Liverpool-Gala gegen Manchester City This is Anfield

30 Minuten wie im Rausch: Der FC Liverpool hat eine dieser berühmten magischen Europapokal-Nächte gegen Manchester City erlebt. Nun hofft der Klub aufs Halbfinale, Trainer Klopp bleibt aber ruhig.

Alex Oxlade-Chamberlain
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Alex Oxlade-Chamberlain

Aus Liverpool berichtet


Als der Ball zum dritten Mal im Tor lag, zeigte Jürgen Klopp keine Freude. Er hatte die Hände in den Taschen seiner schwarzen Trainingshose vergraben und den Blick nach unten gerichtet. Anstatt die Seitenlinie entlangzusprinten, wie man es von ihm kennt, drehte er sich vom Spielfeld weg, in Richtung Trainerbank. Klopp bewahrte die Ruhe, während um ihn herum ein ganzes Stadion tobte.

Die Zuschauer an der Anfield Road brüllten, dass sie vermutlich bis an die Ufer des River Mersey in der Innenstadt zu hören waren. Sie warfen die Hände in die Luft und schwangen ihre rotweißen Ringelschals. Überall auf den Tribünen purzelten die Menschen übereinander. Es bot sich ein Bild der Ekstase.

3:0 führte Liverpool nach 31 Minuten im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League gegen Manchester City, die überragende Mannschaft in England in dieser Saison. Das Ergebnis war auch der Endstand. Mit diesem Spiel hat sich Klopps Mannschaft nicht nur eine vorzügliche Ausgangsposition für das Rückspiel kommende Woche Dienstag in Manchester (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) erarbeitet, sondern - und das ist vielen Fans vermutlich noch wichtiger - bewiesen, was den Verein im Kern ausmacht.

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Klopps Sieg gegen Guardiola: 20 Minuten Heavy Metal

Der FC Liverpool ist der erfolgreichste englische Vertreter im internationalen Wettbewerb. Das gilt bis heute, auch wenn der letzte Titel in der Königsklasse 13 Jahre zurückliegt. Fünf Siege im Europapokal der Landesmeister und der Champions League sowie drei Titel im Uefa-Cup sind der Top-Wert in England. Die Erfolge auf kontinentaler Bühne machen den Klub aus, die großen Nächte im Europapokal haben seinen Mythos geprägt. Gegen City kam eine weitere dieser magischen Nächte dazu.

Die Nacht begann schon früh. Mehr als eine Stunde vor Anpfiff wurde der Reisegruppe aus Manchester um Trainer Josep Guardiola klar, was sie an der Anfield Road erwarten würde. Der Mannschaftsbus musste sich auf dem Weg zum Stadion durch Tausende Liverpool-Fans schieben. Viele von ihnen hatten Zäune, Ampeln und Laternenmasten bestiegen. Bengalische Fackeln brannten, Flaschen und Dosen flogen, der Bus wurde beschädigt. Das war die weniger schöne, die grimmige Seite dieser emotionalen Veranstaltung.

Während des Spiels machte das Publikum so viel Lärm wie nur bei besonderen Anlässen. Manchester City wurde an die Wand gedrückt von der tosenden Stimmung und von einer Mannschaft, die in der ersten Hälfte wie im Rausch spielte und sogar noch mehr Tore hätte schießen können als die Treffer von Top-Torjäger Mohamed Salah, Alex Oxlade-Chamberlain und Sadio Mané.

Klopp freut sich beim 2:0, Liverpools Fans auch
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Klopp freut sich beim 2:0, Liverpools Fans auch

Wie schon beim 3:4 an der Anfield Road im Januar, der bislang einzigen City-Niederlage in der Premier League in dieser Saison, kam das Team nicht zurecht mit der Wucht, die der FC Liverpool entfalten kann. Wie schon im Januar knickte die Starauswahl aus Manchester ein gegen den alten Adel des internationalen Fußballs.

Es war schon erstaunlich, wie ruhig der sonst so leicht entflammbare Klopp in dieser tosenden Nacht blieb. "Eine 3:0-Führung ist besser als ein 0:3-Rückstand. Aber es ist noch nichts entschieden. Es ist erst Halbzeit", sagte er, als er nach der Partie zu Liverpools Aussichten auf das Vorrücken ins Halbfinale befragt wurde. Man hätte ihn ausgelassener erwartet. Doch seine Vorsicht ist angebracht.

Im September besiegte City den FC Liverpool 5:0

Sein Team - vor allem die Defensive - hat sich in dieser Saison schon einige bemerkenswerte Zusammenbrüche geleistet. Und dass Manchester City zu deutlichen Siegen imstande ist, hat die Mannschaft in der jüngeren Geschichte hinreichend bewiesen. Unter anderem beim 5:0-Erfolg gegen Liverpool im September.

Nach den Eindrücken aus der Partie an der Anfield Road kann Klopps Mannschaft die nur rund 55 Kilometer lange Reise zum Rückspiel allerdings zuversichtlich antreten. Nicht nur, dass ihr vorne drei Treffer gelungen waren, auch die Defensive überzeugte: City brachte in 90 Minuten keinen einzigen Schuss auf Liverpools Tor. Das war sogar für Klopp schwer zu begreifen. "Ich habe keine Ahnung, wie wir das gemacht haben", sagte er.

Das Rückspiel könnte für beide Mannschaften zur schwersten Aufgabe der Saison werden. Manchester City muss deutlich siegen, mit mindestens drei Toren Vorsprung. Und Liverpools Defensive muss zeigen, dass sie dem Dauerdruck der besten Mannschaft der Premier League standhalten kann.

Als Belohnung würde für Klopps Klub die erste Teilnahme am Halbfinale der Champions League seit zehn Jahren warten. Als Belohnung warten weitere große Nächte im Europapokal.



insgesamt 16 Beiträge
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schorri 05.04.2018
1. Gala? Halb-Gala!
Ja, in der ersten Halbzeit zeigte Liverpool eine Gala-Vorstellung. Und ja, Jürgen Klopp war am Ende zurecht stolz auf seine Mannschaft. Richtig ist aber auch: Korrekt kann man nur von einer "Halb-Gala" sprechen. Die zweite Halbzeit war nämlich biederste Fußballkost. Bei der die eine Mannschaft (Liverpool) mauerte, als hätte Koop den Catenaccio erfunden, und die andere Mannschaft (Man City) kopflos und ideenlos immer wieder auf die selbe Art gegen das Bollwerk anrannte. Schön war's trotzdem, zu sehen, dass Geld nicht immer siegt (leider im Gegensatz zu Barcelona und Real Madrid).
Psychotic 05.04.2018
2.
Pep hat all seine CL-Titel unter Tito Vilanova gewonnen, er war das Herz und Hirn von der Mannschaft Guardiola hat das mit den Medien gemacht, für mehr hat es nie gereicht.
doppelnass 05.04.2018
3. Na ja
Zu einer Gala gehören immer zwei. City war gestern einfach nur ideenlos und schwach. Klopp geht mit seinem Matchplan hohes Risiko. Liverpool war in Hälfte zwei total platt. Ein guter Gegner hätte das gnadenlos ausgenutzt. Zumal das erste Tor eine unglückliche Verkettung war. Das Pep da nichts einfiel, war Klopps Glück. Seit Heynckes weiss man, dass man Klopp Truppen sich erst einmal austoben lassen muss. So wie im CL Finale. Wenn sie in der Phase keine Tore machen und sich verausgaben, ist das die halbe Miete.
lordofaiur 05.04.2018
4. Na sowas
Zitat von PsychoticPep hat all seine CL-Titel unter Tito Vilanova gewonnen, er war das Herz und Hirn von der Mannschaft Guardiola hat das mit den Medien gemacht, für mehr hat es nie gereicht.
Ach komm, lassen Sie den Pep-Hasser in sich. Tito Vilanova hatte den FCB nach der Guardiola-Ära unter seiner Verantwortung und? Er hat rein gar nichts gewonnen, nicht mal eine Meisterschaft. Für mich ist Guardiola nach wie vor der beste Trainer der Welt. Liverpool hatte schlicht einen guten Tag erwischt, mal sehen wie das Rückspiel ausgeht. Noch ist nichts verloren. Für den FC Bayern wäre Liverpool im HF (sollte es so kommen) sogar ein Glückslos. Liverpool spielt manchmal hui, allerdings dann auch pfui. Da fehlt die Konstanz.
hileute 05.04.2018
5. Mit midestens 4 toren Vorsprung,
3 Tore würden Manchester City höchstens zur Verlängerung reichen
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