Finalverlierer Dortmund: Trauern zwischen Dinos

Aus London berichtet Daniel Theweleit

Trauer statt Jubel, Tränen statt Freude: Borussia Dortmunds Feier nach dem verlorenen Champions-League-Finale fand in gedrückter Stimmung im Natural History Museum statt. Dabei macht die Leistung des Teams Mut für die Zukunft - und den Club zu einem großen in Europa.

Der BVB nach dem Finale: Frustbewältigung im Naturhistorischen Museum Fotos
Getty Images

Die Nacht haben sie zwischen Dinosaurierskeletten verbracht, was natürlich kein Hinweis darauf sein sollte, dass die größte Zeit dieser Dortmunder Fußballmannschaft nach dem verlorenen Champions-League-Finale langsam zu Ende gehen könnte. Eher sollte der exklusive Ort der schwarz-gelben Party andeuten, dass der BVB wieder zu den Giganten des europäischen Fußballs gehört. Dass sie sich unter die Dinosaurier begeben haben. Und das ist ihnen gelungen, ein beeindruckenderes Ambiente hätten auch Real Madrid, der FC Barcelona oder Manchester United für ein solches Fest nicht finden können.

Die Dortmunder hatten das ehrwürdige Natural History Museum gemietet und zu einer imposanten Party-Location umfunktioniert. Golden gerahmte Bilder von den größten Momenten der Vereinsgeschichte hingen nun neben riesenhaften Dinosaurierskeletten, und auf der Bühne sang Helene Fischer. Von außen wurde das Gebäude mit einem gelb-schwarzen Lichtspektakel animiert, während auf den Treppen vor dem Hauptportal Palastwachen in den Vereinsfarben posierten.

Eigentlich war hier eine Bühne für eine rauschende Siegesfeier geplant gewesen, aber als die Mannschaft gegen zwei Uhr nachts auftauchte, wirkte das Lächeln der geschlagenen Helden eher gequält. Der Pokal fehlte. Sebastian Kehl behauptete zwar tapfer, die Enttäuschung nach dem 1:2 gegen Bayern München sei "relativ schnell gewichen, jetzt ist der Stolz vorrangig", er glaube, dass es "heute keinen Verlierer gibt", so der Kapitän. Aber die Gesichter jüngerer Spieler wie Ilkay Gündogan, Marco Reus oder Lukasz Piszczek erzählten eine andere Geschichte. Viele von ihnen hatten vorher auf dem Rasen geweint, Neven Subotic hatte der gesamten Siegerehrung den Rücken zugekehrt, er konnte die Bilder der jubelnden Bayern nicht ertragen. "Man weiß ja nicht, ob so eine Chance noch einmal wiederkommt", sagte Roman Weidenfeller.

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Dortmund-Einzelkritik: Weidenfeller Weltklasse, Gündogan eiskalt
Nun schlichen sie also mit ihren Freundinnen zwischen den prähistorischen Gerippen umher, und versuchten sich vom großen Traum zu verabschieden. Das war nicht einfach, denn eigentlich waren sie ja "nicht schlechter gewesen", haderte Mats Hummels. "Ganz kleine Unterschiede" hätten den Ausschlag für die Bayern gegeben, fand Sportdirektor Michael Zorc.

Der wohl entscheidende Unterschied war, dass Arjen Robben, Franck Ribéry und Thomas Müller ihre individuelle Klasse so zur Geltung brachten, dass die Bayern kontinuierlich Chancen hatten, während Robert Lewandowski, Marco Reus und Jakub Blaszczykowski mehr und mehr abbauten (alle Höhepunkte des Spiels hier im Minutenprotokoll). Deshalb ist der Sieg nicht unverdient, das haben die Dortmunder tapfer eingesehen. Was ihnen fehlte, war ein guter Angreifer auf der Bank, das war an diesem Abend nicht zum ersten Mal zu sehen. "Wir werden im Sommer auf jeden Fall einkaufen gehen", kündigte Trainer Jürgen Klopp an.

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Ganz ähnlich klang auch Hans-Joachim Watzke, als er versuchte, die Stimmung im Schatten der Dinos aufzuhellen. "Wir werden nächstes Jahr wieder eine Mannschaft präsentieren, die mindestens ebenso gut ist", rief der Geschäftsführer den Gästen zu, das war eine gewagte Behauptung. Aber irgendetwas musste man ja tun gegen die gedämpfte Stimmung.

Sie werden sich irgendwie neu erfinden müssen. Ihren Status der jungen, frischen, unverbrauchten Abenteurer, die erst das Establishment des nationalen und dann die Giganten der Champions League aufgemischt haben, ist der Club jedenfalls endgültig los. Sie gehören nun selbst zu den ganz Großen, vielleicht war auch dieses Gefühl vom Ende einer Ära Teil der Traurigkeit, die den BVB in dieser Nacht umgab.

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Champions-League-Finale: Bayern jubelt, Dortmund trauert
In jedem Fall wird es spannend, wie der Verein mit seiner neuen Rolle klarkommt. Auch international wird dem BVB kaum noch jemand abnehmen, dass hier ein kleines westfälisches Dorf mit viel Liebe, Leidenschaft und Ideenreichtum erfolgreich gegen die unfaire Übermacht aus den europäischen Metropolen behauptet. Borussia Dortmund ist in dieser Champions-League-Saison erwachsen geworden. Ob das ein Grund zur Freude ist, wird aber erst die Zukunft zeigen.

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1. Wo das Herz des deutschen Fußballs schlägt
eifelwissen 26.05.2013
nicht traurig sein, auch die Westfalen müssen anerkennen, daß Bayern keineswegs ein unwürdiger Sieger ist. Dortmund so wie Bayern, diese aber eben mit einem Schuß mehr Klasse, haben Spitzenfußball gezeigt und dem deutschen Fußball, der Bundesliga zu einem neuen Ruhm in der Welt verholfen. Bemerkenswert, wie viele BL- Vereine in NRW zuhause sind. Mit Dortmund, Schalke, Bochum, Duisburg und einigen mehr schlägt das Fußballherz im Pott ! Gestern war aber auch ein guter Tag der Deutsch-Britischen Freundschaft! Die Brits waren gute und faire Gastgeber, nicht vergessen. Glück Auf !
2. Wo das Herz des deutschen Fußballs schlägt
eifelwissen 26.05.2013
nicht traurig sein, auch die Westfalen müssen anerkennen, daß Bayern keineswegs ein unwürdiger Sieger ist. Dortmund so wie Bayern, diese aber eben mit einem Schuß mehr Klasse, haben Spitzenfußball gezeigt und dem deutschen Fußball, der Bundesliga zu einem neuen Ruhm in der Welt verholfen. Bemerkenswert, wie viele BL- Vereine in NRW zuhause sind. Mit Dortmund, Schalke, Bochum, Duisburg und einigen mehr schlägt das Fußballherz im Pott ! Gestern war aber auch ein guter Tag der Deutsch-Britischen Freundschaft! Die Brits waren gute und faire Gastgeber, nicht vergessen. Glück Auf !
3. Wenn
wonder2009 26.05.2013
derartig gleichrangige Mannschaften aufeinandertreffen ,machen oft Einzelleistungen den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage. Diesmal war es Robben ,letztes Mal Drogbar. Vielleicht wäre es mit Götze anders gelaufen. Die Zukunft wird zeigen ,ob der BVB das Leistungsniveau ohne Götze und Lewandiwski halten kann. Die Vorstellung gestern gibt Anlass zu Optimismus.
4. Kein Grund zum Jammern
bubamara80 26.05.2013
Die beiden deutschen Clubs, FCB und BVB, haben in Europa eindrucksvoll gezeigt, wo fußballtechnisch der Hammer hängt. Da sind selbst Real und Barca regelrecht baden gegangen. Ich sehe also auch bei der Borussia wirklich keinen Grund zum Jammern! :)
5. Herr Klopp und seiner Männer waren gestern gut,
clemensbarono 26.05.2013
sind gut und werden stetig besser. Als BvB - fan bin ich stolz auf die Leistungen, die erbracht wurden. Für Herrn Hoeneß war es eine Art Abschiedsspiel!?
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