas nicht funktioniert hat, möglicherweise war er aber für dieses "Alte-Männer-Starensemble" als Trainer einfach zu jung, sodass sie ihn nicht als Autorität angesehen haben...
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Chelsea vs. Barcelona: Drogba trifft, Sanchez scheitert
Sieger Uefa Champions League
Jahr Verein
2014 Real Madrid
2013 FC Bayern München
2012 FC Chelsea
2011 FC Barcelona
2010 Inter Mailand
2009 FC Barcelona
2008 Manchester United
2007 AC Mailand
2006 FC Barcelona
2005 FC Liverpool
2004 FC Porto
2003 AC Mailand
2002 Real Madrid
2001 FC Bayern München
2000 Real Madrid
1999 Manchester United
1998 Real Madrid
1997 Borussia Dortmund
1996 Juventus Turin
1995 Ajax Amsterdam
1994 AC Mailand
1993 Olympique Marseille

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