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Leere Ränge: Warum Wolfsburg das Stadion nicht vollkriegt

Von , Wolfsburg

Beim Champions-League-Spiel gegen Eindhoven werden wieder viele Plätze in Wolfsburg leer bleiben - wie immer unter der Woche. Schuld sind nicht nur die Arbeitszeiten bei Volkswagen. Der Verein hat ein Fan-Problem.

Fußball in Wolfsburg: Hurra, ein ganzer VW-Bus ist da! Fotos
imago

Enttäuschung und Ratlosigkeit dominierten die Gefühlswelt von Wolfsburgs Sportchef Klaus Allofs nach dem Champions-League-Auftakt gegen ZSKA Moskau vor fünf Wochen. Zwar hatte der VfL gewonnen, 1:0 durch ein Tor von Julian Draxler. Doch anstatt sich über die ersten drei Punkte im Wettbewerb zu freuen, ärgerte sich Allofs über den Zuschauerzuspruch, der nicht zur Champions League passte und dem VfL Spott und Häme aus allen Winkeln der Republik eintrug: Nur 20.126 Menschen kamen zum Spiel ins Wolfsburger Stadion, das 30.000 Zuschauer fasst (bei internationalen Spielen 26.000).

Die Suche nach Gründen für die triste Kulisse stellte Allofs vor ein Rätsel. Dass die überschaubare Größe der Stadt Wolfsburg mit rund 125.000 Einwohnern nicht als Erklärung genügt, wusste er selbst. Schließlich seien die Bundesligaheimspiele meistens gut besucht.

Tatsächlich hat der VfL Wolfsburg kein grundsätzliches Problem, sein Stadion vollzubekommen. In der vergangenen Saison kamen im Schnitt 28.199 Menschen zu den Spielen im Ligabetrieb. Bei internationalen Partien und im Pokal gehen allerdings deutlich weniger Karten weg. In der Europa League kamen in der Vorsaison gegen Lille 16.097 Zuschauer, gegen Sporting Lissabon 19.207 Zuschauer. Das Zweitrundenspiel im Pokal gegen Heidenheim wollten nur 7.608 Menschen sehen, das Viertelfinale gegen Freiburg 15.237 Zuschauer.

DPA
Auch das Champions-League-Heimspiel gegen den PSV Eindhoven am Abend (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird wahrscheinlich nicht ausverkauft sein. Die Wolfsburger haben ein Zuschauerproblem bei Spielen unter der Woche - aus folgenden Gründen:

  • Wegen des Schichtsystems bei Volkswagen müssen vielen Mitarbeiter auf den Besuch im Stadion verzichten. Die Partien in der Champions League betreffen die Spät- und Nachtschicht, die sich um 22 Uhr ablösen. "Zwei Schichten fallen komplett raus. Wenn VW nicht steuert, können die Menschen nicht ins Stadion", sagt Wolfsburgs Fanbeauftragter Carsten Ihle.
  • Das Zuschauerpotenzial des VfL ist begrenzt, denn der Klub ist umzingelt von Vereinen mit großer Geschichte und einem über Jahrzehnte gewachsenen Publikum. In westlicher Richtung kommt Eintracht Braunschweig, Deutscher Meister von 1967, der noch in der zweiten Bundesliga auf einen Zuschauerschnitt von über 21.000. Im Osten konkurriert der VfL mit dem 1. FC Magdeburg, dreimal DDR-Meister und Europapokalsieger 1974. Wolfsburg ist nicht der Verein der Region, trotz der Meisterschaft 2009 und des Pokalsiegs in der vergangenen Saison. Als echtes Niedersachen-Derby gilt Hannover gegen Braunschweig, nicht Hannover gegen Wolfsburg.
  • Der VfL wurde erst mit dem Aufstieg 1997 über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Entsprechend dünn sind die Fanstrukturen: "Wir haben erst eine Generation Bundesligafans in unseren Reihen. Das ist bei klassischen Traditionsvereinen natürlich anders", sagt Fanbeauftragter Ihle. Um das Publikum der Zukunft zu gewinnen, arbeitet der Verein mit Schulen und Vereinen aus der Umgebung zusammen. Diese Zielgruppe muss aber "erst mal erwachsen werden und ihr Interesse in gelebte Solidarität umsetzen", formuliert Geschäftsführer Thomas Röttgermann.
  • Das Stammpublikum machen nach Auffassung des Vereins die rund 20.000 Zuschauer aus, die gegen Moskau im Stadion waren. Darüber hinaus hat der VfL viele Gelegenheitsbesucher und Event-Fans. Zuschauer, denen "diese 100-prozentige emotionale Bindung" fehle, wie Röttgermann sagt. Die wegbleiben, wenn das Wetter schlecht ist oder der Gegner unattraktiv.

An der fehlenden Bindung ist der VfL selbst schuld nach Auffassung einiger Fans, die schon länger dabei sind. "Der Verein hat es nicht geschafft, Fußballinteressierte in Fans zu verwandeln. Er schafft keine Emotionalität", sagt David Bebnowski, der seit 1996 zum VfL geht und die erste Wolfsburger Ultra-Gruppe mitgegründet hat, die Brigade Mittellandkanal. Seiner Meinung nach macht es sich der Verein zu einfach, wenn er die Gründe für den schwachen Zuschauer-Zuspruch in der Woche nur an Faktoren festmacht, die nicht im Einflussbereich des VfL liegen.

Aus verschiedenen Ecken der Fan-Szene ist der Wunsch nach mehr Anknüpfungspunkten zu hören und danach, dass der Verein die Verbindung zwischen Volkswagen, der Stadt und dem VfL stärker ausspielt. Dass er zu dem steht, was er nach Auffassung vieler seiner Anhänger ist: ein Arbeiterverein mit einer 70 Jahre langen Tradition.

Doch viele Elemente der Außendarstellung wirken austauschbar. Der Werbespruch des VfL etwa lautet "Fußball ist alles". Das im Jahr 2002 modernisierte Logo stößt auf Ablehnung bei vielen Fans. Sie setzten sich seit Jahren dafür ein, dass der Verein zu seinem alten Wappen zurückkehrt, einem W mit Burg-Zinnen. "Solche Elemente wurden vom Verein glattgeschliffen", sagt Daniel Schmidt vom Vorstand der Supporters, dem Wolfsburger Fan-Dachverband.

Die Organisation hat nach dem Spiel gegen Moskau Lösungsansätze gegen die Zuschauermisere ausgearbeitet und ihre Erkenntnisse Vertretern des VfL vorgestellt. Unter anderem waren Sportchef Allofs und Fanbeauftragter Ihle bei dem Treffen dabei. Die zentrale Botschaft der Supporters lautet, dass der Verein gefordert sei, aus Gelegenheitsbesuchern Fans zu machen. Fans, die zu jedem Spiel kommen.

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insgesamt 39 Beiträge
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1. Gut Ding braucht Weil,
aurichter 21.10.2015
deshalb glaube ich, daß der VFL in 10 - 15 Jahren auch den entsprechenden Zuschauerschnitt auch in Euro vorweisen kann. Wohne leider, leider zu weit entfernt, so daß man nicht in den Genuß kommen kann, auch mal Europa bzw CL hautnah zu erleben. So wird es vielen Fans ergehen, hat nicht immer nur etwas mit Wetter oder Schichtbetrieb zu tun. Leider :-(
2. Fünftens
Lauternjunge 21.10.2015
Einen Punkt hat der Autor vegessen: An einem Bundesligawochenende machen unter anderem auch die gegnerischen Fans das Stadion des VfL voll. Zumindestens wenn die richtigen Mannschaften zu Fast sind. Daher kommt auch die hohe Auslastung von 28000. Wenn Bayern, BVB, HSV, Köln, Hertha oder der FC in Wolfsburg ein Tor schießen jubelt neben dem Gästeblock mal mindestens ein weiters Drittek im Stadion. Nur gegen Hoffenheim oder Augsburg bleibt die Hütte eben auch in der Bundesliga leer.
3. Das leere Stadion des VFL
Pandora0611 21.10.2015
Wenn 20.000 Zuschauer kommen, ist das doch gut. Kommen aber nur 7.000, ist das schlecht. Dafür gibt es aber verschiedene Gründe. Es sind nicht nur die Arbeitszeiten während der Woche. Man muss die Spiele nicht unbedingt sehen. Und aus dem Raum Braunschweig kommen bestimmt keine Fans.
4. Der Verein basiert doch auf dem Betriebssport, wie...
AundZwanzig 21.10.2015
...viele andere Vereine in diversen Sportarten in Deutschland auch. Es ist doch wohl kein Wunder, dass dann Plätze frei bleiben, wenn in der zum Verein gehörenden Firma zum Spielzeitpunkt Hochbetrieb herrscht. Betriebssport hat nun mal in erster Linie eine Bindung zum jeweiligen Betrieb.
5.
_derhenne 21.10.2015
Ja, das ist wirklich eines der letzten ungelösten Rätsel unserer Zeit... NEIN! Dieser künstlich geschaffene Club in einer künstlich geschaffenen Stadt der Provinz hat den Sympathiewert eines ungesüßten Dinkelkekses, wer soll denn dahin gehen?
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