Von Peter Ahrens
In München herrscht finaler Ausnahmezustand, und der macht auch vor Bayern-Legenden nicht halt. Wenn an diesem Samstag der FC Bayern im eigenen Stadion den FC Chelsea zum Champions-League-Endspiel empfängt (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), ist Sepp Maier nicht dabei. Der Weltmeister-Torwart von 1974 hat keine Karten mehr bekommen und muss das Finale mit Frau und Hund vor dem Fernseher verfolgen (wie Zehntausende Fußballfans in München feiern, sehen sie hier).
Was er dort sehen wird, ist ein Bayern-Team, das zumindest nach Aussage von Kapitän Philipp Lahm "den Hunger, den Willen, diesen Pokal zu holen" mitbringt. Es ist die Zeit der großen Worte an der Säbener Straße. Pathos hängt in der Luft. Alle beim FC Bayern wissen, dass ein Champions-League-Endspiel in der eigenen Stadt auf sehr lange Zeit nicht mehr erlebbar sein wird (den Mann-gegen Mann-Vergleich Bayern-Chelsea sehen Sie hier).
Entsprechend wird bei der Wortwahl ins ganz hohe Regal gegriffen: Lahm spricht vom "Glauben" an den Titel, Trainer Jupp Heynckes von der "historischen Chance". Die Mannschaft hat in einem offenen Brief mitteilen lassen: "Lasst den Traum wahr werden."
Der FC Bayern ist bereit. Diesen Eindruck vermitteln alle: Offizielle, Trainer und Spieler. Das 2:5-Debakel aus der Vorwoche gegen Borussia Dortmund im DFB-Pokalfinale wurde zuletzt geradezu totgeschwiegen. Dass mit Luiz Gustavo, David Alaba und Holger Badstuber drei feste Größen aus dem Defensivverbund der Münchner wegen der heiß diskutierten Gelbsperren fehlen werden, wurde ebenfalls möglichst wenig thematisiert.
Die Offensive wird es richten müssen
Für Alaba-Ersatz Diego Contento und den Ukrainer Anatoli Timoschtschuk, der in der Innenverteidigung aushelfen soll, wird das Endspiel jedenfalls zur ganz großen Herausforderung. Bei allen Fehlern, die Gustavo und Badstuber gegen Dortmund unterliefen: Die Abwehr ist durch die drei Gelbsperren geschwächt. Besonders der junge Alaba, der in den Halbfinalpartien gegen Real Madrid überragend spielte, wird dem Team fehlen. Badstuber gehörte zu den Leistungsträgern dieser Spielzeit. Umso mehr kommt es auf dessen Nebenmann Jérôme Boateng an. Aber der muss das Pokalfinale erst recht wegstecken - er war der Schwächste gegen den BVB.
Im Angriff hat Heynckes erheblich mehr Spielraum. Arjen Robben, der zuletzt leicht angeschlagen war, hat sich rechtzeitig fit gemeldet. Mit Thomas Müller rückt für Gustavo ein zusätzlicher Angreifer in die Startelf. Toni Kroos, zuletzt auch eher offensiv ausgerichtet, übernimmt den Defensivpart neben Schweinsteiger. Das Signal dieser Aufstellung ist ganz klar: Die Offensive soll es am Samstagabend richten.
Heynckes sagt: "Ich teile die Euphorie draußen nicht, dass der FC Bayern Favorit ist." Der Trainer wirkt in diesen Tagen fast am angespanntesten. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hat den 67-Jährigen kürzlich zum "Mann des Jahres" erhoben, hat dessen Fähigkeit gelobt, in jeder Situation die Ruhe zu bewahren. Aber Heynckes, dessen Vertrag beim FCB im Sommer 2013 endet, ist lang genug dabei, um genau zu wissen: Wenn Bayern diese Partie verliert, dann ist die Saison eine Spielzeit der verpassten Gelegenheiten. Im Sport ist der Zweite meist der erste Verlierer. In München gilt dies in jedem Fall. Keiner ist erpicht darauf, sich als "FC Vize München" verhöhnen zu lassen.
Das Amt des Trainers würde trotz einer Finalniederlage nicht in Gefahr geraten. Heynckes kann, ohne sich Gedanken um seinen Job machen zu müssen, die Vorbereitung für die kommende Spielzeit angehen. Aber: Der große Sprung, den sich die Bayern-Verantwortlichen für dieses Jahr erhofft hatten, wäre dann ausgeblieben. Eine Niederlage gegen Chelsea, zuvor die Demütigung im DFB-Pokal, die erneut verpasste Meisterschaft - das wären die bleibenden Eindrücke dieser Saison.
An diesem Samstag steht viel auf dem Spiel für den FC Bayern. Dass das Team in der Champions League schon so viel mehr erreicht hat, als alle erwartet haben, wird dann hoffentlich nicht vergessen.
FC Bayern München - FC Chelsea Sa. 20.45 Uhr (in München)
(voraussichtliche Aufstellungen)
FC Bayern: Neuer - Lahm, Boateng, Timoschtschuk, Contento - Kroos, Schweinsteiger - Robben, Müller, Ribéry - Gomez
FC Chelsea: Cech - Bosingwa, Cahill, Luiz, Cole - Mikel, Essien - Lampard - Kalou, Mata - Drogba
Schiedsrichter: Proença (Portugal)
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